Vokabularorganisation in der UK
Vokabularorganisation in der UK
Transparenzhinweis: AssistUK entwickelt selbst Vokabulare mit alphabetischem Ordnungsprinzip (Scripo Start/Pro) sowie szenenbasierte Formate (SceneTalk). Eigene Produkte werden in diesem Vergleich als Beispiele genannt. Die Bewertungen sind eine fachliche Einschätzung des Autors auf Basis der unten zitierten Literatur.
Hinweis: AssistUK macht selbst Produkte mit dem ABC-Weg und mit Foto-Szenen.
Zum Beispiel Scripo Start, Scripo Pro und SceneTalk.
Das sagen wir hier offen.
Vokabularorganisation in der UK: Ein evidenzbasierter Vergleich
Die Organisation des Vokabulars auf einer Kommunikationshilfe beeinflusst wesentlich, wie effektiv und effizient eine Person kommunizieren kann (Beukelman & Light, 2020). Es gibt keinen einzelnen Ansatz, der für alle Menschen optimal ist. Vielmehr müssen Fachkräfte verschiedene Strategien kennen und individuell abwägen. Dieser Vergleich stellt sieben gängige Organisationsprinzipien anhand wissenschaftlicher Evidenz gegenüber.
Es gibt verschiedene Wege, Wörter auf einem Kommunikations-Gerät zu ordnen.
Jeder Weg hat Vorteile und Nachteile.
Hier werden 7 Wege verglichen.
Vergleichstabelle
●●●●● = sehr hoch/gut ● = gering
Hinweis zur Methodik: Diese Bewertungen sind eine fachliche Einschätzung des Autors auf Basis der unten zitierten Literatur – sie stammen nicht direkt aus Studien und sind keine Messwerte. Individuelle Ergebnisse können erheblich abweichen.
Die Punkte sind die Einschätzung vom Autor.
Sie sind keine Mess-Werte aus Studien.
Bei jedem Menschen kann es anders sein.
Ergänzende Formate von AssistUK
SceneTalk nutzt Fotos realer Szenen mit Hotspots — ein Beispiel für die kontextuell-schematische Organisation (siehe Strategie 3). TwinTalk bietet semantisch-syntaktische Vokabulare in zwei Sprachen.
Es gibt noch zwei weitere Wege von AssistUK:
SceneTalk zeigt echte Fotos mit anklickbaren Bereichen.
Das hilft bei bestimmten Situationen im Alltag.
TwinTalk hat Wörter in zwei Sprachen.
1. Alphabetische Organisation (ABC)
Wörter werden nach ihrem Anfangsbuchstaben sortiert. Dieses Prinzip findet sich z. B. im ABC-Bereich von Scripo Start/Pro (AssistUK) oder als ergänzende Suchstrategie in vielen Systemen.
Beim ABC-Weg sind die Wörter nach dem Alphabet geordnet.
Alle Wörter mit A stehen bei A.
Zum Beispiel im ABC-Bereich von Scripo Start und Scripo Pro.
Faktencheck: „Der ABC-Weg setzt Lesen voraus“ — das stimmt so nicht.
Zu unterscheiden sind zwei Dinge: Für die selbstständige Nutzung eines reinen Buchstabiersystems braucht es selbstverständlich Schriftkompetenz. Die verbreitete Annahme, ein ABC-Bereich innerhalb eines Symbolsystems dürfe erst angeboten werden, wenn Lesen und Schreiben bereits beherrscht werden, ist dagegen nicht belegt. Aus Sicht des Emergent-Literacy-Ansatzes ist Literacy ein Ziel, keine Voraussetzung – Buchstaben werden durch die Nutzung gelernt, genau wie im regulären Schriftspracherwerb (Erickson & Koppenhaver, 2020). Viele Menschen können den ABC-Weg so schon mit 1–2 Buchstaben nutzen. Deshalb verdient er eine faire, gleichwertige Prüfung statt vorschneller Ablehnung. (Hinweis: Direkte vergleichende Wirksamkeits-Studien zum ABC-Zugang in der UK sind bislang rar – die Stärke des Ansatzes liegt v. a. in seiner Übertragbarkeit und der Literacy-Förderung.)
Viele denken: Für den ABC-Bereich muss man schon lesen können.
Das stimmt nicht.
Man lernt die Buchstaben beim Benutzen.
Schon 1 oder 2 Buchstaben reichen für den Anfang.
Darum ist der ABC-Weg für viele Menschen gut geeignet.
