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Warum zwei Sprachen? Sinn und Zweck mehrsprachiger Vokabulare

Warum zwei Sprachen? Sinn und Zweck mehrsprachiger Vokabulare

Die Forschung ist über Störungsbilder hinweg einmütig: Zwei Sprachen schaden nicht.

Zwei Ratschläge, die sich hartnäckig halten

In der Unterstützten Kommunikation (UK) begegnen einem zwei Ratschläge immer wieder. Beide werden in guter Absicht gegeben. Beide klingen vernünftig. Beide halten der Forschungslage nicht stand.

Der erste fällt in Beratungszimmern, Frühförderstellen und Praxen, wenn ein Kind mit einer Behinderung in einer Familie aufwächst, die zu Hause Arabisch, Russisch, Kroatisch oder Polnisch spricht: „Sprechen Sie zu Hause bitte Deutsch mit ihm. Zwei Sprachen überfordern es doch."

Der zweite fällt später, wenn eine Kommunikationshilfe ins Spiel kommt: „Erst einmal nur eine Sprache auf dem Gerät. Alles andere macht es kompliziert." Und weil Kita, Schule und Therapie auf Deutsch arbeiten, ist damit fast immer entschieden, welche Sprache das ist. Das Gerät spricht Deutsch — die Familie nicht.

Ein Mensch, der nicht sprechen kann und dessen Kommunikationshilfe die Sprache seiner Familie nicht kennt, wird an zwei Stellen von Teilhabe abgeschnitten: draußen in der Welt und am eigenen Küchentisch.

Manche Fachleute sagen zu Familien:
Sprecht zu Hause bitte nur Deutsch.
Sie meinen es gut.
Aber die Forschung sagt: Das stimmt nicht.
Manche Fachleute sagen auch:
Auf dem Sprach-Computer soll nur eine Sprache sein.
Dann ist es meistens Deutsch.
Dann kann die Person mit der Familie nicht gut reden.
Das ist nicht gut.

Was die Forschung zeigt: Zwei Sprachen schaden nicht

Die Annahme, ein Kind mit Entwicklungsbeeinträchtigung sei mit zwei Sprachen überfordert, ist so plausibel, dass sie jahrzehntelang kaum geprüft wurde. Inzwischen ist sie geprüft — über Störungsbilder, Länder und Methoden hinweg. Das Ergebnis ist bemerkenswert einheitlich.

  • Down-Syndrom: Zweisprachig aufwachsende Kinder standen den einsprachigen in ihrer Erstsprache nicht nach (Kay-Raining Bird et al. 2005).
  • Autismus-Spektrum: Ein systematisches Review über acht Studien mit 182 Kindern fand keinen negativen Effekt der Zweisprachigkeit (Drysdale et al. 2015). Die größte Einzeluntersuchung verglich 388 Kleinkinder, davon 106 zweisprachig — kein Nachteil im Sprachverständnis oder in der Sprachproduktion (Dai et al. 2018).
  • Sprachentwicklungsstörung: Bilinguale Kinder mit Entwicklungsstörung erreichen in der getesteten Sprache vergleichbare Leistungen wie einsprachige Kinder mit derselben Störung (Kay-Raining Bird, Genesee & Verhoeven 2016).
  • Über zwölf Monate Frühförderung machten mehrsprachig aufwachsende Kinder mit Autismus dieselben Fortschritte wie einsprachige (Siyambalapitiya et al. 2022).

Deshalb sind die klinischen Übersichtsarbeiten deutlich: Das „Practitioner Review" im Journal of Child Psychology and Psychiatry findet keine Evidenz für schädliche Effekte und rät Fachleuten ausdrücklich davon ab, Familien zur Aufgabe der Familiensprache zu drängen — erzwungene Einsprachigkeit habe soziale, emotionale und familiäre Kosten (Uljarević et al. 2016). Ein systematisches Review über 18 Interventionsstudien fand sogar einen kleinen Effekt zugunsten von Förderung in der Familiensprache (Lim et al. 2019).

Und das Mischen der Sprachen? Auch das ist normal. Der Wechsel zwischen Sprachen ist ein regulärer Teil mehrsprachiger Entwicklung und kein Zeichen von Verwirrung (Byers-Heinlein & Lew-Williams 2013).

