ICF – wie Behinderung entsteht
Behinderung entsteht im Zusammenspiel – nicht allein im Körper
Was ist die ICF?
Die ICF ist die „Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit“ der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Sie beschreibt Behinderung nicht als Eigenschaft eines Menschen, sondern als Ergebnis eines Zusammenspiels – zwischen dem Gesundheitszustand einer Person, ihren Körperfunktionen, ihren Aktivitäten und ihrer Teilhabe sowie den Bedingungen ihrer Umwelt.
Dieses bio-psycho-soziale Modell löst das alte „medizinische Modell“ ab, das Behinderung allein im Menschen suchte. Es ist heute die gemeinsame Sprache von Rehabilitation, Eingliederungshilfe und Teilhabeplanung – und die fachliche Grundlage für Unterstützte Kommunikation und Assistenz.
ICF ist ein wichtiges Modell von der WHO.
Die WHO ist die Welt-Gesundheits-Organisation.
Die ICF sagt:
Behinderung entsteht nicht nur im Körper.
Behinderung entsteht im Zusammenspiel.
Der Körper, das Leben und die Umwelt wirken zusammen.
Die ICF ist die Grundlage für gute Hilfe.
Zum Beispiel für Unterstützte Kommunikation und Assistenz.
Die Bausteine der ICF
Über allem steht das Gesundheitsproblem (z. B. eine Erkrankung oder Störung; klassifiziert über die ICD, nicht über die ICF). Darunter beschreibt die ICF vier kodierbare Komponenten und die personbezogenen Faktoren:
- b Körperfunktionen
- Physiologische Funktionen der Körpersysteme – auch psychische Funktionen (z. B. Funktionen des Hörens, der Stimme, der Gelenkbeweglichkeit). Eine Beeinträchtigung heißt neutral „Schädigung“.
- s Körperstrukturen
- Anatomische Teile des Körpers (Organe, Gliedmaßen, ihre Bestandteile). Bildet mit den Körperfunktionen die körperbezogene Ebene.
- d Aktivitäten und Teilhabe
- Das Durchführen von Handlungen (Aktivität) und das Einbezogensein in Lebensbereiche (Teilhabe). Das ist die Zielgröße des Modells – unterschieden nach Leistungsfähigkeit (ohne Hilfe) und Leistung (im realen Alltag, mit Hilfsmittel und Assistenz).
- e Umweltfaktoren
- Die materielle, soziale und einstellungsbezogene Umwelt. Jeder Faktor kann Förderfaktor oder Barriere sein – derselbe Faktor, je nach Ausprägung.
- – personbezogene Faktoren
- Der individuelle Hintergrund (Alter, Lebensstil, Erfahrungen, Bewältigungsstile). Sie gehören zum Modell, werden von der WHO aber bewusst nicht klassifiziert – sie haben kein Kode-Kürzel.
Umweltfaktoren und personbezogene Faktoren zusammen heißen Kontextfaktoren.
Die ICF hat mehrere Bausteine:
Körperfunktionen: Wie der Körper arbeitet.
Körperstrukturen: Die Teile vom Körper.
Aktivität und Teilhabe: Was ein Mensch tut und wo er dabei ist.
Umweltfaktoren: Alles rund um den Menschen.
Personbezogene Faktoren: Zum Beispiel das Alter und die Erfahrungen.
Alle Bausteine wirken zusammen.
Behinderung entsteht in der Wechselwirkung
Der Kern der ICF: Behinderung entsteht in der Wechselwirkung zwischen einer Beeinträchtigung und den Barrieren der Umwelt – nicht allein im Körper. Der körperliche Anteil bleibt real; aber ob daraus Ausschluss oder Teilhabe wird, entscheidet sich im Zusammenspiel mit der Umgebung.
Das deckt sich mit dem Gesetz: Nach § 2 Abs. 1 SGB IX liegt eine Behinderung vor, wenn eine Beeinträchtigung „in Wechselwirkung mit einstellungs- und umweltbedingten Barrieren“ die Teilhabe erschwert. Auch die UN-Behindertenrechtskonvention (Art. 1) beschreibt Behinderung sinngemäß so – als Zusammenspiel von Beeinträchtigung und Barrieren.
Das Wichtigste an der ICF:
Behinderung entsteht nicht nur im Körper.
Behinderung entsteht auch durch Barrieren.
Barrieren sind Hindernisse in der Umwelt.
Das steht auch im Gesetz.
Und in der UN-Behindertenrechtskonvention.
Probieren Sie es aus: Wie Teilhabe wächst
Dieses Modell können Sie an einem Beispiel selbst ausprobieren: ein Mensch mit hohem Unterstützungsbedarf, der nicht mit dem Mund spricht. Sie können an zwei Seiten etwas verändern – an der Person (Körperfunktionen und -strukturen) und an der Umwelt. Schalten Sie die Maßnahmen ein und beobachten Sie, wie sich die mögliche Teilhabe verändert.
Hier können Sie etwas ausprobieren.
Sie können an zwei Seiten etwas verändern:
an der Person und an der Umwelt.