Vorteile
- Intuitiv für alle Personen, die das Alphabet beherrschen
- Kommunikationspartner:innen benötigen keine Einarbeitung
- Prinzipiell unbegrenzter Wortschatz möglich
- Hohe Übertragbarkeit – das Ordnungsprinzip ist systemunabhängig
- Höchste Modelling-Eignung für Kommunikationspartner – das Alphabet ist das universelle gemeinsame System. Partner können sofort modellieren, ohne Spezialschulung.
- In inklusiven Settings: Alle nutzen das gleiche System, und das ist Schrift. Busfahrer, Mitschüler, Kassiererin – alle verstehen alphabetische Kommunikation.
- Hohe motorische Konsistenz in festen ABC-Wortlisten: Buchstabenpositionen sind fest, und die Position eines Wortes in der ABC-Liste ändert sich nicht. Der Pfad zu „Hund“ ist immer H → Hund — bei überschaubaren Wortlisten in Länge und Konsistenz mit kurzen Kodier-Sequenzen vergleichbar; bei sehr großem Wortschatz können zusätzliche Schritte (Blättern) nötig werden.
Nachteile
- Der Zugang über Buchstaben wird durch Nutzung gelernt — Literacy ist keine Voraussetzung, sondern ein Ziel (Erickson & Koppenhaver, 2020). Für präliterale Nutzer:innen ist der ABC-Bereich ein Lernwerkzeug, kein fertiges System.
- Die alphabetische Sortierung gruppiert Wörter nach Anfangsbuchstaben, nicht nach grammatischer Funktion — Verben, Nomen und Adjektive stehen gemischt unter demselben Buchstaben. In modernen Implementierungen wie Scripo Start/Pro ist der Kernwortschatz (die häufigsten Wörter: ich, nicht, wollen, haben, machen…) jedoch prominent im ABC-Bereich integriert und über die Anfangsbuchstaben schnell erreichbar. Ergänzend bieten thematische Seitensets fertige Sätze und Satzvorlagen.
- Ohne Wortvorhersage kann der Zugriff bei langen Listen mehr Schritte erfordern als bei kompakteren Kodierungssystemen. Moderne Implementierungen mit Wortvorhersage nach 1–2 Buchstaben reduzieren dies erheblich — allerdings um einen Preis: Vorhersagelisten wechseln dynamisch, erfordern visuelles Absuchen und erhöhen damit die kognitive Last; sie steigern die Geschwindigkeit, nicht die motorische Konsistenz (Koester & Levine, 1996).
Evidenz
Alphabetische Ordnung kann literate Erwachsene beim Einstieg in ein neues System unterstützen (Beukelman & Light, 2020). Für junge Kinder ohne Schriftkenntnis liegen bislang keine vergleichenden Studien zum alphabetischen Zugang vor — die vielzitierten Studien von Drager et al. (2003, 2004) und Light et al. (2004) untersuchten ausschließlich Symbol-Displays (taxonomisch, schematisch, Szenen, ikonische Kodierung) und enthielten keine alphabetische Bedingung. Moderne alphabetische Vokabulare (wie Scripo Start/Pro) bieten fertige Wörter nach 1–2 Buchstaben, thematische Seitensets mit ganzen Sätzen und einen integrierten Kernwortschatz — die Zugriffsgeschwindigkeit ist daher deutlich höher als bei reinem Buchstabieren.
Aus Sicht des Emergent-Literacy-Ansatzes (Erickson & Koppenhaver, 2020) erfüllt der alphabetische Zugang eine Doppelfunktion: Er ermöglicht Kommunikation und schafft gleichzeitig Lerngelegenheiten. Buchstabenkenntnis entsteht durch wiederholte Nutzung, nicht durch systematische Lautunterweisung – das System selbst ist der Lernkontext. Erickson und Koppenhaver beschreiben diesen Zugang ausdrücklich als unabhängig von Vorkenntnissen: Keine Buchstaben- oder Lautkenntnis ist Bedingung für den Einstieg, aber Buchstabenkenntnis entwickelt sich durch die Nutzung. Der alphabetische Ansatz bietet zudem den einzigartigen Vorteil der vollständigen Transferierbarkeit: Das im Nutzungskontext erworbene Buchstaben- und Wortwissen lässt sich auf Blick-ABC, Buchstabentafeln, Handschrift, Tastatur und jede weitere alphabetische Kommunikationsform übertragen — es ist niemals an ein bestimmtes Gerät gebunden (Light & McNaughton, 2014).