Ehrlich bleiben: Einzelne Studien finden sogar Vorteile der Zweisprachigkeit, etwa beim kognitiven Umschalten (Gonzalez-Barrero & Nadig 2019). Das sind kleine Stichproben — „Zweisprachigkeit macht schlauer" wäre die nächste unzulässige Vereinfachung. Als Gegengewicht zur Überforderungs-These genügen sie trotzdem.

Forscher haben viele Kinder untersucht.
Kinder mit Down-Syndrom.
Kinder mit Autismus.
Kinder mit Sprach-Problemen.
Das Ergebnis ist immer gleich:
Zwei Sprachen schaden den Kindern nicht.
Die Kinder lernen genauso gut.
Fachleute sollen darum nicht sagen:
Hört mit eurer Sprache auf.

Was der Rat zur Einsprachigkeit kostet

Wenn die Forschungslage so klar ist — warum hört man den Rat dann immer noch? Die unbequeme Antwort: weil er von Fachleuten kommt. Familien berichten durchgängig, ihnen sei geraten worden, nur noch die Mehrheitssprache zu sprechen (Kremer-Sadlik 2005; Yu 2013; Drysdale et al. 2015). Eine internationale Befragung nennt das die Kluft zwischen Praxis und Meinung: Fachleute halten Kinder mit Entwicklungsbeeinträchtigungen inzwischen mehrheitlich für zweitsprachfähig — real bekommen diese Kinder aber deutlich seltener Zugang zu mehrsprachigen Angeboten als ihre nichtbehinderten Altersgenossen (Marinova-Todd et al. 2016).

Der Preis ist bekannt. Werden kleine Kinder früh und ausschließlich in die Mehrheitssprache gedrängt, lernen sie nicht einfach eine Sprache dazu — sie verlieren die Familiensprache, und mit ihr erodiert die Verständigung zwischen Eltern und Kindern (Wong Fillmore 1991). Die Weitergabe der Familiensprache ist ohnehin kein Selbstläufer: In einer Untersuchung von 1.899 zweisprachigen Familien schwankte die Weitergabequote je nach elterlichem Sprachmuster zwischen 97 und 36 Prozent (De Houwer 2007). Jede professionelle Empfehlung gegen die Familiensprache drückt diese Quote weiter.

Konkret heißt das: Die Großmutter, die kein Deutsch spricht, kann ihrem Enkel nicht mehr zuhören. Die Mutter soll mit ihrem Kind über Gefühle in einer Sprache sprechen, in der sie selbst nicht zu Hause ist.

Wenn eine Familie ihre Sprache aufgibt,
geht etwas Wichtiges verloren.
Die Oma spricht vielleicht kein Deutsch.
Dann kann sie mit dem Kind nicht mehr reden.
Über Gefühle spricht man am besten
in der eigenen Sprache.
Darum ist die Familien-Sprache wichtig.

Bei Unterstützter Kommunikation ist die Lage schärfer

Für sprechende Kinder lautet die Konsequenz: Familiensprache erhalten, beide Sprachen wertschätzen. Für Menschen, die mit Symbolen, Tasten und Sprachausgabe kommunizieren, kommt eine Besonderheit hinzu, die alles verschärft: Ihr Wortschatz ist begrenzt auf das, was jemand in ihr System hineingelegt hat.

Die Sprachentscheidung, die bei sprechenden Kindern das Umfeld beeinflusst, wird bei UK-Nutzenden von der Konfiguration festgelegt. Deshalb ist die UK-Fachliteratur an dieser Stelle eindeutig. Gefordert wird die Unterstützung beider Sprachen, die ein Mensch braucht, um an seinen realen Lebenswelten teilzuhaben (Soto & Yu 2014). Das Practice Portal der US-Fachgesellschaft ASHA formuliert es als Versorgungsstandard: Wenn ein UK-System nicht alle Sprachen einer Person unterstützt, kann sie zu Hause womöglich gar nicht kommunizieren — empfohlen werden ausdrücklich Systeme, die zwischen Sprachen umschalten können.

Was passiert, wenn man das übergeht, ist dokumentiert: In einer ethnografischen Studie lagen die Sprachausgabegeräte mexikanisch-amerikanischer Kinder zu Hause weitgehend unbenutzt. Das Vokabular war englisch und schulbezogen; kulturell passendes Alltagsvokabular fehlte ebenso wie die Familiensprache. In der Schule galt das Gerät als nützlich — am Familientisch war es kaum brauchbar (McCord & Soto 2004).

