Mehrsprachige Kommunikation: Situationen aus dem Alltag
Mehrsprachige Kommunikation: Situationen aus dem Alltag
Sieben Szenarien — von der Großmutter ohne Deutsch bis zum Schlaganfall im zweisprachigen Leben.
Sieben Situationen, in denen eine Sprache zu wenig ist
Mehrsprachigkeit in der Unterstützten Kommunikation (UK) ist keine einheitliche Aufgabe. Je nachdem, wer mit wem in welcher Sprache spricht, sieht der Bedarf völlig anders aus — mal geht es um die Großmutter, mal um die Schule, mal um einen Umzug. Die folgenden sieben Situationen kommen in der Beratung regelmäßig vor.
Sie sind bewusst konkret beschrieben, aber keine Fallberichte realer Personen. Und sie sind nicht als Empfehlung für ein bestimmtes Produkt gemeint: Was in einer Situation gebraucht wird, entscheidet sich mit der Person, der Familie und dem versorgenden Fachbetrieb.
Es gibt viele Situationen mit zwei Sprachen.
Hier sind sieben Beispiele.
Jede Situation braucht etwas anderes.
Die Beispiele sind erfunden.
Sie zeigen aber, was oft vorkommt.
Zu Hause Arabisch, in der Kita Deutsch
Die Situation. Ein vierjähriges Kind wächst in einer Familie auf, in der zu Hause Arabisch gesprochen wird. In der Kita ist alles auf Deutsch. Das Kind spricht nicht und bekommt eine Kommunikationshilfe. Weil die Förderung deutschsprachig ist, wird das Gerät deutsch eingerichtet — und das Kind kann zu Hause nichts damit sagen.
Was gebraucht wird. Beide Sprachen im selben Gerät, mit einem Umschalter, den auch ein vierjähriges Kind findet. Und dieselbe Anordnung in beiden Sprachen, damit das, was in der Kita motorisch geübt wird, zu Hause weiterhilft.
Worauf zu achten ist. Wer die Sprachen einrichtet, sollte mit der Familie durchgehen, welche Wörter zu Hause wirklich gebraucht werden. Das sind oft andere als die aus dem Kita-Alltag — Essen, Feste, Verwandtschaftsbezeichnungen, Kosenamen.
Ein Kind spricht zu Hause Arabisch.
In der Kita spricht man Deutsch.
Das Kind kann nicht sprechen.
Es bekommt einen Sprach-Computer.
Im Sprach-Computer sollen beide Sprachen sein.
Dann kann das Kind überall reden.
Die Großmutter spricht kein Deutsch
Die Situation. Die Familie lebt seit langem in Deutschland, die Eltern sprechen fließend Deutsch, der Alltag läuft zweisprachig. Die Großmutter, die dreimal in der Woche da ist, spricht nur Kroatisch. Auf dem deutschen Gerät sagt das Kind Sätze, die sie nicht versteht.
Was gebraucht wird. Nicht unbedingt ein vollständiges zweites Vokabular — oft genügt zunächst der Teil, der zwischen Kind und Großmutter vorkommt: Begrüßen, Essen, Spielen, Zuneigung, Ablehnung. Wichtig ist, dass der Sprachwechsel im Gespräch möglich ist, nicht nur beim Einrichten.
Worauf zu achten ist. Auch die Großmutter braucht eine Einführung — in ihrer Sprache oder mit Übersetzung durch die Familie. Ein Gerät, das nur die Eltern bedienen können, verfehlt genau diese Situation.
Die Oma spricht kein Deutsch.
Sie kommt oft zu Besuch.
Das Kind sagt etwas auf Deutsch.
Die Oma versteht es nicht.
Darum braucht der Sprach-Computer auch die Sprache der Oma.
Dann können Oma und Kind miteinander reden.
Neu in Deutschland — die Familiensprache trägt zuerst
Die Situation. Eine Familie ist vor einigen Monaten aus der Ukraine gekommen. Das Kind hat eine schwere Mehrfachbehinderung und kommunizierte bisher mit Gebärden, Bildern und einer einfachen Tafel auf Ukrainisch. Deutsch kommt gerade erst dazu — bei allen in der Familie.
Was gebraucht wird. Hier ist die Reihenfolge umgekehrt: Die Familiensprache ist die tragende Sprache, Deutsch wächst nach. Ein Vokabular, das mit Ukrainisch als erster Sprache startet und Deutsch als zweite mitführt, spiegelt das — statt das Kind in einer Sprache anzufangen, die noch niemand im Haus sicher spricht.
Worauf zu achten ist. Der Bedarf verschiebt sich über die Zeit. Ein System, in dem beide Sprachen gleichberechtigt liegen, muss deshalb nicht umgebaut werden, wenn Deutsch stärker wird.
Eine Familie ist neu in Deutschland.
Sie kommt aus der Ukraine.
Das Kind kann nicht sprechen.
Die Familie spricht noch wenig Deutsch.
Darum ist die eigene Sprache zuerst wichtig.
Deutsch kommt später dazu.
Die Assistenz versteht die Familiensprache nicht
Die Situation. Ein junger Erwachsener mit Assistenzbedarf lebt in einer eigenen Wohnung. Zu Hause und mit den Eltern spricht er Polnisch, die Assistenzkräfte sprechen Deutsch. Wenn er auf der polnischen Seite seines Geräts etwas sagt, steht die Assistenz daneben und rät.