Geeignet für
Literate Jugendliche und Erwachsene (z. B. bei ALS, SHT); als ergänzendes Suchprinzip in komplexeren Systemen.
Als integrierter ABC-Bereich in symbolbasierten Systemen (wie Scripo Start/Pro) für alle Alters- und Fähigkeitsstufen als Literacy-Förderung und Erweiterungsmöglichkeit.
Der ABC-Weg hat viele Vorteile:
Sehr viele Menschen kennen das Alphabet.
Helfer können sofort helfen, ohne Schulung.
Es passen beliebig viele Wörter hinein.
Jedes Wort ist immer am gleichen Platz.
Das Wissen hilft auch auf anderen Geräten.
Man lernt nebenbei Lesen und Schreiben.
Eine Wort-Vorhersage hilft beim Schreiben:
Nach 1 oder 2 Buchstaben kommen fertige Wörter.
Der ABC-Weg passt gut für Menschen, die schon lesen.
Er ist auch ein Lern-Bereich für alle anderen.
2. Semantische Organisation (Kategorien)
Wörter werden nach Bedeutungskategorien gruppiert (z. B. Tiere, Essen, Gefühle). Dies ist das gängigste Prinzip auf einfachen Kommunikationstafeln und in vielen Einsteiger-Apps.
Vorteile
- Leichter Einstieg bei konkreten, prototypischen Kategorien (Tiere, Essen, Spielzeug)
- Gute Eignung für themenspezifische Kommunikation (Randvokabular)
- Leicht modellierbar durch Partner:innen
- Nützlich in strukturierten Settings (Unterricht, Therapie)
Nachteile
- Kernvokabular (die 200–300 häufigsten Wörter) lässt sich kategorial oft schlecht zuordnen – wo gehört „auch“, „nicht“ oder „wollen“ hin? (Sachse & Boenisch, 2009). Das betrifft Nutzer:innen wie Kommunikationspartner:innen gleichermaßen: Auch das Umfeld muss erraten, in welche Kategorie ein Wort einsortiert wurde.
- Studien zeigen, dass Kinder unter 3 Jahren mit taxonomisch organisierten AAC-Displays Schwierigkeiten haben, Symbole zu finden (Drager et al., 2003). Für sehr junge Kinder und Personen mit begrenzter Kategorisierungserfahrung ist die Eignung daher eingeschränkt.
- Begrenzte Skalierbarkeit – mit wachsendem Vokabular werden Kategorien unübersichtlich
- Einschränkung auf Nomen-lastiges Vokabular; Verben und Funktionswörter werden oft vernachlässigt
- Kein Beitrag zur Literacy-Förderung – die Kategorisierung nach Bedeutung bietet keinen Zugang zu Buchstaben, Schrift oder Lesen. Lese- und Schreibfähigkeiten müssen über andere Wege gefördert werden.
Evidenz
Sachse und Boenisch (2009) wiesen nach, dass etwa 80 % der täglichen Kommunikation durch nur 200–300 Kernwörter abgedeckt wird, die überwiegend aus Funktionswörtern und Verben bestehen – Wortarten, die sich kategorischer Zuordnung entziehen. Drager et al. (2003) fanden, dass 2,5-Jährige mit taxonomisch-kategorischer Organisation kaum Wörter finden konnten. Fallon, Light und Achenbach (2003) zeigten zudem, dass junge Kinder konkrete Begriffe in kleinen thematischen Gruppen ordnen, an abstrakten Begriffen aber scheitern – und dass ihre Ordnungsmuster nicht den taxonomischen Kategorien entsprechen, die Erwachsene in UK-Systemen vorgeben. Kategorien, die für die Erstellenden intuitiv wirken, sind es für Nutzer:innen und Umfeld daher oft nicht.
Geeignet für
Themenspezifische Tafeln (Randvokabular); Einstieg in UK bei geringem Vokabularbedarf; strukturierte Settings wie Unterricht.
Hier sind die Wörter in Gruppen geordnet.
Zum Beispiel: Tiere, Essen, Gefühle.
Das versteht man schnell.
Es passt gut für bestimmte Themen.
Aber: Wichtige kleine Wörter passen in keine Gruppe.
Zum Beispiel: auch, nicht, wollen.
Auch Helfer wissen oft nicht, in welcher Gruppe ein Wort ist.
Bei sehr vielen Wörtern wird es unübersichtlich.
Lesen und Schreiben übt man hier nicht mit.
Gut für den Anfang und für Themen-Tafeln.