Die neuere Fachdiskussion geht weiter: Der Wechsel zwischen Sprachen mitten im Gespräch ist kompetente Praxis mehrsprachiger Menschen, die Systeme unterstützen müssen (King & Soto 2022; Tönsing & Soto 2020). Das kehrt die Beweislast um. Nicht der Mensch, der wechselt, muss sich rechtfertigen — das System, das den Wechsel nicht zulässt, muss es.

Ein Sprach-Computer ist der Wortschatz einer Person.
Nur was drin ist, kann man sagen.
Ist nur Deutsch drin, geht nur Deutsch.
Dann bleibt der Sprach-Computer zu Hause oft liegen.
Fachleute sagen darum:
Alle Sprachen einer Person gehören ins Gerät.
Und man muss leicht umschalten können.

Wozu ein mehrsprachiges Vokabular gut ist

Sechs Antworten auf die Frage nach Sinn und Zweck.

Hier sind sechs Gründe für zwei Sprachen im Gerät.

Die Familie bleibt Gesprächspartner

Über Gefühle, Streit, Trost und Familiengeschichten spricht man in der Sprache, in der man zu Hause ist. Fehlt sie im Gerät, fällt genau dieser Teil des Lebens aus der Kommunikation heraus.

Über Gefühle spricht man in der eigenen Sprache.
Darum gehört sie ins Gerät.

Auch Menschen ohne Deutsch können zuhören

Großeltern, Verwandte, Nachbarn: Wer kein Deutsch spricht, kann sonst nicht verstehen, was gesagt wird — obwohl das Gerät genau dafür da ist.

Die Oma spricht vielleicht kein Deutsch.
Dann braucht das Gerät auch ihre Sprache.

Sprachwechsel ist erlaubt, nicht versteckt

Mehrsprachige Menschen wechseln zwischen ihren Sprachen. Ein Umschalter auf jeder Seite bildet das ab, statt es in Untermenüs zu verstecken.

Man darf die Sprache wechseln.
Die Taste dafür ist auf jeder Seite.

Die aufgebaute Motorik bleibt erhalten

Wenn dasselbe Wort in jeder Sprache an derselben Stelle liegt, entwertet der Sprachwechsel nicht das, was motorisch schon sitzt.

Die Wörter liegen immer an der gleichen Stelle.
So muss man nichts neu lernen.

Kita und Schule kommen dazu, statt zu verdrängen

Deutsch muss nicht gegen die Familiensprache antreten. Beide stehen nebeneinander im selben System.

Deutsch kommt dazu.
Die andere Sprache bleibt.

Das Umfeld versteht sich gegenseitig

Ein zweisprachiges Gerät ist auch eine Brücke für einsprachige Bezugspersonen: Die deutschsprachige Fachkraft sieht, was auf der anderen Sprachseite gesagt wird — und umgekehrt.

Auch die Assistenz versteht mehr.
Das hilft allen.

Die letzten beiden Punkte sind Praxisableitungen, keine direkt beforschten Befunde — sie folgen aus dem, was die UK-Praxis über motorische Konstanz und über die Rolle der Bezugspersonen weiß. Wir kennzeichnen das, weil der Unterschied zählt.

Zwei Sprachen im Gerät haben viele Vorteile:
Man kann mit der Familie reden.
Auch die Oma versteht etwas.
Man kann leicht umschalten.
Die Wörter liegen immer an der gleichen Stelle.
Deutsch kommt dazu.
Und alle verstehen sich besser.

Was ein mehrsprachiges Vokabular nicht leistet

Damit die Erwartung stimmt, hier die andere Seite:

  • Es ersetzt kein Sprachenlernen. Ein Vokabular stellt Wörter bereit; ob und wie sie benutzt werden, entscheidet sich im Alltag mit den Menschen darin.
  • Es macht die Beratung nicht überflüssig. Welche Sprachen, welche Rastergröße, welcher Umfang — das ist eine gemeinsame Entscheidung mit der Familie und dem versorgenden Fachbetrieb.
  • Es garantiert keine Stimme. Ob für eine Sprache eine Sprachausgabe auf dem Gerät vorhanden ist, hängt vom Gerät und den installierten Stimmen ab. Das gehört vor der Entscheidung geprüft.
  • Es ist keine geprüfte Wirksamkeit. Die Empfehlung „beide Sprachen ins System" ist in Fachkonsens, Grundlagenforschung und Rechtsrahmen gut verankert — kontrollierte Wirksamkeitsstudien zu mehrsprachigen gegenüber einsprachigen UK-Versorgungen gibt es aber kaum (Andzik & LaMarca 2024).

