Kommunikative Kompetenz
Kommunikative Kompetenz: Das Fundament der UK-Praxis
Janice Lights Modell · DAGG-3 Assessment · Vier Kompetenzbereiche
Was ist kommunikative Kompetenz?
Kommunikative Kompetenz beschreibt die Fähigkeit, in verschiedenen Situationen effektiv und befriedigend mit anderen Menschen zu kommunizieren. Sie ist mehr als das reine Kennen von Wörtern oder das Bedienen eines Geräts – sie umfasst das gesamte kommunikative Handeln einer Person in ihrem sozialen Umfeld.
Das wissenschaftlich einflussreichste Modell in der UK-Forschung stammt von Janice Light, Professorin an der Penn State University. Light veröffentlichte ihr Modell kommunikativer Kompetenz erstmals 1989 und entwickelte es gemeinsam mit David McNaughton 2014 weiter. Es ist heute das theoretische Fundament der internationalen AAC/UK-Praxis.
Lights Kernthese: Kommunikative Kompetenz ist kein Endzustand, sondern ein lebenslanges Entwicklungsziel. Sie entfaltet sich im Zusammenspiel von vier sich gegenseitig beeinflussenden Kompetenzbereichen, deren Entfaltung zusätzlich von psychosozialen Faktoren beeinflusst wird.
Kommunikative Kompetenz bedeutet: gut mit anderen Menschen reden können.
Das gilt für alle Menschen.
Auch für Menschen, die UK benutzen.
Eine Forscherin hat darüber nachgedacht: Janice Light.
Sie hat vier wichtige Bereiche gefunden.
Diese Bereiche helfen zu verstehen, was Kommunikation alles bedeutet.
Die vier Kompetenzbereiche nach Light – und die psychosozialen Faktoren
Light und McNaughton (2014) unterscheiden vier Bereiche kommunikativer Kompetenz, deren Entfaltung zusätzlich von psychosozialen Faktoren beeinflusst wird:
1. Linguistische Kompetenz
Linguistische Kompetenz umfasst das Wissen über die Sprache selbst: den Wortschatz (rezeptiv und expressiv), die Grammatik, die Semantik und – besonders bedeutsam für UK-Nutzende – die Literacy, also die Fähigkeit zu lesen und zu schreiben. Wer über schriftsprachliche Kompetenz verfügt, erhält Zugang zu buchstabenbasierter Kommunikation und damit zu größtmöglichem kommunikativem Ausdruck.
Literacy ist kein Luxus: Sie ist der Schlüssel zur Eigenständigkeit in der Kommunikation. UK-Systeme wie Scripo Pro und Clavis sind explizit auf die Unterstützung und Erweiterung von Literacy ausgerichtet.
2. Operationale Kompetenz
Operationale Kompetenz bezeichnet die technischen Fähigkeiten im Umgang mit dem UK-System: das Bedienen des Geräts, die Ansteuerung (z. B. direkt, Augensteuerung, Scanning), das Navigieren im Vokabular, das Wechseln zwischen Modi. Diese Kompetenz muss aufgebaut werden – sie ist nicht angeboren.
Wichtig: Operationale Kompetenz ist notwendig, aber nicht hinreichend für kommunikative Kompetenz. Wer ein Gerät perfekt bedienen kann, kommuniziert noch nicht zwingend effektiv.
Für den gezielten Aufbau der Ansteuerung – insbesondere der Augensteuerung – bietet AssistUK mit GazeTo ein strukturiertes Trainingsprogramm in sieben Stufen: von der ersten Ursache-Wirkungs-Erfahrung bis zur zweckgerichteten Blicksteuerung. EyePlayground ergänzt dies mit spielerischen Ansteuerungs-Erfahrungen ohne Leistungsdruck.
3. Soziale Kompetenz
Soziale Kompetenz in der Kommunikation umfasst zwei Unterbereiche: das soziolinguistische Wissen (Wissen darüber, was in welcher Situation kommunikativ angemessen ist) und die sozio-relationale Kompetenz (die Fähigkeit, Beziehungen aufzubauen, Gespräche zu initiieren, aufrechtzuerhalten und zu beenden, Interesse zu zeigen, Humor einzusetzen).
UK-Nutzende benötigen soziale Kompetenz besonders, weil ihre Kommunikationsgeschwindigkeit und -form von der gesprochenen Sprache abweicht. Das Umfeld muss diese Andersartigkeit als gültige Kommunikation akzeptieren.
Gerade für Kommunikationsanfänger:innen haben sich Szenenbilder (Visual Scene Displays) bewährt: In ein vertrautes Foto eingebettete, per Tippen oder Blick aktivierbare Bereiche schaffen natürliche Gesprächsanlässe und fördern die sozio-relationale Kompetenz. AssistUK setzt dieses Prinzip in SceneTalk sowie in den Szenenbildern von GazeTo um.