3. Kontextuell-schematische Organisation (Visuelle Szenen)
Vokabular wird in Fotos oder Abbildungen realer Situationen eingebettet (Visual Scene Displays, VSD): Eine Szene – etwa das eigene Wohnzimmer oder der Spielplatz – enthält anklickbare Bereiche (Hotspots), hinter denen Wörter und Äußerungen liegen. Beispiele sind SceneTalk (AssistUK) sowie Szenen-Funktionen in gängigen UK-Apps.
Vorteile
- Geringste Lernanforderungen – die Bedeutung erschließt sich direkt aus dem vertrauten Kontext
- Beste Befundlage für sehr junge Kinder: 2½-Jährige fanden in Szenen-Layouts mehr Vokabular als in Raster-Layouts (Drager et al., 2003)
- Unterstützt gemeinsame Aufmerksamkeit und frühe Interaktion (Light & Drager, 2007)
- Persönlich bedeutsame Fotos motivieren und stützen das Gedächtnis
- Kommunikationspartner:innen verstehen Szenen ohne Schulung
Nachteile
- Vokabular ist an Szenen gebunden – Kernvokabular und situationsübergreifende Wörter („wollen“, „nicht“, „auch“) sind schwer abzubilden
- Begrenzte Skalierbarkeit – jede Szene muss einzeln erstellt und gepflegt werden
- Geringe Übertragbarkeit – Hotspot-Positionen gelten nur innerhalb der jeweiligen Szene
- Für den Aufbau von Mehrwortäußerungen und Grammatik wenig geeignet
- Kein Schriftbezug – Literacy muss über andere Wege gefördert werden
Evidenz
Drager et al. (2003) fanden, dass typisch entwickelte 2½-Jährige in kontextuell organisierten Szenen-Layouts mehr Vokabular lokalisieren konnten als in taxonomisch oder schematisch organisierten Rastern. Light und Drager (2007) beschreiben Visual Scene Displays als vielversprechenden Zugang für junge Kinder mit komplexen Kommunikationsbedürfnissen, betonen aber zugleich den weiteren Forschungsbedarf. Für ältere Nutzer:innen und für den Übergang zu generativer Sprache (eigene Sätze bilden) ist die Befundlage dünn.
Geeignet für
Sehr junge Kinder am Beginn der UK-Versorgung; Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen, die von vertrauten Kontexten profitieren; situationsbezogene Kommunikation (z. B. Erlebnisse erzählen); in der Regel als Einstieg und Ergänzung, kombiniert mit einem ausbaufähigen Hauptsystem.
Hier sind die Wörter in echten Fotos versteckt.
Zum Beispiel ein Foto vom Spielplatz.
Man tippt auf eine Stelle im Foto.
Dann spricht das Gerät das Wort.
Das verstehen schon sehr kleine Kinder.
Auch die Helfer verstehen es sofort.
Aber: Wichtige kleine Wörter passen schlecht in Fotos.
Ganze Sätze bauen ist schwer.
Lesen und Schreiben übt man hier nicht mit.
Gut für den Anfang und zum Erzählen.
4. Syntaktische Organisation (Wortarten)
Wörter werden nach ihrer grammatischen Funktion geordnet: Nomen, Verben, Adjektive, Präpositionen usw. belegen jeweils eigene Bereiche. Dieses Prinzip findet sich teilweise in PODD-Implementierungen und vor allem als Baustein semantisch-syntaktischer Mischformen.
Vorteile
- Unterstützt den Aufbau von Mehrwortsätzen – die Seitenstruktur spiegelt den Satzbau wider
- Kernvokabular ist gut integrierbar, da Funktionswörter eigene Bereiche erhalten
- Fördert grammatisches Bewusstsein
- Gute Skalierbarkeit für wachsende Sprachkompetenz
Nachteile
- Setzt zumindest implizites Verständnis von Wortarten voraus
- Erfordert Training für Kommunikationspartner:innen
- Kann für Personen in frühen Spracherwerbsphasen zu abstrakt sein
- Weniger intuitiv als semantische Kategorien für Einsteiger:innen
- Kein systematischer Zugang zu Schrift und Lesen – die Organisation nach Wortarten fördert grammatisches Bewusstsein, aber nicht den Schriftspracherwerb. Literacy muss separat angebahnt werden.
