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CVI – wenn das Gehirn das Sehen nicht verarbeitet

Das Auge sieht. Die Verarbeitung im Gehirn gelingt nicht zuverlässig.

Worum es geht

Bei CVI (cerebral visual impairment, zerebrale Sehverarbeitungsstörung) ist das Auge in Ordnung – die Verarbeitung der Bilder im Gehirn gelingt nicht zuverlässig. In Industrieländern ist CVI die häufigste Ursache für Sehbeeinträchtigung im Kindesalter, und sie wird oft übersehen: Der Sehtest ist unauffällig, das Kind „guckt aber nicht richtig“.

Typisch ist ein sehr wechselhaftes Bild: Mal wird etwas erkannt, mal nicht. Betroffen sein können das Erkennen von Gesichtern und Formen, die Wahrnehmung von Bewegung, das Herausfiltern eines Gegenstands aus einer Umgebung und die räumliche Orientierung.

Das Wichtigste für die Kommunikation: Komplexität ist der Gegner. Je mehr auf einer Fläche los ist, desto weniger wird erkannt. Eine volle Symboltafel kann für ein Kind mit CVI unbrauchbar sein – nicht weil ihm die Wörter fehlen, sondern weil es sie nicht findet.

Bei CVI ist das Auge gesund.
Aber das Gehirn kann die Bilder
nicht gut verarbeiten.

Mal erkennt das Kind etwas.
Mal erkennt es dasselbe nicht.
Das wechselt oft.

Ganz wichtig:
Zu viel auf einem Blatt ist schlecht.
Wenige Bilder sind besser.

Was im Alltag hilft

Weniger auf die Fläche. Wenige Felder mit viel Abstand, ein ruhiger einfarbiger Hintergrund, kein Muster, keine Deko. Was „leer“ aussieht, ist oft genau richtig.

Farbe gezielt nutzen. Viele Kinder haben eine deutliche Farbvorliebe – häufig kräftiges Gelb oder Rot. Diese Farbe als Signal einzusetzen (Rahmen, Hintergrund eines wichtigen Feldes) hilft beim Finden.

Bewegung zieht den Blick. Bewegte oder leuchtende Elemente werden oft eher erfasst als unbewegte. Ein leichtes Wackeln oder ein Aufleuchten kann ein Feld auffindbar machen.

Zeit einplanen. Zwischen Hinschauen und Erkennen liegt oft eine deutliche Verzögerung. Diese Latenz ist kein Desinteresse.

Auch die Umgebung zählt. Ein unruhiger Hintergrund hinter dem Gerät stört genauso wie ein überladener Bildschirm. Ein Sichtschutz oder eine freie Wand wirken oft Wunder.

Hören und Tasten mitdenken. Wenn das Sehen unzuverlässig ist, tragen andere Sinne mit: Sprachausgabe beim Ansteuern, tastbare Markierungen, echte Gegenstände statt Bilder.

Weniger ist besser.
Wenige Bilder auf einer Seite.
Viel Platz dazwischen.
Kein Muster im Hintergrund.

Farben helfen.
Viele Kinder mögen Gelb oder Rot.
Nehmen Sie diese Farbe als Zeichen.

Bewegung hilft auch.
Etwas, das wackelt, sieht man besser.

Geben Sie Zeit.
Sehen dauert bei CVI länger.

Augensteuerung: kommt darauf an

Es liegt nahe, bei einem Kind mit eingeschränkter Bewegung an Augensteuerung zu denken. Bei CVI ist das nicht automatisch die richtige Wahl – und diese Frage sollte vor der Versorgung geklärt sein.

Augensteuerung verlangt genau das, was bei CVI schwerfällt: einen Punkt auf einer Fläche sicher finden, ihn stabil fixieren und dabei visuelle Komplexität ausblenden. Solange das Sehverhalten noch nicht verlässlich ist, kann ein Raster mit vielen Feldern überfordern – das Ergebnis sieht dann nach „klappt nicht“ aus, obwohl nur die Anforderung nicht passte.

Das ist kein Ausschluss. Es spricht nur für ein schrittweises Vorgehen: erst ein einzelnes großes Ziel, ruhiger Hintergrund, große Abstände – und erst danach mehr Felder. Fachlich wird das Sehverhalten bei CVI in Phasen beschrieben; welche Anforderung passt, hängt davon ab, wo jemand gerade steht.

Zum Ausprobieren ohne Anschaffung eignen sich GazeTo (Augen) und TouchTo (Finger) – mit einfachen Aktivitäten und wenigen Elementen.

Viele denken bei CVI an Augen-Steuerung.
Das passt aber nicht immer.

Denn Augen-Steuerung ist schwer:
Man muss einen Punkt finden.
Und ihn ruhig anschauen.
Genau das ist bei CVI schwierig.

Besser ist es, langsam anzufangen:
Erst ein großes Feld.
Dann mehr Felder.

Erste Schritte, die sich lohnen

  1. Beobachten statt testen: Bei welcher Farbe, Größe und Entfernung gelingt Erkennen? Was passiert bei Bewegung?
  2. Radikal reduzieren: mit einem einzigen großen Feld auf leerem Grund beginnen – nicht mit vier.
  3. Umgebung aufräumen: freie Wand hinter dem Gerät, kein Gegenlicht, kein Durchgangsverkehr im Rücken.
  4. Sprachausgabe mitlaufen lassen, damit ein zweiter Sinn bestätigt, was gerade passiert.
  5. Fachliche Abklärung suchen: CVI gehört augenärztlich und pädagogisch eingeordnet – erst danach lässt sich ein Kommunikationsmittel sinnvoll auswählen.

So können Sie anfangen:

1. Schauen Sie genau hin.
Welche Farbe sieht das Kind gut?
Wie groß muss es sein?

2. Fangen Sie mit einem Bild an.
Nicht mit vielen.

3. Räumen Sie den Hintergrund frei.

4. Lassen Sie das Gerät sprechen.

5. Fragen Sie Fach-Leute.

Zum Weiterlesen

  • Blindeninstitutsstiftung – Fachdienste für Menschen mit Sehbeeinträchtigung und weiterem Unterstützungsbedarf; einer der wenigen Orte mit ausgewiesener CVI-Erfahrung.
  • DBSV – Deutscher Blinden- und Sehbehindertenverband – Landesvereine, Beratung und Informationen zu Nachteilsausgleichen.
  • Zur Einordnung: Eine Sehschärfe-Angabe allein sagt bei CVI wenig. Entscheidend ist, was unter welchen Bedingungen erkannt wird – und das schwankt von Tag zu Tag.

Diese Seite ersetzt keine individuelle Beratung. Fragen zur Versorgung beantworten REHAVISTA oder deren Partnerfirmen, wohnortnahe UK-Beratung vermittelt die GesUK.

Die Blinden-Instituts-Stiftung kennt sich mit CVI aus.
Dort gibt es Beratung.

Wichtig ist:
Weniger auf der Seite ist mehr.
Und: Es ist nicht jeden Tag gleich.

Die ausführliche fachliche Grundlage – zehn Merkmale, drei Phasen und warum ein Augensteuerungs-Raster in der frühen Phase das falsche Werkzeug ist – steht als Grundlagentext bereit: „Sehen ist nicht gleich Erkennen“ (PDF).

Es gibt einen längeren Text zum Herunterladen.
Er erklärt das Sehen im Gehirn genau.

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