4. Strategische Kompetenz
Strategische Kompetenz beschreibt das Fähigkeitsrepertoire zum Umgang mit Kommunikationsbarrieren. Dazu gehört: Wie reagiere ich, wenn das Gegenüber mich nicht versteht? Wie kompensiere ich, wenn ein Wort fehlt? Wie nutze ich Umschreibungen, Gesten oder alternative Ausdrucksformen?
Für UK-Nutzende ist strategische Kompetenz existenziell: Ihr System hat immer Lücken. Die Fähigkeit, kreativ damit umzugehen – Worte zu umschreiben, auf Körpersprache zurückzugreifen, Kommunikationspartner um Unterstützung zu bitten – ist keine Schwäche, sondern Kompetenz.
Psychosoziale Faktoren (moderierend)
Zusätzlich zu den vier Kompetenzbereichen beschreiben Light und McNaughton (2014) psychosoziale Faktoren, die deren Entfaltung moderieren: Motivation, Haltung, Selbstvertrauen und Resilienz – also das Vertrauen in die eigene kommunikative Fähigkeit und die Bereitschaft, Kommunikationsrisiken einzugehen. Sie sind kein fünfter Kompetenzbereich – aber ohne diese psychosoziale Grundlage entfalten die vier Kompetenzbereiche ihr Potenzial nicht.
Ein UK-Nutzer, der gelernt hat, dass niemand auf seine Kommunikation reagiert, verliert die Motivation zu kommunizieren. Die psychosozialen Faktoren sind daher untrennbar mit der Qualität des Umfelds verbunden.
Es gibt vier Bereiche für gute Kommunikation:
- Sprache kennen: Wörter kennen. Sätze bilden. Lesen und schreiben können.
- Das Gerät können: Den Sprachcomputer oder das Tablet bedienen können.
- Sozial sein: Wissen, wie man ein Gespräch beginnt und beendet. Beziehungen aufbauen.
- Strategien haben: Wissen, was man tut, wenn etwas nicht klappt. Zum Beispiel: ein Wort umschreiben.
Wichtig ist auch: sich trauen.
Glauben, dass die eigene Kommunikation wichtig ist.
Mut haben zu kommunizieren.
Das hilft in allen vier Bereichen.
Alle vier Bereiche gehören zusammen.
Keiner ist wichtiger als der andere.
Von partnerabhängiger zu freier Kommunikation
Kommunikative Kompetenz entwickelt sich entlang einer Linie – weg von der vollständigen Abhängigkeit vom Gegenüber, hin zu zunehmend freier, selbstbestimmter Kommunikation. In der UK werden häufig drei Stufen unterschieden (vgl. Dowden; Beukelman & Light, 2020):
- Abhängig kommunizierend (engl. emerging communicator): Die Person teilt sich vor allem über körpereigene Signale mit (Blick, Mimik, Laute, Zeigen). Das Gegenüber muss die Bedeutung stark mit-erschließen.
- Moderiert kommunizierend (engl. context-dependent communicator): Die Person nutzt Symbole, Tafeln oder ein Sprachausgabegerät, ist in vielen Situationen aber auf eine vertraute, kompetente Kommunikationspartner:in angewiesen, die mit-konstruiert (Ko-Konstruktion).
- Frei kommunizierend (engl. independent communicator): Die Person formuliert eigenständig – oft buchstabenbasiert – und kann auch mit fremden Partner:innen kommunizieren.
Diese Einteilung ist keine Schublade, sondern eine Landkarte: Sie hilft, den heutigen Stand zu beschreiben und den nächsten Entwicklungsschritt zu planen. Ziel ist mehr kommunikative Freiheit – ohne dass die Unterstützung jemals einfach wegfällt. Genau hier setzt qualifizierte Assistenz an: Sie ist Gerüst und Kommunikationspartner:in zugleich.
Kommunikation entwickelt sich Schritt für Schritt.
Am Anfang braucht man viel Hilfe vom Gegenüber.
Später nutzt man eine Tafel oder einen Sprech-Computer.
Eine vertraute Person hilft beim Verstehen.
Das Ziel: immer freier sprechen können. Auch mit fremden Menschen.
Die Hilfe bleibt trotzdem immer da.
DAGG-3: Assessment auf Basis des Kompetenzmodells
Das Dynamic AAC Goals Grid geht auf Vicki Clarke und Holly Schneider (2009) zurück; die aktuelle dritte Ausgabe (DAGG-3, 2023) wird von Tobii Dynavox in Zusammenarbeit mit Vicki Clarke herausgegeben und ist kostenlos verfügbar. Es ist heute eines der international verbreitetsten Werkzeuge zur strukturierten Zielplanung und Fortschrittsmessung in der AAC/UK-Versorgung.
