Rett-Syndrom & Unterstützte Kommunikation
Die Hände tragen nicht mehr – der Blick schon.
Worum es geht
Das Rett-Syndrom ist genetisch bedingt und betrifft fast ausschließlich Mädchen und Frauen. Die Entwicklung verläuft in den ersten Lebensmonaten meist unauffällig. Dann folgt eine Phase, in der bereits erworbene Fähigkeiten wieder verloren gehen – vor allem der gezielte Gebrauch der Hände und die Lautsprache. An ihre Stelle treten oft Handstereotypien: wiederkehrende Bewegungen wie Kneten oder Waschbewegungen, die sich willentlich kaum unterbrechen lassen.
Für die Kommunikation ist eine zweite Eigenheit noch bedeutsamer: die Apraxie. Eine Bewegung zu wollen und sie ausführen zu können, sind zwei verschiedene Dinge. Der Weg von der Absicht zur Handlung ist gestört – nicht der Wille, nicht das Verstehen. Das führt zu einer deutlich verlängerten Reaktionszeit: Antworten kommen häufig erst nach mehreren Sekunden.
Das wird regelmäßig fehlgedeutet. Wer langsam reagiert, gilt schnell als unaufmerksam oder als jemand, der wenig versteht. Die Fachliteratur ist hier deutlich: Die motorischen Einschränkungen führen zu einer systematischen Unterschätzung dessen, was tatsächlich verstanden wird. Viele Mädchen und Frauen mit Rett-Syndrom nehmen weit mehr auf, als sie zeigen können.
Das Rett-Syndrom haben fast nur Mädchen und Frauen.
Es kommt von den Genen.
Am Anfang entwickeln sich die Kinder normal.
Dann verlernen sie wieder Sachen.
Zum Beispiel: die Hände benutzen.
Und sprechen.
Die Hände machen oft immer die gleiche Bewegung.
Das kann man nicht einfach abstellen.
Wichtig ist:
Die Frauen wollen sich bewegen.
Aber der Körper macht nicht mit.
Darum dauern Antworten lange.
Manchmal viele Sekunden.
Viele Menschen denken dann:
Sie versteht nichts.
Das stimmt aber nicht.
Sie versteht viel mehr, als sie zeigen kann.
Warum der Blick der Weg ist
Während Hände und Stimme unzuverlässig werden, bleibt die Blickbewegung häufig gut steuerbar. Sie ist bei vielen der direkteste und am wenigsten anstrengende Weg. Genau deshalb ist die Augensteuerung beim Rett-Syndrom kein technisches Extra, sondern oft der Hauptzugang zur Sprache.
Das beginnt lange vor jedem Gerät. Wer eine Person anschaut und dann zu einem Gegenstand blickt, sagt damit etwas. Dieses Blickzeigen ernst zu nehmen – es zu benennen und zu beantworten – ist der erste Schritt. Zwei Bilder links und rechts anzubieten und zu beobachten, wohin der Blick geht, funktioniert ohne jede Technik.
Ein Augensteuerungsgerät erweitert das dann erheblich: Es macht aus einem Ja/Nein ein Vokabular, das mitwachsen kann. Wichtig ist die Reihenfolge – erst die Erfahrung „mein Blick bewirkt etwas“, dann der Aufbau von Wortschatz.
Die Hände machen oft nicht mit.
Die Stimme auch nicht.
Aber die Augen gehen meistens gut.
Darum ist die Augen-Steuerung so wichtig.
Damit kann man mit den Augen sprechen.
Sie können auch ohne Gerät anfangen:
Halten Sie 2 Bilder hoch.
Eins links, eins rechts.
Schauen Sie: Wohin gucken die Augen?
Sagen Sie dann laut, was Sie sehen.
Was im Alltag hilft
Zeit lassen – wirklich. Die wichtigste Maßnahme kostet nichts und fällt am schwersten. Nach einer Frage vergehen oft fünf, zehn oder mehr Sekunden, bis eine Antwort kommt. Wer die Pause füllt, nachfragt oder das Angebot wegnimmt, unterbricht eine Antwort, die gerade entsteht. Still mitzählen hilft.
Kein Druck. Apraxie hat eine unangenehme Eigenschaft: Je größer die Aufforderung, desto schwerer wird die Bewegung. „Jetzt zeig doch mal!“ macht es messbar schwieriger. Beiläufige, druckfreie Situationen bringen oft mehr als jede Übungsstunde – und was in einer Testsituation nicht gelingt, gelingt zu Hause vielleicht sofort.
Handstereotypien nicht bekämpfen. Sie festzuhalten oder abzugewöhnen, bindet Kraft, die zum Kommunizieren fehlt. Sinnvoller ist es, die Umgebung so einzurichten, dass eine Hand frei bleibt oder der Blick den Zugang übernimmt.
Alles anbieten, nicht nur das Nötigste. Es liegt nahe, sich auf Essen, Trinken und Schmerz zu beschränken. Damit bleibt aber genau das aus, was Gespräche ausmacht: eine Meinung haben, ablehnen, kommentieren, Spaß machen, jemanden rufen. Wörter wie nochmal, mehr, aufhören, schau mal, doof, mag ich gehören von Anfang an dazu.
