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Lesen & Schreiben

Literacy und Schriftspracherwerb für alle

Von Lars Tiedemann, Dipl. Heilpädagoge · Stand: März 2026

Warum Lesen und Schreiben so wichtig ist

Literacy-Symbol

Für Menschen, die Unterstützte Kommunikation nutzen, ist der Erwerb von Lese- und Schreibfähigkeiten von besonderer Bedeutung. Literacy eröffnet Möglichkeiten, die weit über das hinausgehen, was symbolbasierte Kommunikationssysteme allein leisten können.

1. Selbstbestimmung und Unabhängigkeit: Wer lesen und schreiben kann, ist weniger auf andere angewiesen. Die Person kann selbst entscheiden, was sie mitteilen möchte, ohne darauf zu warten, dass jemand die passenden Symbole oder Wörter bereitstellt. Lese- und Schreibfähigkeiten können der Schlüssel zu mehr Selbstbestimmung sein.

2. Kommunikationsunabhängigkeit: Symbolbasierte Kommunikationssysteme enthalten immer nur eine begrenzte Auswahl an vorprogrammierten Wörtern und Sätzen. Wer lesen und schreiben kann, ist nicht mehr auf dieses eingeschränkte Vokabular angewiesen. Die Person kann jedes beliebige Wort schreiben und damit jede erdenkliche Botschaft formulieren.

3. Gesellschaftliche Teilhabe: Lesen und Schreiben sind die Grundlage für die Teilhabe an der Gesellschaft. E-Mails schreiben, Nachrichten lesen, soziale Medien nutzen, Formulare ausfüllen, Fahrpläne lesen, Online-Einkäufe tätigen – all das setzt Schriftsprachkompetenz voraus. Ohne diese Fähigkeiten bleiben viele Lebensbereiche verschlossen.

4. Zugang zu Bildung und Information: Lesen ist das zentrale Werkzeug für lebenslanges Lernen. Wer lesen kann, hat Zugang zu Büchern, Artikeln, Webseiten und Lernmaterialien aller Art. Bildung ist ein Menschenrecht, und Literacy ist der wichtigste Zugangsweg dazu.

5. Soziale und emotionale Vorteile: Wer lesen und schreiben kann, kann Freundschaften pflegen, Briefe und Nachrichten austauschen, Tagebuch schreiben und eigene Gedanken festhalten. Die Fähigkeit, eigene Erlebnisse und Gefühle in Worte zu fassen, stärkt das Selbstbewusstsein und die emotionale Gesundheit.

6. Berufliche Perspektiven: Auch für Menschen mit komplexen Behinderungen eröffnen Lese- und Schreibfähigkeiten berufliche Möglichkeiten. In Werkstätten, bei unterstützter Beschäftigung oder in inklusiven Arbeitsumgebungen sind grundlegende Literacy-Fähigkeiten ein großer Vorteil.

7. Unbegrenztes Kommunikationsspektrum: Lesen und Schreiben bieten das größte, prinzipiell offene Kommunikationsspektrum. Während symbolbasierte Systeme immer eine Vorauswahl darstellen, ermöglicht die Schriftsprache den Ausdruck jedes Gedankens, jeder Frage und jedes Wunsches – genauso wie bei sprechenden Menschen.

Sofort einsetzbar UND Erweiterung ermöglichen

Ein zentrales Prinzip der AAC-Forschung (vgl. Light & McNaughton, 2014) für die Wahl eines Kommunikationssystems: Es muss mit den aktuellen Fähigkeiten der Person sofort nutzbar sein — und es muss gleichzeitig Erweiterung und Wachstum ermöglichen. Diese doppelte Anforderung ist entscheidend: Ein System, das nur den aktuellen Stand abbildet, bremst die Entwicklung. Ein System, das zu anspruchsvoll ist, kann nicht genutzt werden. Scripo Start und Scripo Pro von AssistUK erfüllen beide Anforderungen: Kommentare, thematische Seitensets mit fertigen Sätzen und ein persönliches ICH-Buch ermöglichen sofortige Kommunikation ohne Vorkenntnisse. Der integrierte ABC-Bereich bietet gleichzeitig den Weg zur systematischen Erweiterung der Lese- und Schreibfähigkeiten.

