Das ABC-Wörterbuch
Das ABC-Wörterbuch in der Unterstützten Kommunikation
Was ist ein ABC-Wörterbuch?
Ein ABC-Wörterbuch ist eine alphabetisch organisierte Wortsammlung innerhalb eines UK-Geräts oder einer UK-Software. Im Gegensatz zur thematischen Organisation, bei der Wörter nach Kategorien (Essen, Tiere, Gefühle usw.) sortiert sind, ordnet das ABC-Wörterbuch alle verfügbaren Wörter nach ihrem Anfangsbuchstaben. Die Person navigiert zunächst zum gewünschten Buchstaben und sieht dann alle Wörter, die mit diesem Buchstaben beginnen.
Ein verbreitetes Missverständnis ist, dass man die Buchstaben bereits beherrschen muss, bevor man das ABC-Wörterbuch nutzen kann. Das Gegenteil ist der Fall: Buchstaben werden DURCH die Nutzung des ABC-Bereichs gelernt. Das ABC-Wörterbuch ist sowohl ein Kommunikationswerkzeug als auch ein Lernwerkzeug – es verbindet den Erwerb von Buchstabenwissen direkt mit der Kommunikation.
Ein ABC-Wörterbuch sortiert Wörter nach dem Anfangsbuchstaben.
Man tippt einen Buchstaben.
Dann sieht man alle Wörter mit diesem Buchstaben.
Zum Beispiel: Man tippt „H“.
Dann sieht man: Hund, Haus, Hunger, Hilfe.
So findet man schnell das richtige Wort.
Den Buchstaben lernt man durch das Benutzen.
ABC-Wörterbuch mit Teilfähigkeiten nutzen
Man muss nicht alle Buchstaben kennen, um das ABC-Wörterbuch zu nutzen. Schon mit minimalen Buchstabenkenntnissen wird das Wörterbuch zu einem mächtigen Werkzeug:
- 1 Buchstabe bekannt: Die Person tippt den Anfangsbuchstaben und sieht alle Wörter, die damit beginnen. Aus einer überschaubaren Liste wird das gewünschte Wort ausgewählt.
- 2 Buchstaben bekannt: Die Suche wird präziser. Statt aller Wörter mit „S" erscheinen nur Wörter mit „Sc" oder „Sp" — die Auswahl wird deutlich kleiner und schneller.
- Erfahrungen sammeln: Durch die regelmäßige Nutzung lernen Nutzer:innen neue Buchstaben kennen. Das ABC-Wörterbuch wird so gleichzeitig zum Kommunikationswerkzeug UND zum Lernwerkzeug.
Dieser Ansatz macht Literacy-Förderung praktisch und alltagsnah: Die Person kommuniziert UND lernt gleichzeitig — ohne künstliche Übungssituationen.
Lernen DURCH Nutzung — nicht als Vorbedingung
Das ABC-Wörterbuch ist ein Lernwerkzeug. Nutzer:innen entdecken Buchstaben, lernen Pfade zu Wörtern und bauen Wissen schrittweise auf. Das ist das Prinzip des Emergent Literacy: Lernen geschieht durch Erfahrung, nicht durch Vorbedingungen.
Motorisches Lernen (Motor Planning): Durch wiederholte Nutzung des ABC-Bereichs lernen Nutzer:innen motorisch, welche Buchstaben für bestimmte Wörter gebraucht werden, wo diese Buchstaben stehen und wie man sie ansteuert. Dieses motorische Lernen passiert automatisch durch den regelmäßigen Gebrauch. Die Pfade zu häufig genutzten Wörtern werden zunehmend schneller und sicherer.
Natürliche Lernreihenfolge: Im Kindergarten und in der Grundschule lernen Kinder ZUERST Buchstaben, dann Lesen und Schreiben. Wortarten (Nomen, Verben, Adjektive) und grammatische Kategorien kommen deutlich später im Lehrplan (vgl. Scheerer-Neumann; Grundschullehrpläne). Der alphabetische Ansatz im ABC-Wörterbuch folgt genau dieser natürlichen Lernreihenfolge des Schriftspracherwerbs.