Das DAGG-3 operationalisiert Lights Kompetenzmodell für die klinische Praxis: Es übersetzt die vier Kompetenzbereiche in konkrete, beobachtbare Zielbeschreibungen auf verschiedenen Kompetenzstufen. Fachkräfte können damit den aktuellen Stand einer Person einschätzen, Ziele formulieren und Fortschritte dokumentieren.
Aufbau des DAGG-3
Das DAGG-3 ist als zweidimensionale Matrix aufgebaut: Die eine Achse bilden die vier Kompetenzbereiche, die andere die Entwicklungsstufen (von Basis bis Fortgeschritten). Für jeden Schnittpunkt gibt es konkrete Zielbeschreibungen.
Dazu kommen spezifische Domänen, die im Rahmen der dritten Ausgabe (DAGG-3) erweitert wurden:
- Kernvokabular (Core Vocabulary) – operationale und linguistische Nutzung
- Literacy – schriftsprachliche Kompetenz als eigene Domäne
- Partizipation (Participation) – Teilhabe in realen Lebenssituationen
- Partnerstrategien (Partner Strategies) – Kompetenzen der Kommunikationspartner
Warum Literacy eine eigene DAGG-3-Domäne ist
Die Aufnahme von Literacy als eigenständige Domäne im DAGG-3 spiegelt den Paradigmenwechsel wider, den Erickson und Koppenhaver (2020) mit dem Konzept Comprehensive Literacy for All angestoßen haben: Literalität ist kein Privileg, das Voraussetzungen erfüllt wissen will. Sie ist ein Menschenrecht – und ein zentraler Bestandteil kommunikativer Kompetenz.
Im DAGG-3 werden Literacy-Ziele konkret beschrieben: vom Aufbau phonologischen Bewusstseins über das Erkennen von Buchstaben und Wörtern bis hin zur eigenständigen buchstabenbasierten Kommunikation. Jede dieser Stufen hat klinische Relevanz – auch für Personen mit schwersten Beeinträchtigungen (vgl. Sachse & Bernasconi).
DAGG-3 in der deutschen UK-Praxis
Das DAGG-3 liegt bislang nur auf Englisch vor. In Deutschland wird es in spezialisierten UK-Zentren und in der heilpädagogischen Fachpraxis eingesetzt. Eine deutsche Übersetzung und Adaptation ist im Fachgespräch. Wer das DAGG-3 im deutschsprachigen Kontext nutzen möchte, findet Einstiegsressourcen auf den Seiten von Tobii Dynavox sowie in der Fachzeitschrift Unterstützte Kommunikation (GesUK).
DAGG-3 ist ein Werkzeug für Fachkräfte.
Es hilft dabei, Ziele zu planen.
Und Fortschritte zu messen.
Es basiert auf den vier Bereichen von Janice Light.
Es wurde von Vicki Clarke und Holly Schneider entwickelt.
Viele Fachleute auf der ganzen Welt nutzen es.
Lesen und Schreiben ist darin ein eigenes Thema.
Das zeigt: Literacy ist sehr wichtig.
Literacy als Teil kommunikativer Kompetenz
Literacy – die Fähigkeit, mit Schriftsprache umzugehen – ist im Modell von Light explizit Teil der linguistischen Kompetenz. Für UK-Nutzende hat Literacy eine besondere Bedeutung:
- Selbstständige Kommunikation: Wer buchstabenbasiert kommunizieren kann, ist nicht mehr auf vorprogrammierte Wörter und Sätze angewiesen. Die eigene Stimme wird unbegrenzt.
- Soziale Teilhabe: Lesen und Schreiben eröffnen Zugang zu Bildung, Arbeit, digitaler Kommunikation und gesellschaftlicher Partizipation.
- Kognitive Entwicklung: Schriftsprachliche Kompetenz unterstützt das Denken in Kategorien und Konzepten – und bereichert damit auch das kommunikative Repertoire.
Auf unserer Informationsseite zu Literacy in der Unterstützten Kommunikation finden Sie vertiefende Informationen zum Thema: vom typischen Schriftspracherwerb bis zu spezifischen Förderangeboten für UK-Nutzende.
Literacy-Ziele im DAGG-3: Beispiele
Das DAGG-3 benennt Literacy-Ziele auf verschiedenen Entwicklungsstufen. Einige Beispiele (adaptiert aus dem englischsprachigen Original):
- Emergent Literacy: Die Person zeigt Interesse an Büchern und Schrift; erkennt einzelne Buchstaben; versteht, dass Schrift Bedeutung trägt.
- Conventional Literacy – Einsteiger: Die Person erkennt Buchstaben zuverlässig; kann einfache Wörter buchstabieren; nutzt Buchstaben zur Kommunikation in vertrauten Kontexten.