Auch Teilfähigkeiten zählen

Literacy ist kein Alles-oder-Nichts. Jeder Schritt in Richtung Lesen und Schreiben ist wertvoll — auch wenn er klein ist. Wer den ersten Buchstaben eines Wortes kennt, kann bereits den ABC-Bereich im Vokabular gezielt nutzen. Wer zwei Buchstaben kennt, kann die Suche weiter einschränken. So werden auch Teilfähigkeiten zu echten Werkzeugen für Kommunikation und Teilhabe.

Das bedeutet: Es gibt keinen Zeitpunkt, an dem Literacy-Förderung „zu früh" oder „noch nicht sinnvoll" ist. Jede Erfahrung mit Buchstaben, Wörtern und Schrift baut aufeinander auf und erweitert die kommunikativen Möglichkeiten.

Lernen DURCH Nutzung — das Prinzip des ABC-Bereichs

Ein verbreitetes Missverständnis ist, dass man Buchstaben bereits kennen muss, bevor man den ABC-Bereich nutzen kann. Das Gegenteil ist der Fall: Man lernt Buchstaben DURCH die Nutzung des ABC-Bereichs. Dies entspricht dem Prinzip des Emergent Literacy — Lernen geschieht durch Erfahrung, nicht durch Vorbedingungen.

Motorisches Lernen: Durch wiederholte Nutzung des ABC-Bereichs lernen Nutzer:innen motorisch, welche Buchstaben für bestimmte Wörter gebraucht werden, wo diese Buchstaben stehen und wie man sie ansteuert. Dieses motorische Lernen (Motor Planning) passiert automatisch durch den regelmäßigen Gebrauch — ähnlich wie ein Kind, das schreiben lernt, die Bewegungen für Buchstaben durch Wiederholung verinnerlicht.

Jede Nutzung erzeugt Gedächtnisspuren: Der Weg über den Anfangsbuchstaben hinterlässt bei jedem einzelnen Wort eine Spur — wie der Buchstabe aussieht, wie er klingt, wo er liegt, welche Wörter mit ihm beginnen. Diese Spuren vertiefen sich mit jeder Wiederholung und verbinden sich zu genau dem Netz, auf dem später Lesen und Schreiben aufbauen. Das ist der stille Doppelnutzen des ABC als Ordnungsprinzip: Kommunizieren und Literacy-Lernen sind nicht zwei getrennte Aktivitäten, sondern ein und dieselbe Handlung.

Das alphabetische Prinzip folgt der natürlichen Lernreihenfolge: Im Kindergarten und in der Grundschule lernen Kinder ZUERST Buchstaben, dann Lesen und Schreiben. Wortarten (Nomen, Verben, Adjektive) und grammatische Kategorien kommen deutlich später im Lehrplan (vgl. Scheerer-Neumann; Grundschullehrpläne). Der alphabetische Ansatz im ABC-Bereich folgt genau dieser natürlichen Lernreihenfolge des Schriftspracherwerbs.

Schrift als universelles gemeinsames System

In inklusiven Umgebungen wird oft argumentiert, alle Beteiligten sollten dasselbe UK-System nutzen. Der alphabetische Ansatz erfüllt genau das — auf der universellsten Ebene: Alle nutzen das gleiche System, und das ist Schrift. Das Alphabet ist das Kommunikationssystem, das praktisch jeder Mensch in unserer schriftsprachlichen Umwelt bereits beherrscht. Eltern, Lehrkräfte, Mitschüler, Assistenz, Busfahrer — alle können alphabetische Kommunikation sofort verstehen, unterstützen und modellieren. Buchstaben kennen fast alle Kommunikationspartner bereits – Modelling gelingt ohne Zusatzschulung.

Forschung zu kommunikativer Kompetenz zeigt: Erfolgreiche Unterstützte Kommunikation betrifft nicht nur die nutzende Person, sondern ebenso die Kommunikationspartner (Light & McNaughton, 2014). Systeme, die umfangreiches Partnertraining voraussetzen, schaffen in inklusiven Settings Barrieren. Alphabetische Kompetenz ist zudem vollständig transferierbar — auf Blick-ABC, Buchstabentafeln, Tastatur, Handschrift, E-Mail und jedes andere schriftbasierte Medium. Das Wissen ist niemals an ein einzelnes Gerät oder System gebunden (vgl. Erickson & Koppenhaver, 2020; Sturm & Clendon, 2004).