Evidenz
Beukelman und Light (2020) beschreiben semantisch-syntaktische Displays als besonders geeignet für Personen mit intakten Sprachfähigkeiten (z. B. ALS) sowie für Sprachlernende, da sie die effiziente Produktion grammatisch komplexer Äußerungen fördern. Light und McNaughton (2014) betonen, dass operationale Kompetenz – also die Fähigkeit, das System motorisch und navigatorisch zu bedienen – eine Voraussetzung für kommunikative Kompetenz ist, die durch konsistente syntaktische Strukturen unterstützt werden kann.
Geeignet für
Personen im aktiven Spracherwerb; Nutzer:innen, die Mehrwortsätze bilden (wollen); Erwachsene mit erworbenen Kommunikationsbeeinträchtigungen.
Hier sind die Wörter nach Wort-Arten geordnet.
Zum Beispiel: Tun-Wörter und Namen-Wörter.
Jede Wort-Art hat einen eigenen Bereich.
Das hilft beim Bauen von ganzen Sätzen.
Auch wichtige kleine Wörter haben einen festen Platz.
Aber: Man muss die Wort-Arten erst verstehen.
Auch die Helfer brauchen etwas Übung.
Gut für Menschen, die ganze Sätze sagen wollen.
5. Semantisch-syntaktische Organisation
Dieses Hybridprinzip verbindet Bedeutungskategorien mit grammatischer Struktur. Beispiele sind verschiedene Anwenderprogramme mit kombinierter semantisch-syntaktischer Ordnung sowie die Kölner Kommunikationstafeln (Boenisch & Sachse). Die pragmatische Organisation nach kommunikativen Funktionen (wie in PODD) wird in der Literatur teils als eigenständige Strategie geführt (Beukelman & Light, 2020); sie wird hier den Hybridformen zugeordnet.
Vorteile
- Verbindet die Stärken beider Ansätze: anschauliche Kategorien für konkretes Randvokabular, grammatische Struktur für das Kernvokabular
- Kernvokabular ist prominent platziert und mit Randvokabular kombinierbar (Sachse & Boenisch, 2009) – gerade die „kleinen Wörter“ (auch, nicht, wollen), die sich semantischen Kategorien entziehen, haben hier feste Plätze
- PODD-Systeme unterstützen die kommunikative Funktion durch pragmatische Startseiten (Porter & Cafiero, 2009)
- Gute Eignung für Modelling in inklusiven Settings
- Mitwachsend – Vokabular kann systematisch erweitert werden
Nachteile
- Höhere Komplexität bei der Einrichtung
- Unterschiedliche Implementierungen (PODD vs. Kölner Tafeln vs. Gateway) erschweren den Vergleich
- Schulungsbedarf für alle Beteiligten
- Navigationstiefe kann bei umfangreichem Vokabular steigen
- Für das Randvokabular gelten die Grenzen der semantischen Kategorisierung fort: Mehrdeutige Zuordnungen bleiben, und Nutzer:innen wie Partner:innen müssen die Einsortier-Logik der Kategorienseiten lernen (Fallon, Light & Achenbach, 2003)
- Keine integrierte Literacy-Förderung – obwohl die grammatische Struktur sprachliches Bewusstsein stärkt, bietet das Organisationsprinzip selbst keinen direkten Zugang zu Buchstaben und Schriftsprache.
Evidenz
Boenisch (2009, 2014) zeigte in Kölner Studien, dass Kinder mit und ohne Behinderung dieselben Kernwörter verwenden, unabhängig von Alter und Fähigkeiten. Porter und Cafiero (2009) beschreiben PODD-Bücher als vielversprechende Praxis („promising practice“) für Kinder mit Autismus-Spektrum und berichten aus der Praxis von Fortschritten in Kommunikation, Verhalten und Engagement – kontrollierte Wirksamkeitsstudien stehen jedoch aus. Die Kölner Kommunikationstafeln kombinieren Kern- und Randvokabular in einem strukturierten Ordnungssystem und wurden in der Praxis breit erprobt (Sachse & Boenisch, 2009).
Geeignet für
Breiter Personenkreis – von jungen Kindern bis zu Erwachsenen; besonders geeignet für Personen im Spracherwerb, die gleichzeitig thematisches und grammatisches Vokabular benötigen; inklusive Schulkontexte.
Dieser Weg mischt zwei Ideen:
Wörter in Gruppen und Wörter für den Satz-Bau.
Die wichtigsten Wörter sind schnell erreichbar.
Auch die wichtigen kleinen Wörter haben einen festen Platz.
Das System kann mitwachsen.
Bei den Wort-Gruppen muss man trotzdem manchmal suchen.
Aber: Die Einrichtung braucht Zeit.
Alle Helfer brauchen eine Schulung.