Ein Wortschatz mit zwei Sprachen kann viel.
Aber er kann nicht alles.
Er ersetzt keinen Sprach-Kurs.
Man braucht trotzdem eine gute Beratung.
Und man muss prüfen:
Hat das Gerät eine Stimme für diese Sprache?

Passend dazu

Warum sich ein Vokabular nicht einfach übersetzen lässt, steht auf einer eigenen Seite. Welche Situationen im Alltag konkret vorkommen, zeigen die Szenarien.

Es gibt noch mehr Seiten zu diesem Thema.

Quellen

Hier stehen die Bücher und Studien,
aus denen die Texte stammen.
Sie sind auf Englisch und auf Deutsch.

  • Andzik, N. R. & LaMarca, V. (2024): Multilingual AAC — a literature review.
  • Byers-Heinlein, K. & Lew-Williams, C. (2013): Bilingualism in the early years. LEARNing Landscapes 7(1), 95–112.
  • Dai, Y. G. et al. (2018): Language abilities in monolingual- and bilingual-exposed children with autism or other developmental disorders. Research in Autism Spectrum Disorders 55, 38–49.
  • De Houwer, A. (2007): Parental language input patterns and children's bilingual use. Applied Psycholinguistics 28(3), 411–424.
  • Drysdale, H., van der Meer, L. & Kagohara, D. (2015): Children with autism spectrum disorder from bilingual families. Review Journal of Autism and Developmental Disorders 2(1), 26–38.
  • Gonzalez-Barrero, A. M. & Nadig, A. S. (2019): Can bilingualism mitigate set-shifting difficulties in children with ASD? Child Development 90(4), 1043–1060.
  • Kay-Raining Bird, E. et al. (2005): The language abilities of bilingual children with Down syndrome. American Journal of Speech-Language Pathology 14(3), 187–199.
  • Kay-Raining Bird, E., Genesee, F. & Verhoeven, L. (2016): Bilingualism in children with developmental disorders — a narrative review. Journal of Communication Disorders 63, 1–14.
  • King, M. R. & Soto, G. (2022): Code-switching by bilingual users of AAC.
  • Kremer-Sadlik, T. (2005): To be or not to be bilingual — autistic children from multilingual families.
  • Lim, N. et al. (2019): Home language intervention for multilingual children — a systematic review.
  • Marinova-Todd, S. H. et al. (2016): Professional practices and opinions about services for bilingual children with developmental disabilities. Journal of Communication Disorders 63, 47–62.
  • McCord, M. S. & Soto, G. (2004): Perceptions of AAC — an ethnographic investigation of Mexican-American families. AAC 20(4), 209–227.
  • Siyambalapitiya, S. et al. (2022): Longitudinal outcomes of early intervention for bilingual children with autism.
  • Soto, G. & Yu, B. (2014): Considerations for the provision of services to bilingual children who use AAC. AAC 30(1), 83–92.
  • Tönsing, K. & Soto, G. (2020): Multilingualism and AAC — language ideologies and translanguaging. AAC 36(3), 190–201.
  • Uljarević, M., Katsos, N., Hudry, K. & Gibson, J. L. (2016): Practitioner Review: Multilingualism and neurodevelopmental disorders. Journal of Child Psychology and Psychiatry 57(11), 1205–1217.
  • Wong Fillmore, L. (1991): When learning a second language means losing the first. Early Childhood Research Quarterly 6(3), 323–346.
  • Yu, B. (2013): Issues in bilingualism and heritage language maintenance — perspectives of minority-language mothers of children with ASD. American Journal of Speech-Language Pathology 22(1), 10–24.
  • ASHA (o. J.): Practice Portal, Augmentative and Alternative Communication.
  • Statistisches Bundesamt (2025, 2026) und Bundeszentrale für politische Bildung (2024, 2025): Mikrozensus-Auswertungen zu Einwanderungsgeschichte und zu Hause gesprochenen Sprachen.