Lesen und Schreiben sind sehr wichtig.
Wer lesen und schreiben kann, ist freier.
Man kann selbst bestimmen, was man sagt.
Man kann jedes Wort schreiben.
Nicht nur die Wörter im Gerät.
Man kann Nachrichten schreiben.
Man kann in der Schule mitmachen.
Auch ein bisschen Lesen hilft schon.
Zum Beispiel: Wer einen Buchstaben kennt, kann schon Wörter suchen.

Was ist Emergent Literacy?

Definition und Grundgedanke

Der Begriff Emergent Literacy (auf Deutsch etwa: aufkommende Literalität) beschreibt die frühesten Erfahrungen eines Menschen mit Schrift. Gemeint sind alle Begegnungen mit geschriebener Sprache, die stattfinden, bevor ein Mensch konventionell lesen und schreiben kann. Dazu gehören das Anschauen von Büchern, das Zuhören beim Vorlesen, das Erkennen von Logos und Schildern, erste Kritzelversuche und das spielerische Experimentieren mit Buchstaben.

Literacy for All

Karen Erickson und David Koppenhaver, zwei führende Forscher auf dem Gebiet der Literacy bei Menschen mit komplexen Behinderungen, vertreten den Grundsatz Literacy for All – Literalität für alle. Ihr Ansatz besagt, dass jeder Mensch, unabhängig von Art und Schwere einer Behinderung, das Recht auf und das Potenzial für Literacy-Erfahrungen hat. Es gibt keine kognitiven, motorischen oder sensorischen Voraussetzungen, die erfüllt sein müssen, bevor ein Mensch mit Schrift in Berührung kommen darf.

Unterschied zum traditionellen Schriftspracherwerb

Der traditionelle Ansatz des Schriftspracherwerbs geht davon aus, dass bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein müssen, bevor mit dem Lesen- und Schreibenlernen begonnen werden kann: das Kind muss sprechen können, eine gewisse kognitive Reife haben und feinmotorische Fähigkeiten besitzen. Der Emergent-Literacy-Ansatz bricht mit dieser Vorstellung. Er erkennt an, dass Literacy-Entwicklung ein Kontinuum ist, das bei jedem Menschen unterschiedlich aussieht und auf jedem Niveau wertvoll ist.

Die Rolle von Vorlesen und Schriftumgebung

Vorlesen ist eine der wichtigsten Aktivitäten, um Emergent Literacy zu fördern. Beim gemeinsamen Lesen (Shared Reading) erlebt die Person, dass Schrift Bedeutung trägt, dass Bücher eine Struktur haben und dass Geschichten Spaß machen. Ebenso wichtig ist eine schriftreiche Umgebung: Beschriftungen an Gegenständen, Namensschilder, Kalender, Speisepläne und andere alltägliche Schriftstücke machen Literacy zu einem selbstverständlichen Teil des Alltags.

Forschungsgrundlagen

Die wissenschaftliche Grundlage für den Emergent-Literacy-Ansatz in der Unterstützten Kommunikation stammt unter anderem von Stefanie Sachse und Tobias Bernasconi (Universität zu Köln, Forschungsstelle Literacy und Inklusion) sowie von Karen Erickson und David Koppenhaver (Center for Literacy and Disability Studies, University of North Carolina). Ihre Forschung zeigt, dass auch Menschen mit den komplexesten Behinderungen von systematischen Literacy-Angeboten profitieren.

Schon kleine Kinder lernen etwas über Buchstaben.
Das passiert, bevor sie richtig lesen können.
Das nennt man: Emergent Literacy.
Zum Beispiel: Jemand liest einem Kind ein Buch vor.
Oder ein Kind sieht Buchstaben an der Wand.
Dann lernt das Kind schon etwas über Schrift.
Jeder Mensch kann das.
Auch Menschen mit schweren Behinderungen.
Man braucht keine besonderen Fähigkeiten dafür.

Didaktische Tipps

Die folgenden acht Tipps basieren auf der Forschung von Erickson und Koppenhaver sowie auf bewährten Methoden aus der UK-Praxis. Sie lassen sich in Schule, Therapie und Alltag umsetzen.

1. Täglich vorlesen (Shared Reading)

Lesen Sie täglich mit der Person gemeinsam. Zeigen Sie dabei auf die Wörter, kommentieren Sie Bilder und lassen Sie die Person Seiten umblättern oder Wiederholungen ergänzen. Vorlesen ist die wichtigste einzelne Aktivität für die Literacy-Entwicklung.