Dieser Weg passt für viele Menschen.
Zum Beispiel für Kinder, die gerade sprechen lernen.
6. Semantic Compaction (Minspeak®)
Ikonsequenzen mit mehrfacher Bedeutung pro Symbol kodieren das Vokabular in kurzen, regelbasierten Abfolgen. Entwickelt von Bruce Baker (1982). Das Prinzip wird in verschiedenen Anwenderprogrammen umgesetzt.
Dieser Weg heißt auch Minspeak.
Ein Bild hat hier mehrere Bedeutungen.
Man drückt mehrere Bilder nacheinander.
So entsteht ein Wort.
Minspeak® ist eine eingetragene Marke von PRC-Saltillo. Die Nennung erfolgt rein beschreibend zur Bezeichnung der Methode – eine Verbindung oder Partnerschaft wird nicht impliziert.
Vorteile
- Sehr großer Vokabularumfang auf kompakter Oberfläche
- Maximale motorische Konsistenz – jedes Wort hat eine feste Motorsequenz, unabhängig von Kontext oder Seitennavigation (Baker, 1982)
- Hohe Kommunikationsgeschwindigkeit nach der Lernphase
- Der LAMP-Ansatz (Halloran & Halloran, 2006) verbindet Semantic Compaction mit motorischem Lernen, sprachtherapeutischen Prinzipien und natürlichen Konsequenzen
- Hervorragende Skalierbarkeit – dieselben Icons decken zunehmendes Vokabular ab
Nachteile
- Hohe Lernkurve für Nutzer:innen und Partner:innen
- Kodierung ist initial nicht transparent – erfordert systematische Einführung
- Studien zeigen, dass 4–5-jährige Kinder Schwierigkeiten mit ikonischer Kodierung haben im Vergleich zu anderen Methoden (Light et al., 2004)
- Kodierungswissen ist systemspezifisch – erworbene Sequenzen lassen sich nicht auf andere Kommunikationsformen übertragen
- Modelling erfordert hohes Engagement und Schulung der Bezugspersonen
- Keine Förderung von Lesen und Schreiben – die Ikonsequenzen basieren auf symbolischen Verknüpfungen, nicht auf Schrift. Erworbene Kodierungskompetenz lässt sich nicht auf Lesen, Schreiben oder andere schriftbasierte Kommunikation übertragen.
Evidenz
Baker (1982, 1986) legte die theoretischen Grundlagen für Semantic Compaction. Der darauf aufbauende LAMP-Ansatz wurde von John und Cindy Halloran sowie Mia Emerson am Center for AAC & Autism entwickelt (Halloran & Halloran, 2006); eine unabhängige Evaluation des LAMP-Programms berichtete positive Entwicklungen im Vokabulargebrauch und in der spontanen Kommunikation bei Kindern mit Autismus-Spektrum (Bedwani, Bruck & Costley, 2015). Eine Übersichtsarbeit berichtet zudem, dass intensive Anleitung die Genauigkeit junger Kinder bei der Nutzung von Semantic Compaction verbessern konnte (Clark, 2008). Nach erfolgreicher Lernphase kann die Kommunikationsrate deutlich über der reiner Buchstabierstrategien liegen; belastbare unabhängige Vergleichszahlen fehlen jedoch. Einschränkend gilt: Ein Teil der Studien stammt von den Entwicklern selbst bzw. aus herstellernahen Einrichtungen, und vergleichende Studien mit anderen Organisationsstrategien sind selten.
Geeignet für
Personen, die langfristig ein umfangreiches Vokabular benötigen und von motorischer Konsistenz profitieren; Nutzer:innen mit stabiler Motorik; Situationen, in denen intensive Begleitung sichergestellt ist.
Dieser Weg hat Vorteile:
Sehr viele Wörter passen auf wenige Tasten.
Jedes Wort hat immer die gleiche Bilder-Folge.
Mit viel Übung geht das Sprechen schnell.
Aber: Das Lernen dauert lange.
Auch die Helfer brauchen eine besondere Schulung.
Lesen und Schreiben übt man auf diesem Weg nicht mit.
Der Weg passt für Menschen mit viel Zeit zum Üben.
Eine gute Begleitung ist wichtig.
7. Idiosynkratische Organisation
Individuell erstellte, nicht standardisierte Systeme, die spezifisch für eine einzelne Person konzipiert werden. Dazu gehören persönliche Kommunikationstafeln, individuelle Fotobücher usw.