Schalten Sie die Hilfen ein.
Schauen Sie, wie die Teilhabe wächst.
An der Person Körperfunktionen & -strukturen · b/s
Maßnahmen, die Funktionen stützen, erhalten oder eine Verschlechterung verlangsamen. Sie „reparieren“ keinen Menschen.
In der Umwelt Umweltfaktoren · e
Veränderungen in der Umgebung – oft sofort verfügbar und rechtlich als Anspruch abgesichert.
Es ist noch nichts eingeschaltet. Der Mensch bleibt weitgehend ausgeschlossen – obwohl sich an seinen Körperfunktionen nichts geändert hat. Nicht der Körper schließt hier aus, sondern die fehlende Umwelt.
Bemerkenswert: Schon ohne jede Veränderung der Körperfunktionen entsteht Teilhabe – allein über die Umwelt. Genau das ist der Kern der ICF: Teilhabe ist ein Recht, kein Lohn für Fortschritt am Körper.
Die Körperseite ist gestützt – Funktionen bleiben erhalten, weniger Schmerz, mehr Energie. Das ist wertvoll. Ohne Hilfsmittel, Assistenz und Zugang bleibt die Teilhabe aber begrenzt: Die Umwelt fehlt noch.
Beide Hebel greifen ineinander: Die Person ist gestützt, die Umwelt passt besser – und die Teilhabe wächst deutlich. Auffallend: Den größten und schnellsten Schub bringt die Umweltseite.
Volle Teilhabe – beide Hebel zusammen, bei unverändertem Ausgangs-Körper. Wichtig für die Praxis: Der große, sofort verfügbare Schritt kam von der Umwelt – und der ist über SGB IX und UN-BRK als Anspruch abgesichert.
An der Person wirkt:
- Sich lautsprachlich zu äußern fällt leichter.
- Beweglichkeit bleibt erhalten, Bewegungen fallen leichter.
- Weniger Schmerz, mehr Energie für den Tag.
In der Umwelt wird möglich:
- Mitreden, entscheiden, sich mitteilen – mit Talker oder Augensteuerung.
- Aufstehen, unterwegs sein, den Alltag gestalten.
- Ins Café, ins Amt, in die Praxis kommen.
- Als kompetent angesprochen und gefragt werden.
Was das für die Praxis heißt
Beide Seiten sind echte Hebel. Die Körperseite – Therapie, Behandlung, körpernahe Versorgung – kann Funktionen stützen, erhalten oder eine Verschlechterung verlangsamen. Das ist wertvoll und gehört zum bio-psycho-sozialen Modell dazu.
Die Umweltseite – Kommunikationshilfsmittel, Assistenz, Barrierefreiheit, Haltung – ist jedoch oft der am schnellsten verfügbare und rechtlich verankerte Teilhabe-Hebel: Sie lässt sich meist sofort verändern und ist über SGB IX und die UN-BRK als Anspruch abgesichert. Das ist zugleich das entscheidende Argument gegenüber Kostenträgern.
Wichtig bleibt: Teilhabe ist ein Recht – kein Lohn für Fortschritt. Sie ist auch dann möglich, wenn Körperfunktionen gleich bleiben oder abnehmen. Wir gehen von Kompetenz aus und koppeln Möglichkeiten nie an eine vorherige „Verbesserung“ des Körpers.


Es gibt zwei Wege, um Teilhabe zu verbessern.
Der erste Weg ist die Person.
Zum Beispiel: Therapie oder Behandlung.
Das kann dem Körper helfen.
Der zweite Weg ist die Umwelt.
Zum Beispiel: Hilfsmittel und Assistenz.
Dieser Weg hilft oft am schnellsten.
Und man hat ein Recht darauf.
Ganz wichtig:
Teilhabe ist ein Recht für alle Menschen.
Auch wenn der Körper gleich bleibt.
Quellen
- BfArM – ICF, Struktur und Aufbau (Komponenten b/s/d/e). – bfarm.de
- BAR Frankfurt – Das bio-psycho-soziale Modell der ICF. – bar-frankfurt.de
- § 2 SGB IX – Begriffsbestimmungen (Behinderung, Wechselwirkung). – gesetze-im-internet.de
- Deutsches Institut für Menschenrechte – UN-BRK Art. 1. – institut-fuer-menschenrechte.de
Die Infos kommen von der WHO und von Fach-Stellen.
Und aus dem Gesetz.
Die Links führen zu mehr Infos.
Verwandte Grundlagen
- Teilhabe – wirklich mitentscheiden, nicht nur dabei sein
- Assistenz – das Instrument der Selbstbestimmung
- Unterstützte Kommunikation – sich mitteilen und verstanden werden
- Hilfsmittel beantragen – Umweltfaktoren als Anspruch (SGB IX, § 33 SGB V)
- Personenzentrierung & Sozialraum – ICF-orientiert planen
Lesen Sie auch:
Teilhabe. Assistenz. Unterstützte Kommunikation. Hilfsmittel beantragen.
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