2. Vorhersagbare Bücher (Predictable Books)

Nutzen Sie Bücher mit wiederkehrenden Satzmustern und Refrains. Diese vorhersagbaren Strukturen ermöglichen es der Person, aktiv mitzumachen, Wörter zu antizipieren und ein Gefühl für Satzstrukturen zu entwickeln.

3. Schriftumgebung gestalten

Gestalten Sie die Umgebung schriftreich: Beschriften Sie Gegenstände, hängen Sie das Alphabet auf, nutzen Sie Namensschilder und machen Sie Schrift im Alltag sichtbar. So wird Literacy zu einem natürlichen Teil der Lebenswelt.

4. Alphabetisches Prinzip vermitteln

Vermitteln Sie die Beziehung zwischen Buchstaben und Lauten. Beginnen Sie mit den Buchstaben des eigenen Namens. Arbeiten Sie mit Anlautübungen, Buchstabensuche und Laut-Buchstaben-Zuordnungen spielerisch und ohne Druck.

5. Schreibversuche ermöglichen

Geben Sie der Person Gelegenheiten zum Schreiben – egal auf welchem Niveau. Das kann Kritzeln sein, einzelne Buchstaben tippen, den eigenen Namen schreiben oder mit Buchstabenstempeln experimentieren. Jeder Schreibversuch ist wertvoll.

6. Kernvokabular und Schrift verbinden

Verbinden Sie die Wörter des Kernvokabulars auf dem UK-Gerät mit geschriebener Sprache. Zeigen Sie, wie die gesprochenen und die geschriebenen Wörter zusammenhängen. So wird der Übergang von symbolbasierter zu schriftbasierter Kommunikation unterstützt.

7. Selbstgesteuertes Lesen

Geben Sie der Person Zeit und Raum, eigenständig mit Büchern und Texten umzugehen. Selbstgesteuertes Lesen bedeutet, dass die Person selbst wählt, was sie anschaut, wie lange und in welchem Tempo. Es fördert die intrinsische Motivation.

8. Literacy in den Alltag integrieren

Integrieren Sie Lesen und Schreiben in alltägliche Aktivitäten: Einkaufszettel schreiben, Rezepte lesen, Kalendereinträge machen, Nachrichten verfassen. Je mehr Literacy-Erfahrungen im Alltag stattfinden, desto nachhaltiger ist die Entwicklung.

Es gibt gute Tipps zum Üben.
Jeden Tag vorlesen. Das ist sehr wichtig.
Bücher benutzen, die sich wiederholen.
Buchstaben überall aufhängen.
Das Kind selbst schreiben lassen.
Auch Kritzeln ist ein Anfang.
Lesen und Schreiben in den Alltag einbauen.
Zum Beispiel: Einen Einkaufszettel schreiben.
Oder den Kalender zusammen lesen.

Konzeptionelle Grundlagen

Comprehensive Literacy Instruction

Karen Erickson und David Koppenhaver beschreiben in ihrem Standardwerk Comprehensive Literacy for All (2020) einen umfassenden Ansatz für den Literacy-Unterricht bei Menschen mit erheblichen Behinderungen. Dieser Ansatz geht davon aus, dass ein ausgewogenes Literacy-Programm verschiedene Komponenten enthalten muss, die einander ergänzen und gemeinsam wirken.

Das Four-Blocks-Modell

Das Herzstück des Ansatzes ist das Four-Blocks-Modell, das vier gleichwertige Bausteine des Literacy-Unterrichts beschreibt:

  • Gemeinsames Lesen (Shared Reading): Die Lehrperson liest mit der Person gemeinsam. Dabei werden Strategien wie Vorhersagen, Fragen stellen und Zusammenfassen modelliert. Es geht um das Verstehen von Texten und den Aufbau von Weltwissen.
  • Selbstgesteuertes Lesen (Self-Selected Reading): Die Person wählt eigenständig Texte aus und beschäftigt sich in ihrem eigenen Tempo damit. Ziel ist die Entwicklung von Lesefreude und Lesemotivation.
  • Wortarbeit (Word Work): Systematische Arbeit an Buchstaben, Lauten, Wörtern und Wortmustern. Hier wird das alphabetische Prinzip vermittelt und der Sichtwortschatz aufgebaut.
  • Schreiben (Writing): Die Person hat regelmäßig Gelegenheit, eigene Texte zu verfassen – auf jedem Niveau. Von ersten Buchstabenversuchen bis hin zu zusammenhängenden Texten wird der Schreibprozess unterstützt.