- Conventional Literacy – Fortgeschritten: Die Person nutzt buchstabenbasierte Kommunikation in neuen Kontexten; liest einfache Texte; schreibt kurze Nachrichten eigenständig.
Diese Zielbeschreibungen sind direkt anschlussfähig an die Förderangebote, die AssistUK-Produkte wie Scripo Start und Scripo Pro bieten.
Lesen und Schreiben ist sehr wichtig für UK-Nutzende.
Wer buchstabenbasiert kommunizieren kann, ist freier.
Man braucht dann keine vorprogrammierten Wörter mehr.
Man kann alles sagen, was man denkt.
Lesen öffnet Türen: Schule, Arbeit, Internet.
AssistUK hat Produkte, die beim Lesen und Schreiben lernen helfen.
Zum Beispiel: Scripo Start und Scripo Pro.
Kommunikative Kompetenz und AssistUK-Produkte
AssistUK-Produkte sind konsequent an Lights Kompetenzmodell ausgerichtet. Jedes Produkt adressiert spezifische Kompetenzbereiche:
| Produkt | Kompetenzbereiche / Faktoren | Schwerpunkt |
|---|---|---|
| Scripo Start | Linguistisch, Operational | Kernvokabular, Emergent Literacy, erste buchstabenbasierte Schritte |
| Scripo Pro | Linguistisch, Strategisch, Sozial | Comprehensive Literacy, Symbol+Text, erweiterter Wortschatz |
| Clavis | Linguistisch, Strategisch | Buchstabenbasierte Kommunikation, Wort- und Satzvorhersage |
| AssistPlay | Sozial, psychosoziale Faktoren | Gemeinsam spielen, Kommunikationsanlässe, Motivation und Selbstwirksamkeit |
| EyePlayground | Operational, psychosoziale Faktoren | Ansteuerungstraining, Erfolgserleben, Motivation |
| GazeTo | Operational, Sozial, psychosoziale Faktoren | Augensteuerungs-Training in 7 Stufen, Blickkompetenz, Szenenbild-Kommunikation (VSD), Heatmap-Auswertung |
| SceneTalk | Linguistisch, Sozial | Szenenbilder (Visual Scene Displays) – Kommunikation in realen Situationen, ideal für Einsteiger:innen |
Eine vollständige UK-Versorgung – im Sinne kommunikativer Kompetenz nach Light – umfasst immer mehrere Bereiche gleichzeitig. Kein einzelnes Produkt kann alle vier Kompetenzbereiche abdecken. Deshalb empfiehlt AssistUK einen ganzheitlichen Ansatz: Das richtige Vokabular, die passende Literacy-Förderung, Kommunikationspartner-Training und Angebote zur sozialen Teilhabe ergänzen sich gegenseitig.
AssistUK hat verschiedene Produkte.
Jedes Produkt hilft bei anderen Bereichen.
Scripo Start hilft beim Lernen von Wörtern und ersten Buchstaben.
Scripo Pro hilft beim Lesen und Schreiben lernen.
Clavis hilft, Buchstabe für Buchstabe zu kommunizieren.
AssistPlay hilft, gemeinsam Spaß zu haben.
Das gibt Mut zum Kommunizieren.
GazeTo hilft, mit den Augen zu steuern.
SceneTalk nutzt echte Bilder zum Reden.
Alle Produkte zusammen ergänzen sich gut.
Weiterführende Informationen
Auf dieser Website
- Unterstützte Kommunikation – Grundlagen, Methoden und Prinzipien der UK
- Literacy in der UK – Lesen und Schreiben als Ziel für alle
- Einschätzung & Beobachtung – strukturierte Einschätzung im Überblick
- Vokabular finden – Interaktiver Assistent zur Produktwahl
Quellen und Literatur
- Light, J. (1989). Toward a definition of communicative competence for individuals using augmentative and alternative communication systems. Augmentative and Alternative Communication, 5(2), 137–144.
- Light, J. & McNaughton, D. (2014). Communicative Competence for Individuals who require Augmentative and Alternative Communication: A New Definition for a New Era of Communication? Augmentative and Alternative Communication, 30(1), 1–18.
- Clarke, V. & Schneider, H. (2009). Dynamic AAC Goals Grid (DAGG). — Tobii Dynavox & Clarke, V. (2023). Dynamic AAC Goals Grid – 3rd Edition (DAGG-3).
- Erickson, K. & Koppenhaver, D. (2020). Comprehensive Literacy for All. Brookes Publishing.
- Sachse, S. & Bernasconi, T. (Hrsg.). Forschungsstelle Literacy und Inklusion, Universität zu Köln.
- Beukelman, D. & Light, J. (2020). Augmentative and Alternative Communication (5. Aufl.). Brookes Publishing.
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