Fairer Vergleich: Bei kategoriebasierten Vokabularen wird ebenfalls nicht vorausgesetzt, dass die nutzende Person bereits Wortarten kennt oder versteht, was „Verben" oder „Adjektive" sind — sie lernt es durch den Gebrauch. Genauso lernt man im ABC-Ansatz Buchstaben durch Nutzung. Beide Ansätze setzen auf Lernen durch Erfahrung — der Unterschied liegt in der Organisationsform, nicht in den Voraussetzungen.
Auch ein bisschen Wissen hilft schon.
Man muss nicht alle Buchstaben kennen.
Wer nur einen Buchstaben kennt, kann schon suchen.
Wer zwei Buchstaben kennt, findet noch schneller.
Je öfter man das Wörterbuch benutzt, desto mehr lernt man.
Man übt das Lesen ganz nebenbei.
Man lernt die Buchstaben durch das Benutzen.
Man muss sie nicht vorher können.
Vorteile des ABC-Wörterbuchs
Schneller Zugriff auf bekannte Wörter: Wenn die Person weiß, mit welchem Buchstaben ein Wort beginnt, kann sie es über das ABC-Wörterbuch oft schneller finden als über die thematische Suche. Statt sich durch mehrere Kategorien zu navigieren, geht sie direkt zum Anfangsbuchstaben und wählt das gewünschte Wort aus.
Förderung des alphabetischen Bewusstseins: Durch die regelmäßige Nutzung des ABC-Wörterbuchs wird das Wissen über Buchstaben und deren Reihenfolge im Alphabet ständig trainiert. Die Person lernt, Wörter nach ihrem Anfangsbuchstaben zu kategorisieren, was eine wichtige Vorläuferfähigkeit für das Lesen und Schreiben ist.
Erweiterung des Kommunikationsspektrums: Das ABC-Wörterbuch enthält oft deutlich mehr Wörter als die thematischen Seiten des UK-Systems. Es bietet damit Zugang zu einem erweiterten Vokabular und ermöglicht differenziertere Aussagen, die über das Kernvokabular hinausgehen.
Das ABC-Wörterbuch hat viele Vorteile.
Man findet Wörter schnell.
Man lernt das Alphabet besser kennen.
Man übt, wie Wörter geschrieben werden.
Es gibt mehr Wörter als auf den normalen Seiten.
So kann man sich besser ausdrücken.
Das Alphabet als gemeinsames System in inklusiven Umgebungen
In inklusiven Umgebungen wie Regelschulen, Arbeitsplätzen oder im öffentlichen Raum ist die entscheidende Frage nicht, ob alle dasselbe UK-Vokabular nutzen, sondern ob alle Kommunikationspartner das System verstehen und unterstützen können. Genau hier liegt der einzigartige Vorteil alphabetischer Systeme: Das Alphabet ist das universelle Kommunikationssystem jeder literaten Gesellschaft. Eltern, Geschwister, Mitschüler, Busfahrer, Verkäufer — sie alle kennen Buchstaben und Wörter. Sie können alphabetische Kommunikation sofort verstehen und modellieren, ohne Zusatzschulung – Buchstaben kennen fast alle Bezugspersonen bereits.
Forschung zu kommunikativer Kompetenz zeigt, dass erfolgreiche Unterstützte Kommunikation nicht nur die Fähigkeiten der nutzenden Person betrifft, sondern ebenso die der Kommunikationspartner (Light & McNaughton, 2014). Systeme, die umfangreiches Partnertraining voraussetzen, können in inklusiven Settings unbeabsichtigt Barrieren schaffen, weil ungeschulte Partner die Kommunikation dann schwerer unterstützen können (Beukelman & Light, 2020).