Kommunikative Kompetenz als Grundlage

Der Comprehensive-Literacy-Ansatz betont, dass Literacy-Unterricht immer auch Kommunikationsförderung ist. Die Person muss über ein funktionierendes Kommunikationssystem verfügen, um am Literacy-Unterricht teilnehmen zu können. Umgekehrt erweitert wachsende Literacy-Kompetenz die kommunikativen Möglichkeiten. Literacy und Kommunikation verstärken sich gegenseitig.

Im Modell kommunikativer Kompetenz nach Janice Light ist Literacy explizit Teil der linguistischen Kompetenz – einer von vier Kompetenzbereichen. Das Dynamic AAC Goals Grid (DAGG-3) von Vicki Clarke & Holly Schneider (Tobii Dynavox) operationalisiert dieses Modell in der klinischen Praxis und benennt Literacy als eigene Bewertungsdomäne. Mehr dazu: Kommunikative Kompetenz und DAGG-3.

Keine Voraussetzungen für Literacy-Angebote

Ein zentraler Grundsatz lautet: Es gibt keine Voraussetzungen, die erfüllt sein müssen, bevor ein Mensch Literacy-Angebote erhalten darf. Weder eine bestimmte kognitive Leistung, noch Sprachfähigkeit, noch motorische Fähigkeiten sind Bedingung. Jeder Mensch hat das Recht auf Literacy-Erfahrungen, und es ist die Aufgabe der Fachleute, die Angebote so zu gestalten, dass sie für die jeweilige Person zugänglich sind.

Es gibt ein gutes Modell zum Lernen.
Es hat vier Teile:

  • Gemeinsam lesen.
  • Selbst ein Buch anschauen.
  • Wörter und Buchstaben üben.
  • Selbst schreiben.

Man braucht keine besonderen Fähigkeiten.
Jeder Mensch kann mitmachen.
Jeder Mensch kann anfangen.

Warum IMMER Literacy-Angebote?

Kein Mensch ist „zu schwer behindert“

Die Forschung zeigt eindeutig: Es gibt keinen Menschen, der „zu schwer behindert“ ist, um von Literacy-Angeboten zu profitieren. Auch Menschen mit schwersten mehrfachen Behinderungen nehmen ihre Umwelt wahr, lernen und entwickeln sich. Die Begegnung mit Schrift – sei es durch Vorlesen, durch eine schriftreiche Umgebung oder durch angepasste Materialien – bereichert das Leben jedes Menschen.

Jeder profitiert auf seinem Niveau

Literacy-Entwicklung ist ein Spektrum. Manche Menschen lernen konventionell lesen und schreiben. Andere erkennen einzelne Wörter oder Symbole. Wieder andere genießen es, vorgelesen zu bekommen, und zeigen durch ihre Reaktionen, dass sie die Geschichte verstehen. Auf jedem Niveau sind Literacy-Erfahrungen bedeutsam und förderlich.

Opportunity to Learn

Karen Erickson betont das Prinzip Opportunity to Learn – die Gelegenheit zum Lernen. Viele Menschen mit komplexen Behinderungen hatten in ihrem Leben schlicht nie die Gelegenheit, systematisch mit Schrift in Berührung zu kommen. Wenn wir diesen Menschen Literacy-Angebote verwehren, nehmen wir ihnen die Chance, etwas zu lernen, was ihr Leben grundlegend verändern könnte. Wir können nie wissen, wie weit ein Mensch kommt, wenn wir ihm nie die Gelegenheit geben.

UN-Behindertenrechtskonvention, Artikel 24

Das Recht auf Bildung ist in der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) in Artikel 24 verankert. Die Vertragsstaaten verpflichten sich, ein inklusives Bildungssystem auf allen Ebenen zu gewährleisten. Dazu gehört auch das Recht auf den Erwerb von Lese- und Schreibfähigkeiten. Literacy-Angebote sind kein Luxus und keine freiwillige Zusatzleistung – sie sind ein Menschenrecht.

