Für Menschen, die Unterstützte Kommunikation nutzen, ist der Erwerb von Lese- und Schreibfähigkeiten von besonderer Bedeutung. Literacy eröffnet Möglichkeiten, die weit über das hinausgehen, was symbolbasierte Kommunikationssysteme allein leisten können.
1. Selbstbestimmung und Unabhängigkeit: Wer lesen und schreiben kann, ist weniger auf andere angewiesen. Die Person kann selbst entscheiden, was sie mitteilen möchte, ohne darauf zu warten, dass jemand die passenden Symbole oder Wörter bereitstellt. Lese- und Schreibfähigkeiten können der Schlüssel zu mehr Selbstbestimmung sein.
2. Kommunikationsunabhängigkeit: Symbolbasierte Kommunikationssysteme enthalten immer nur eine begrenzte Auswahl an vorprogrammierten Wörtern und Sätzen. Wer lesen und schreiben kann, ist nicht mehr auf dieses eingeschränkte Vokabular angewiesen. Die Person kann jedes beliebige Wort schreiben und damit jede erdenkliche Botschaft formulieren.
3. Gesellschaftliche Teilhabe: Lesen und Schreiben sind die Grundlage für die Teilhabe an der Gesellschaft. E-Mails schreiben, Nachrichten lesen, soziale Medien nutzen, Formulare ausfüllen, Fahrpläne lesen, Online-Einkäufe tätigen – all das setzt Schriftsprachkompetenz voraus. Ohne diese Fähigkeiten bleiben viele Lebensbereiche verschlossen.
4. Zugang zu Bildung und Information: Lesen ist das zentrale Werkzeug für lebenslanges Lernen. Wer lesen kann, hat Zugang zu Büchern, Artikeln, Webseiten und Lernmaterialien aller Art. Bildung ist ein Menschenrecht, und Literacy ist der wichtigste Zugangsweg dazu.
5. Soziale und emotionale Vorteile: Wer lesen und schreiben kann, kann Freundschaften pflegen, Briefe und Nachrichten austauschen, Tagebuch schreiben und eigene Gedanken festhalten. Die Fähigkeit, eigene Erlebnisse und Gefühle in Worte zu fassen, stärkt das Selbstbewusstsein und die emotionale Gesundheit.
6. Berufliche Perspektiven: Auch für Menschen mit komplexen Behinderungen eröffnen Lese- und Schreibfähigkeiten berufliche Möglichkeiten. In Werkstätten, bei unterstützter Beschäftigung oder in inklusiven Arbeitsumgebungen sind grundlegende Literacy-Fähigkeiten ein großer Vorteil.
7. Unbegrenztes Kommunikationsspektrum: Lesen und Schreiben bieten das größte, prinzipiell offene Kommunikationsspektrum. Während symbolbasierte Systeme immer eine Vorauswahl darstellen, ermöglicht die Schriftsprache den Ausdruck jedes Gedankens, jeder Frage und jedes Wunsches – genauso wie bei sprechenden Menschen.
Sofort einsetzbar UND Erweiterung ermöglichen
Ein zentrales Prinzip der AAC-Forschung (vgl. Light & McNaughton, 2014) für die Wahl eines Kommunikationssystems: Es muss mit den aktuellen Fähigkeiten der Person sofort nutzbar sein — und es muss gleichzeitig Erweiterung und Wachstum ermöglichen. Diese doppelte Anforderung ist entscheidend: Ein System, das nur den aktuellen Stand abbildet, bremst die Entwicklung. Ein System, das zu anspruchsvoll ist, kann nicht genutzt werden. Scripo Start und Scripo Pro von AssistUK erfüllen beide Anforderungen: Kommentare, thematische Seitensets mit fertigen Sätzen und ein persönliches ICH-Buch ermöglichen sofortige Kommunikation ohne Vorkenntnisse. Der integrierte ABC-Bereich bietet gleichzeitig den Weg zur systematischen Erweiterung der Lese- und Schreibfähigkeiten.
Auch Teilfähigkeiten zählen
Literacy ist kein Alles-oder-Nichts. Jeder Schritt in Richtung Lesen und Schreiben ist wertvoll — auch wenn er klein ist. Wer den ersten Buchstaben eines Wortes kennt, kann bereits den ABC-Bereich im Vokabular gezielt nutzen. Wer zwei Buchstaben kennt, kann die Suche weiter einschränken. So werden auch Teilfähigkeiten zu echten Werkzeugen für Kommunikation und Teilhabe.