Alphabetisches Wissen ist zudem vollständig transferierbar: Es überträgt sich auf Handschrift, Tastatur, Augensteuerung, Blick-Tafeln, E-Mail, WhatsApp und jedes andere schriftbasierte Medium. Dieses Wissen ist niemals an ein einzelnes Gerät oder System gebunden. Bei systemspezifischen Kodierungen ist diese Übertragbarkeit eingeschränkt.
Das häufige Argument, alle in einer Einrichtung sollten dasselbe UK-System verwenden, verkennt eine einfache Tatsache: Das Alphabet IST bereits das gemeinsame System. Es wird nur nicht als solches erkannt, weil es so selbstverständlich ist. Statt von allen Beteiligten das Erlernen eines spezialisierten Systems zu verlangen, nutzen alphabetische Ansätze das Wissen, das bereits vorhanden ist (vgl. Erickson & Koppenhaver, 2020; Sturm & Clendon, 2004).
Quellen: Light, J. & McNaughton, D. (2014). Communicative Competence. AAC, 30(1), 1–18. | Beukelman, D. & Light, J. (2020). Augmentative & Alternative Communication. Brookes. | Erickson, K. & Koppenhaver, D. (2020). Comprehensive Literacy for All. Brookes. | Sturm, J. & Clendon, S. (2004). AAC, Language, and Literacy. Topics in Language Disorders, 24(1).
Sehr viele Menschen kennen das Alphabet.
Eltern kennen es.
Lehrer kennen es.
Kinder in der Schule kennen es.
Der Bus-Fahrer kennt es auch.
Wenn man mit Buchstaben kommuniziert, verstehen das sehr viele Menschen sofort.
Fast niemand braucht eine besondere Schulung.
Buchstaben funktionieren überall:
Auf dem Tablet.
Auf dem Computer.
Auf einer Buchstaben-Tafel.
In einer E-Mail.
In einer WhatsApp-Nachricht.
Buchstaben kennen sehr viele Menschen schon.
So können fast alle sofort mitmachen.
Deshalb ist das Alphabet ein sehr gutes gemeinsames System.
Verbindung von Symbolen und Buchstaben
Ein besonderer Vorteil des ABC-Wörterbuchs liegt in der systematischen Verbindung von Symbolen und Schrift. Jeder Eintrag zeigt typischerweise sowohl ein Symbol als auch das geschriebene Wort. Die Person sieht bei jeder Nutzung beide Repräsentationsformen nebeneinander und lernt so, die Verbindung zwischen dem vertrauten Symbol und dem geschriebenen Wort herzustellen.
Diese duale Darstellung ist ein wichtiger Baustein des Literacy-Erwerbs. Die Person baut schrittweise einen Sichtwortschatz auf, indem sie die geschriebenen Wörter wiederholt sieht und mit ihrer Bedeutung verknüpft. Mit wachsender Literacy-Kompetenz kann die Person zunehmend auf die Symbole verzichten und sich an der Schrift orientieren – ein natürlicher Übergang von der symbolbasierten zur schriftbasierten Kommunikation.
Bei jedem Wort sieht man ein Bild und den Text.
Das Bild und das Wort bedeuten dasselbe.
So lernt man beide Formen kennen.
Man sieht das Bild und liest das Wort dazu.
Mit der Zeit erkennt man die Wörter ohne Bild.
Das ist ein wichtiger Schritt beim Lesenlernen.
ABC-Wörterbücher in Scripo Start und Pro
Die Vokabulare Scripo Start und Scripo Pro integrieren ABC-Wörterbücher als festen Bestandteil ihrer Konzeption. In Scripo Start dient das ABC-Wörterbuch als Ergänzung zum symbolbasierten Kernvokabular. Die Person kann über einen dedizierten Button vom Kernvokabular zum ABC-Wörterbuch wechseln und dort zusätzliche Wörter finden, die auf den Symbolseiten nicht verfügbar sind.