Teilfähigkeiten als Schlüssel: Auch Menschen, die erst wenige Buchstaben kennen, profitieren enorm vom ABC-Bereich. In Scripo Start und Scripo Pro lernen sie Buchstaben DURCH die Nutzung — nicht als Vorbedingung. Die Pfade zu häufig genutzten Wörtern prägen sich motorisch ein, neue Buchstaben werden schrittweise entdeckt. So wird der ABC-Bereich zum aktiven Lernwerkzeug, das Kommunikation und Schriftspracherwerb gleichzeitig ermöglicht.

Fazit

Die Frage darf nicht lauten: „Kann dieser Mensch lesen lernen?“ Sondern: „Welche Literacy-Angebote braucht dieser Mensch?“

Kein Mensch ist zu schwer behindert zum Üben.
Jeder Mensch kann etwas lernen.
Manche lernen richtig lesen und schreiben.
Andere lernen einzelne Wörter.
Wieder andere genießen das Vorlesen.
Alles davon ist wertvoll.
Lesen und Schreiben lernen ist ein Recht.
Das steht so im Gesetz.
Die richtige Frage ist: Was braucht dieser Mensch zum Üben?

Literacy in die Praxis umsetzen

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Lesenlernen und Legasthenie: Was hilft – und was nicht

Eine Lese-Rechtschreibstörung (Legasthenie) ist eine umschriebene Entwicklungsstörung; ihr Kern ist ein phonologisches Defizit – Schwierigkeiten, Sprachlaute zu unterscheiden, zu speichern und mit Buchstaben zu verknüpfen. Ebenso wichtig ist, was sie nicht ist: kein Sehproblem, kein „Buchstabenverdrehen“ (das ist bei Leseanfängern normal), keine Frage von Intelligenz oder Anstrengung – und kein Zustand, der sich auswächst. Sie wird kompensierbar, verschwindet aber nicht.

Gut belegt ist: wiederholtes Lautlesen mit einem erwachsenen Modell und korrektivem Feedback (die am besten belegte Leseförderung überhaupt), weitere Zeichenabstände, ausreichende Schriftgröße (mindestens 14 pt), eine individuell passende Schriftart (zwischen bester und schlechtester Schrift liegen im Mittel 35 Prozent Lesegeschwindigkeit – welche das ist, unterscheidet sich von Person zu Person), linksbündiger Satz statt Blocksatz – und Vorlesen als Zugang zu Texten.

Nicht belegt ist, was trotzdem überall empfohlen wird: Spezielle Legasthenie-Schriftarten bringen nachweislich keinen Vorteil (wo ein Effekt auftrat, lag er an den weiteren Abständen, nicht an den Buchstabenformen). Farbfolien und getönte Brillen sollen laut Behandlungs-Leitlinie ausdrücklich nicht eingesetzt werden. Auch für Wortkontur-Verfahren und „Bionic Reading“ gibt es keinen Wirksamkeitsnachweis. Wer solche Hilfen anbietet, sollte ehrlich sagen, was sie leisten.

Die ausführliche Darstellung mit allen Studien: „Lesen ist kein Talent“ (PDF) – und für den Alltag die Praxis-Handreichung „Lesen lernen – was hilft“ (PDF) mit Empfehlungen je Zielgruppe und einem Vier-Wochen-Startplan. Die Schreib-Seite der Schrift – warum das Alphabet das kleinste und zugleich größte Vokabular ist, Schreiben ohne Stift und ohne Vorbedingungen beginnt und Wortvorhersage dienen statt diktieren muss – entfaltet „Das kleinste Vokabular ist das größte“ (PDF).

Manche Menschen haben eine Lese-Störung.
Das schwere Wort dafür ist: Legasthenie.
Das hat nichts mit den Augen zu tun.
Und nichts damit, wie schlau jemand ist.
Es gibt Hilfen, die wirklich helfen.
Zum Beispiel: lautes Lesen üben, große Schrift, mehr Abstand.
Manche Hilfen helfen nicht.
Zum Beispiel: besondere Schriftarten oder bunte Folien.
Zwei Texte zum Herunterladen erklären das genau.

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Fünf Seiten gehen einzelnen Fragen genauer nach.

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Wie Kinder üblicherweise lesen und schreiben lernen – von den ersten Kritzeleien bis zum alphabetischen Prinzip. Die Grundlage, um Literacy-Angebote einordnen zu können.

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