Position und Sitz prüfen. Bei Skoliose oder wechselnder Rumpfspannung entscheidet die Sitzhaltung mit darüber, ob der Blick ruhig geführt werden kann. Ein gut eingestellter Gerätearm und ein stabiler Sitz sind kein Detail am Rande.
Warten Sie lange genug.
Eine Antwort dauert oft 10 Sekunden.
Zählen Sie innerlich mit.
Nehmen Sie das Bild nicht zu früh weg.
Machen Sie keinen Druck.
Sagen Sie nicht: Jetzt zeig doch mal!
Bei Druck wird die Bewegung schwerer.
Ganz nebenbei klappt es oft besser.
Die Hände dürfen sich bewegen.
Halten Sie die Hände nicht fest.
Das kostet nur Kraft.
Geben Sie viele Wörter.
Nicht nur Essen und Trinken.
Auch: mehr, nochmal, aufhören, doof, schön.
Achten Sie auf das Sitzen.
Gutes Sitzen hilft den Augen.
Erste Schritte, die sich lohnen
- Blickzeigen beantworten. Wenn der Blick zu etwas geht: benennen und darauf eingehen. Das braucht kein Material und ist die Grundlage für alles Weitere.
- Zwei Angebote nebeneinander. Zwei Gegenstände oder Bilder mit deutlichem Abstand anbieten – und die Antwort abwarten. Der Abstand ist wichtig, damit die Richtung eindeutig ablesbar ist.
- Ja und Nein verlässlich machen. Zwei feste Felder oder Orte, die sich nie ändern – und die konsequent gelten, auch wenn die Antwort unerwartet ausfällt. Ein „Nein“, das ignoriert wird, entwertet das ganze System.
- Augensteuerung ausprobieren. Kostenlos und ohne Installation geht das mit GazeTo im Browser – erst Ursache und Wirkung, dann Auswahl.
- Versorgung anstoßen. Ein eigenes Gerät ist eine Hilfsmittelversorgung. Wie das läuft, steht unter Hilfsmittel beantragen; entschieden wird sie von den Versorgern, nicht von uns.
So können Sie anfangen:
1. Schauen Sie, wohin die Augen gucken.
Sagen Sie laut, was Sie sehen.
2. Halten Sie 2 Sachen hoch.
Mit großem Abstand.
Und warten Sie ab.
3. Machen Sie feste Plätze für Ja und Nein.
Die Plätze bleiben immer gleich.
Nehmen Sie ein Nein auch ernst.
4. Probieren Sie die Augen-Steuerung aus.
Die App GazeTo ist kostenlos.
5. Ein eigenes Gerät bezahlt die Kranken-Kasse.
Wir zeigen Ihnen, wie das geht.
Was oft passt
Vokabulare & Seitensets (Grid):
- Scripo Start – Einstieg mit großen Feldern, gut für Augensteuerung.
- Scripo Pro – wächst mit, Symbol und Schrift zusammen.
- EyeKeyBoard – Schreiben per Augensteuerung (Windows).
Kostenlos ausprobieren:
Zum Einstieg in die Technik: Erste Schritte mit Augensteuerung. Einen Überblick aller Zugangswege gibt die Seite Ansteuerungsmethoden.
Das kann gut passen:
Zum Anfangen: Scripo Start.
Zum Mitwachsen: Scripo Pro.
Schreiben mit den Augen: EyeKeyBoard.
Zum Ausprobieren:
Die App GazeTo. Sie ist kostenlos.
Zum Weiterlesen
- Braun, U. / Koch-Buchtmann, A. / Westphal, M. (Hg.): Augenblicke – Unterstützte Kommunikation und Rett-Syndrom. von Loeper. Fachbeiträge und Erfahrungsberichte von Familien.
- AKUK e. V. – Arbeitskreis Unterstützte Kommunikation mit Materialien und Fortbildungen, u. a. zu Unterstützter Kommunikation beim Rett-Syndrom.
- Rett-Syndrom Deutschland sowie die Landesverbände und Elterninitiativen – Austausch mit Familien, die denselben Weg gehen.
Diese Seite ersetzt keine individuelle Beratung. Fragen zur Versorgung beantworten REHAVISTA oder deren Partnerfirmen, wohnortnahe UK-Beratung vermittelt die GesUK.
Es gibt ein Buch dazu.
Es heißt: Augenblicke.
Darin schreiben auch Familien.
Es gibt auch Vereine für Familien.
Zum Beispiel: Rett-Syndrom Deutschland.
Dort treffen Sie andere Familien.
Die ausführliche fachliche Grundlage – die internationalen Kommunikationsleitlinien, der Blick als Hauptkanal und was Latenz für die Praxis heißt – steht als Grundlagentext bereit: „Die Augen antworten“ (PDF).
Es gibt einen längeren Text zum Herunterladen.
Er erklärt alles genau.
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Der Vokabular-Finder führt in drei Schritten zu einer Empfehlung – oder wir schauen gemeinsam, was passt.
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Probieren Sie den Vokabular-Finder.
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