In Scripo Pro ist das ABC-Wörterbuch noch stärker mit der Gesamtstruktur verwoben. Hier dient es als Brücke zwischen der Symbolebene und der Textebene. Fortgeschrittene Nutzer können über das ABC-Wörterbuch schnell auf ein großes Vokabular zugreifen, das sie über die Anfangsbuchstaben navigieren. Die Sprachausgabe liest die geschriebenen Wörter vor, was die Laut-Schrift-Verbindung weiter festigt.
In Scripo Start und Scripo Pro gibt es ABC-Wörterbücher.
Sie sind direkt eingebaut.
Man drückt einen Knopf und ist im Wörterbuch.
Man kann jederzeit hin- und herwechseln.
Das Gerät liest die Wörter auch vor.
So hört man, wie das Wort klingt.
Praktische Nutzung im Alltag
Im Alltag erweist sich das ABC-Wörterbuch als besonders nützlich in Situationen, in denen die Person ein spezifisches Wort benötigt, das auf den thematischen Seiten nicht vorhanden ist. Das kann der Name eines Freundes sein, ein bestimmtes Lebensmittel, ein Ort oder ein Gegenstand. Wenn die Person den Anfangsbuchstaben kennt, kann sie das Wort eigenständig im ABC-Wörterbuch finden – ohne auf die Hilfe einer Bezugsperson angewiesen zu sein.
Auch beim Erzählen von Erlebnissen, beim Beschreiben von Gegenständen oder beim Äußern von Wünschen bietet das ABC-Wörterbuch einen wertvollen Zugang zu einem erweiterten Wortschatz. Die Person wird zunehmend unabhängig in ihrer Wortwahl und kann sich präziser ausdrücken, als es mit dem Kernvokabular allein möglich wäre.
Das ABC-Wörterbuch hilft im Alltag.
Man will ein bestimmtes Wort sagen.
Zum Beispiel: den Namen eines Freundes.
Oder ein bestimmtes Essen.
Oder einen Ort, den man besuchen will.
Man sucht den Anfangsbuchstaben und findet das Wort.
Das geht ganz ohne fremde Hilfe.
Didaktische Ideen für den Einsatz
Buchstaben-Rallye: Geben Sie der Person einen Buchstaben vor und lassen Sie sie alle Wörter finden, die mit diesem Buchstaben beginnen. Diese Übung trainiert die Navigation im ABC-Wörterbuch und festigt die Buchstabenkenntnis. Variante: Die Person wählt selbst einen Buchstaben und sucht ihr Lieblingswort.
Wort des Tages: Wählen Sie jeden Tag gemeinsam ein neues Wort aus dem ABC-Wörterbuch aus. Sprechen Sie über die Bedeutung, die Schreibweise und den Anfangsbuchstaben. Nutzen Sie das Wort im Laufe des Tages in der Kommunikation. So erweitert sich der aktive Wortschatz systematisch.
Rätsel und Quiz: Beschreiben Sie ein Wort und lassen Sie die Person es im ABC-Wörterbuch finden. Zum Beispiel: „Ich suche ein Tier, das fliegen kann und mit V anfängt.“ Diese Aktivität verbindet Weltwissen, Buchstabenkenntnis und Navigation im Wörterbuch.
Geschichten ergänzen: Erzählen Sie eine Geschichte und lassen Sie die Person an bestimmten Stellen ein passendes Wort aus dem ABC-Wörterbuch auswählen. So wird das Wörterbuch in einen kommunikativen und kreativen Kontext eingebettet.
Man kann mit dem ABC-Wörterbuch auch spielen.
Zum Beispiel: Finde alle Wörter mit „B“.
Oder: Finde ein Tier, das mit „V“ anfängt.
Man kann jeden Tag ein neues Wort lernen.
Man kann Geschichten mit Wörtern ergänzen.
So macht Lernen Spaß.
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