Das bedeutet: Es gibt keinen Zeitpunkt, an dem Literacy-Förderung „zu früh" oder „noch nicht sinnvoll" ist. Jede Erfahrung mit Buchstaben, Wörtern und Schrift baut aufeinander auf und erweitert die kommunikativen Möglichkeiten.
Lernen DURCH Nutzung — das Prinzip des ABC-Bereichs
Ein verbreitetes Missverständnis ist, dass man Buchstaben bereits kennen muss, bevor man den ABC-Bereich nutzen kann. Das Gegenteil ist der Fall: Man lernt Buchstaben DURCH die Nutzung des ABC-Bereichs. Dies entspricht dem Prinzip des Emergent Literacy — Lernen geschieht durch Erfahrung, nicht durch Vorbedingungen.
Motorisches Lernen: Durch wiederholte Nutzung des ABC-Bereichs lernen Nutzer:innen motorisch, welche Buchstaben für bestimmte Wörter gebraucht werden, wo diese Buchstaben stehen und wie man sie ansteuert. Dieses motorische Lernen (Motor Planning) passiert automatisch durch den regelmäßigen Gebrauch — ähnlich wie ein Kind, das schreiben lernt, die Bewegungen für Buchstaben durch Wiederholung verinnerlicht.
Jede Nutzung erzeugt Gedächtnisspuren: Der Weg über den Anfangsbuchstaben hinterlässt bei jedem einzelnen Wort eine Spur — wie der Buchstabe aussieht, wie er klingt, wo er liegt, welche Wörter mit ihm beginnen. Diese Spuren vertiefen sich mit jeder Wiederholung und verbinden sich zu genau dem Netz, auf dem später Lesen und Schreiben aufbauen. Das ist der stille Doppelnutzen des ABC als Ordnungsprinzip: Kommunizieren und Literacy-Lernen sind nicht zwei getrennte Aktivitäten, sondern ein und dieselbe Handlung.
Das alphabetische Prinzip folgt der natürlichen Lernreihenfolge: Im Kindergarten und in der Grundschule lernen Kinder ZUERST Buchstaben, dann Lesen und Schreiben. Wortarten (Nomen, Verben, Adjektive) und grammatische Kategorien kommen deutlich später im Lehrplan (vgl. Scheerer-Neumann; Grundschullehrpläne). Der alphabetische Ansatz im ABC-Bereich folgt genau dieser natürlichen Lernreihenfolge des Schriftspracherwerbs.
Schrift als universelles gemeinsames System
In inklusiven Umgebungen wird oft argumentiert, alle Beteiligten sollten dasselbe UK-System nutzen. Der alphabetische Ansatz erfüllt genau das — auf der universellsten Ebene: Alle nutzen das gleiche System, und das ist Schrift. Das Alphabet ist das Kommunikationssystem, das praktisch jeder Mensch in unserer schriftsprachlichen Umwelt bereits beherrscht. Eltern, Lehrkräfte, Mitschüler, Assistenz, Busfahrer — alle können alphabetische Kommunikation sofort verstehen, unterstützen und modellieren. Buchstaben kennen fast alle Kommunikationspartner bereits – Modelling gelingt ohne Zusatzschulung.
Forschung zu kommunikativer Kompetenz zeigt: Erfolgreiche Unterstützte Kommunikation betrifft nicht nur die nutzende Person, sondern ebenso die Kommunikationspartner (Light & McNaughton, 2014). Systeme, die umfangreiches Partnertraining voraussetzen, schaffen in inklusiven Settings Barrieren. Alphabetische Kompetenz ist zudem vollständig transferierbar — auf Blick-ABC, Buchstabentafeln, Tastatur, Handschrift, E-Mail und jedes andere schriftbasierte Medium. Das Wissen ist niemals an ein einzelnes Gerät oder System gebunden (vgl. Erickson & Koppenhaver, 2020; Sturm & Clendon, 2004).
Lesen und Schreiben sind sehr wichtig.
Wer lesen und schreiben kann, ist freier.
Man kann selbst bestimmen, was man sagt.
Man kann jedes Wort schreiben.
Nicht nur die Wörter im Gerät.
Man kann Nachrichten schreiben.
Man kann in der Schule mitmachen.
Auch ein bisschen Lesen hilft schon.
Zum Beispiel: Wer einen Buchstaben kennt, kann schon Wörter suchen.