Was gebraucht wird. Eine Anordnung, in der dasselbe Feld in beiden Sprachen an derselben Stelle liegt. Wer die deutsche Seite kennt, kann die polnische Äußerung an der Position wiederfinden — das Gerät wird zur Brücke in beide Richtungen. Sinnvoll ist außerdem, dass die Assistenz weiß, wie sie umschaltet, ohne etwas zu verstellen.
Worauf zu achten ist. Das ist eine Konstruktionslogik, kein beforschter Befund — aber eine, die sich in der Praxis anbietet: Positionskonstanz nützt nicht nur dem Menschen, der spricht, sondern auch dem, der zuhört.
Ein junger Mann spricht zu Hause Polnisch.
Seine Assistenz spricht nur Deutsch.
Er sagt etwas auf Polnisch.
Die Assistenz versteht es nicht.
Wenn die Wörter immer gleich liegen,
kann die Assistenz nachschauen.
Dann versteht sie ihn besser.
Englisch in der Schule
Die Situation. Eine Schülerin nutzt seit Jahren ein deutsches Vokabular. Ab der fünften Klasse steht Englisch auf dem Stundenplan. Auf ihrem Gerät gibt es dafür nichts — sie kann im Unterricht zuhören, aber nicht mitmachen.
Was gebraucht wird. Eine englische Sprachversion desselben Vokabulars, erreichbar über den Umschalter. Weil die Anordnung gleich bleibt, muss sie den Aufbau nicht neu lernen, sondern nur die Beschriftungen — genau das, worum es im Sprachunterricht geht.
Worauf zu achten ist. Schulfremdsprache heißt nicht Familiensprache. Beides kann parallel gebraucht werden; ein System, das mehr als zwei Sprachen führen kann, muss dann nicht zwischen ihnen wählen.
Ein Mädchen lernt in der Schule Englisch.
Auf ihrem Sprach-Computer gibt es kein Englisch.
Dann kann sie im Unterricht nicht mitmachen.
Mit Englisch im Gerät kann sie mitreden.
Die Felder liegen wie vorher.
Nur die Wörter sind anders.
Umzug, Reise, Besuch im Herkunftsland
Die Situation. Die Familie fährt jeden Sommer für vier Wochen nach Griechenland. Dort spricht kaum jemand Deutsch. Oder: Die Familie zieht ganz um — und die Kommunikationshilfe zieht mit.
Was gebraucht wird. Ein Vokabular, das die Sprache des Ziellandes bereits enthält, statt vor jeder Reise umgebaut zu werden. Für den dauerhaften Umzug zählt zusätzlich, dass die aufgebaute Motorik erhalten bleibt: Wer jahrelang gelernt hat, wo ein Wort liegt, sollte es nach dem Umzug an derselben Stelle finden.
Worauf zu achten ist. Für die Sprachausgabe muss auf dem Gerät eine Stimme der Zielsprache vorhanden sein. Das lässt sich vorher prüfen und einrichten — hinterher ist es lästig.
Eine Familie fährt jedes Jahr nach Griechenland.
Dort spricht fast niemand Deutsch.
Im Sprach-Computer sollte auch Griechisch sein.
Dann kann die Person auch dort reden.
Die Felder bleiben gleich.
Mehrsprachig aufgewachsen — und später ein Schlaganfall
Die Situation. Eine Frau ist mit Italienisch und Deutsch aufgewachsen und hat beide Sprachen ihr Leben lang benutzt. Nach einem Schlaganfall mit Aphasie fällt ihr das Sprechen schwer. Sie bekommt eine Kommunikationsoberfläche — auf Deutsch, weil die Klinik deutsch ist.
Was gebraucht wird. Beide Sprachen. Welche Sprache nach einer erworbenen Schädigung besser verfügbar bleibt, lässt sich nicht vorhersagen und kann sich im Verlauf ändern. Ein System mit beiden Sprachen hält die Möglichkeit offen, statt sie vorab zu entscheiden.
Worauf zu achten ist. Bei erworbenen Sprachstörungen gilt besonders: klein anfangen, wenige große Felder, und die Sprachfrage nicht mit der Frage nach der Rastergröße vermischen. Beides lässt sich unabhängig voneinander festlegen.
Eine Frau spricht Italienisch und Deutsch.
Dann hat sie einen Schlaganfall.
Jetzt kann sie schlecht sprechen.
Sie bekommt eine Kommunikations-Hilfe.
Beide Sprachen sollen darin sein.
Niemand weiß vorher,
welche Sprache besser geht.
Was in allen Szenarien gleich ist
So verschieden die Situationen sind — vier Dinge kehren immer wieder:
- Die Sprachen der Familie gehören ins System, nicht als Zusatz, sondern von Anfang an.
- Der Wechsel muss im Gespräch möglich sein, nicht nur beim Einrichten. Er gehört sichtbar auf jede Seite, nicht in ein Untermenü.
- Die Anordnung bleibt gleich. Was in einer Sprache motorisch sitzt, soll in der anderen an derselben Stelle liegen.
- Die Stimme muss vorhanden sein. Ein Wort, das auf dem Bildschirm steht, aber nicht gesprochen werden kann, hilft nur begrenzt — das gehört vor der Entscheidung geprüft.
In allen Beispielen ist wichtig:
Alle Sprachen gehören ins Gerät.
Man muss leicht umschalten können.
Die Wörter liegen immer an der gleichen Stelle.
Und das Gerät braucht eine Stimme für jede Sprache.
Passend dazu
Warum das so ist und was die Forschung dazu sagt, steht auf der Seite Warum zwei Sprachen?. Wie sich ein solches Vokabular technisch umsetzen lässt, zeigt die Produktseite zu TwinTalk.
Es gibt noch mehr Seiten zu diesem Thema.