Vorteile
- Maximale Anpassung an individuelle Bedürfnisse, Interessen und Fähigkeiten
- Kann persönlich bedeutsames Vokabular priorisieren
- Für sehr spezifische Kommunikationssituationen nützlich
- Keine Abhängigkeit von einem bestimmten System oder Hersteller
Nachteile
- Keine Übertragbarkeit – neue Partner:innen müssen das System von Grund auf lernen
- Qualität hängt vollständig von den Fähigkeiten der erstellenden Fachperson ab
- Oft wenig systematische Erweiterbarkeit
- Gefahr der Unterforderung – Boenisch (2014) warnte, dass individuelle Systeme häufig zu wenig Vokabular bereitstellen
- Kein Modelling durch andere Nutzer:innen des gleichen Systems möglich
- Evidenzbasis ist sehr dünn, da individuelle Lösungen schwer systematisch evaluierbar sind
- Literacy-Förderung wird selten systematisch integriert – individuelle Systeme konzentrieren sich meist auf die aktuelle Kommunikation, ohne den Schriftspracherwerb als Entwicklungsziel einzubeziehen.
Evidenz
Light und McNaughton (2014) betonen, dass kommunikative Kompetenz von der Qualität des Kommunikationssystems abhängt – individuelle Systeme können diese fördern, aber auch behindern. Erickson und Koppenhaver (2020) argumentieren, dass auch individuell angepasste Systeme den Zugang zu umfassendem Kernvokabular sicherstellen müssen, um Literalität und Spracherwerb zu unterstützen. Die Forschungslage ist begrenzt, da Einzelfallstudien dominieren und keine verallgemeinerbaren Aussagen zulassen.
Geeignet für
Hochspezifische Situationen; als Ergänzung zu einem systematischen Hauptsystem; für Personen, bei denen kein standardisiertes System passt; Übergangsphasen.
Dieser Weg wird für einen einzelnen Menschen gemacht.
Zum Beispiel eine eigene Tafel oder ein Foto-Buch.
Alles passt genau zu diesem Menschen.
Aber: Neue Helfer müssen alles neu lernen.
Oft sind zu wenige Wörter darin.
Gut als Ergänzung zu einem großen System.
Oder für besondere Situationen.
Fazit für die Praxis
Die Wahl der Vokabularorganisation sollte sich an den individuellen Fähigkeiten, Bedürfnissen und Lebenskontexten der nutzenden Person orientieren – nicht an der Präferenz der Fachperson oder der Verfügbarkeit eines bestimmten Produkts.
Zentrale Leitfragen aus der Forschung:
- Kernvokabular sicherstellen: Unabhängig von der gewählten Strategie muss Kernvokabular prominent und effizient zugänglich sein (Sachse & Boenisch, 2009; Boenisch, 2014).
- Motorische Konsistenz berücksichtigen: Feste Wortpositionen fördern Automatisierung und Kommunikationsgeschwindigkeit (Baker, 1982; Halloran & Halloran, 2006).
- Visuelle Gestaltung einbeziehen: Farbe, Kontrast und räumliche Anordnung beeinflussen die Effizienz der visuellen Suche (Wilkinson & Jagaroo, 2004).
- Mehrere Strategien kombinieren: Viele erfolgreiche Versorgungen nutzen Mischformen. Eine Person kann verschiedene Organisationsstrategien für unterschiedliche Situationen nutzen (Beukelman & Light, 2020).
- Modelling einplanen: Die beste Organisationsstrategie nützt wenig ohne systematisches Modelling durch Bezugspersonen (Light & Drager, 2007).
- Entwicklungsperspektive einnehmen: Das System muss mit der Person mitwachsen können. Einfache semantische Tafeln können ein guter Einstieg sein, sollten aber nicht die Endlösung darstellen (Light & McNaughton, 2014).
- Literacy von Anfang an mitdenken: Der Schriftspracherwerb ist ein grundlegendes Recht (UN-BRK Art. 24) und erweitert die kommunikativen Möglichkeiten fundamental. Organisationsstrategien, die Literacy systematisch integrieren, bieten einen langfristigen Vorteil gegenüber rein symbolbasierten Ansätzen (Erickson & Koppenhaver, 2020).
Der alphabetische Ansatz im Kontext
Im Vergleich der sieben Strategien zeigt der alphabetische Ansatz ein besonderes Profil: Er ist die einzige Organisationsform, deren Ordnungsprinzip selbst auf Schrift basiert – Kommunikation und Literacy-Förderung sind dadurch systemisch verbunden. Zwar zeigen auch Symbolsysteme das Schriftbild auf den Tasten; dort ist Schrift jedoch Beschriftung, nicht Ordnungsprinzip. Während andere Strategien den Schriftspracherwerb als separates Ziel behandeln müssen, ist er im ABC-Ansatz integraler Bestandteil – jede Nutzung des Systems ist gleichzeitig eine Begegnung mit Buchstaben und Schrift.
