Beobachtungsbogen
Drei Spalten, zwei Wochen – und ein Muster, das vorher niemand sah
Wozu dieser Bogen gut ist
Wenn ein Mensch schlägt, schreit, wegläuft oder sich zurückzieht, ist die erste Frage meist „Wie stellen wir das ab?“. Die nützlichere Frage lautet: Was erledigt dieses Verhalten für die Person? Fast immer erledigt es etwas – es beendet eine Anforderung, es holt jemanden herbei, es verschafft Ruhe. Dann ist es eine Mitteilung, nur eine teure.
Diese Funktion errät man nicht am Schreibtisch, man beobachtet sie. Das Werkzeug dafür ist so schlicht, dass es oft unterschätzt wird: aufschreiben, was vorher geschah, was genau die Person tat und was unmittelbar danach folgte. Wer das zwei Wochen lang bei jeder Episode notiert, sieht in der Regel ein Muster, das vorher niemand gesehen hat.
Rechnen Sie mit einem unbequemen Befund. Häufig zeigt die Aufzeichnung, dass wir das Verhalten trainiert haben – weil es die einzige Mitteilung war, auf die wir zuverlässig reagiert haben.
Manche Menschen schlagen oder schreien.
Oder sie gehen weg.
Meistens wollen sie damit etwas sagen.
Mit diesem Bogen finden Sie heraus, was.
Sie schreiben auf:
Was war vorher?
Was hat die Person gemacht?
Was kam danach?
Machen Sie das zwei Wochen lang.
Dann sehen Sie oft ein Muster.
Drei Regeln beim Ausfüllen
1. Beschreiben, nicht deuten. In die Spalte „Was zu sehen war“ gehört, was eine Kamera aufgezeichnet hätte: „schiebt den Teller vom Tisch“ – nicht „war frustriert“. Ihre Vermutung hat eine eigene Spalte, ganz rechts. Diese Trennung ist der halbe Wert des Bogens.
2. Sofort notieren, nicht abends. Was danach folgte, erinnert man nach acht Stunden falsch – meist zugunsten der eigenen Reaktion.
3. Auch die kleinen Episoden. Nur die Eskalationen aufzuschreiben, verzerrt das Bild. Gerade die unauffälligen Stellen zeigen, was sonst noch wirkt.
1. Schreiben Sie nur auf, was Sie gesehen haben.
Nicht, was Sie sich denken.
Für Ihre Vermutung gibt es eine eigene Spalte.
2. Schreiben Sie es gleich auf.
Nicht erst am Abend.
3. Schreiben Sie auch kleine Sachen auf.
Der Bogen
| Nr. | Wann und woDatum, Uhrzeit, Situation | DavorWas ging unmittelbar voraus? | Was zu sehen warNur beschreiben, nicht deuten | DanachWas folgte unmittelbar? Wer tat was? | Was es heißen könnteIhre Vermutung – keine Beobachtung | Zeile entfernen |
|---|
Ihre Einträge bleiben auf diesem Gerät und werden nirgendwohin gesendet. Wer lieber auf Papier schreibt, druckt gleich den leeren Bogen.
Wenn zwei Wochen voll sind
Legen Sie die Zeilen nebeneinander und suchen Sie nach Wiederholungen – nicht nach Erklärungen. Meist fällt eine der beiden Kombinationen auf:
- Es passiert fast nur bei Anforderungen – und es beendet sie fast immer. Dann heißt das Verhalten vermutlich: Pause. Aufhören. Nicht jetzt.
- Es passiert fast nur in unstrukturierten Wartezeiten – und es bringt fast immer jemanden herbei. Dann heißt es vermutlich: Komm her. Mir ist langweilig.
Damit ist die eigentliche Frage beantwortet: Welches Wort fehlt im Vokabular? Der nächste Schritt ist nicht, das Verhalten abzustellen, sondern der Person einen Weg zu geben, der dasselbe erledigt – nur schneller und zuverlässiger. Ein neuer Weg, der langsamer ist als das alte Verhalten, wird nicht benutzt.
Ausführlich steht das im Grundlagentext „Verhalten als Kommunikation“; zur Haltung dahinter „Beobachten statt Testen“.
Dieser Bogen ist ein Arbeitsmittel für den Alltag, kein Testverfahren und keine Diagnostik. Er ersetzt keine fachliche Begleitung; bei Gefahr für die Person oder andere gehört Fachberatung dazu.
Schauen Sie sich alle Zeilen zusammen an.
Gibt es etwas, das oft gleich ist?
Oft ist es eines von zwei Dingen:
Die Person will eine Pause.
Oder die Person will, dass jemand kommt.
Dann wissen Sie: Dieses Wort fehlt.
Geben Sie der Person einen besseren Weg.
Der neue Weg muss schneller gehen.
Sonst benutzt sie ihn nicht.
Der Bogen ist kein Test.
Er ersetzt keine Beratung.