Darüber hinaus bietet der alphabetische Ansatz drei Vorteile, die in dieser Kombination kein anderes Organisationsprinzip bietet:
- Universelle Verständlichkeit: Das Alphabet ist das gemeinsame Kommunikationssystem unserer Gesellschaft. Jeder Kommunikationspartner – ob Fachkraft, Elternteil oder Mitschüler – kann sofort unterstützen und Modelling leisten, ohne Spezialschulung.
- Vollständige Übertragbarkeit: Erworbenes Buchstaben- und Wortwissen lässt sich auf jede schriftbasierte Kommunikationsform übertragen – Blick-ABC, Buchstabentafeln, Tastatur, Handschrift, E-Mail. Das Wissen bleibt erhalten, unabhängig vom Gerät.
- Hohe motorische Konsistenz: Die Position jedes Buchstabens ist fest, und in festen ABC-Wortlisten ändert sich auch der Pfad zu einem Wort nicht – dies ermöglicht effizientes motorisches Lernen und Automatisierung. Dynamische Wortvorhersage erhöht dagegen die Geschwindigkeit, nicht die motorische Konsistenz.
Moderne Implementierungen wie Scripo Start und Scripo Pro verbinden den ABC-Ansatz mit Kernwortschatz, thematischen Seitensets und Kommentaren – so wird das System mit den aktuellen Fähigkeiten sofort nutzbar und bietet gleichzeitig einen strukturierten Weg zum Schriftspracherwerb.
Kein Weg ist für alle Menschen richtig.
Die Wahl hängt vom Menschen ab.
Wichtige Regeln aus der Forschung:
Die häufigsten Wörter müssen schnell erreichbar sein.
Jedes Wort soll einen festen Platz haben.
Helfer sollen das Gerät vormachen.
Das System muss mitwachsen.
Man kann auch mehrere Wege mischen.
Lesen und Schreiben von Anfang an mitdenken.
Der ABC-Weg verbindet Reden und Lesen-Lernen.
Das Alphabet kennen sehr viele Menschen.
Das Wissen hilft auf jedem Gerät.
Scripo Start und Scripo Pro nutzen den ABC-Weg.
Welcher Weg passt? Jetzt herausfinden
Es gibt keinen Weg, der für alle Menschen optimal ist. Welche Strategie für eine bestimmte Person am besten funktioniert, lässt sich direkt ausprobieren – mit einer kurzen, spielerischen Einschätzung, die ABC-, semantischen und syntaktischen Zugriff gleichwertig vergleicht. Der ABC-Bereich wird dabei fair erprobt: viele Menschen können ihn nutzen, auch mit nur 1–2 Buchstaben.
Kein Weg ist für alle gleich gut.
Mit einer kurzen Einschätzung kann man ausprobieren:
Welcher Weg passt am besten?
Die Einschätzung vergleicht 3 Wege gleich fair.
Quellenverzeichnis
- Baker, B. (1982). Minspeak: A semantic compaction system that makes self-expression easier for communicatively disabled individuals. Byte, 7(9), 186–202.
- Baker, B. (1986). Using images to generate speech. Byte, 11(3), 160–168.
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- Beukelman, D. R. & Light, J. C. (2020). Augmentative & Alternative Communication: Supporting Children and Adults with Complex Communication Needs (5th ed.). Brookes.
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- Sachse, S. K. & Boenisch, J. (2009). Kern- und Randvokabular in der Unterstützten Kommunikation: Grundlagen und Anwendung. In Handbuch der Unterstützten Kommunikation (Teil 1). von Loeper.
- Wilkinson, K. M. & Jagaroo, V. (2004). Contributions of principles of visual cognitive science to AAC system display design. Augmentative and Alternative Communication, 20(3), 123–136.
Minspeak® ist eine eingetragene Marke von PRC-Saltillo. PODD, LAMP, Gateway, Grid sowie weitere genannte Produkt- und Methodennamen sind Marken bzw. Kennzeichen ihrer jeweiligen Inhaber. Die Nennung erfolgt rein beschreibend zur Bezeichnung der Methoden; eine Verbindung oder Partnerschaft wird nicht impliziert.