Komplexe Behinderung & hoher Unterstützungsbedarf
Wo nichts selbstverständlich ist, zählt jedes Signal.
Über den Begriff
Für Menschen, die mehrere Beeinträchtigungen zugleich haben – etwa der Bewegung, der Wahrnehmung, der Kommunikation und oft mit hohem Pflegebedarf – gibt es keinen unumstrittenen Begriff. Gebräuchlich sind „schwere und mehrfache Behinderung“, „komplexe Behinderung“ und die Umschreibung „Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf“.
Wir verwenden meist die letzten beiden. „Schwer“ beschreibt den Menschen – „hoher Unterstützungsbedarf“ beschreibt, was die Umgebung bereitstellen muss. Das trifft es aus unserer Sicht besser und zeigt zugleich, wo die Aufgabe liegt.
Manche Menschen brauchen sehr viel Hilfe.
Zum Beispiel beim Bewegen.
Und bei der Pflege.
Und beim Reden.
Früher sagte man: schwerst-behindert.
Wir sagen lieber:
Menschen mit hohem Unterstützungs-Bedarf.
Denn: Nicht der Mensch ist schwer.
Sondern er braucht viel Hilfe.
Worum es geht
Kommunikation findet statt – nur selten in Worten. Sie läuft über Atmung, Muskelspannung, Mimik, Laute, Blickrichtung, Hinwendung und Abwendung. Diese Signale sind oft klein, individuell und nicht auf Anhieb eindeutig. Sie sind deshalb nicht weniger echt.
Die eigentliche Aufgabe liegt weniger bei der Person als bei der Umgebung: Signale bemerken, gleich beantworten und gemeinsam festhalten, was sie bedeuten. Wo viele Menschen betreuen, geht diese Deutung sonst laufend verloren.
Vorsicht vor der Reduktion auf Grundbedürfnisse. Es liegt nahe, sich auf Essen, Trinken, Lage und Schmerz zu beschränken – das ist wichtig, aber es ist kein Gespräch. Auch Langeweile, Musikwunsch, Ablehnung, Zuneigung und Humor gehören dazu. Wer nur nach Bedürfnissen gefragt wird, bleibt Objekt der Versorgung.
Alle Menschen teilen sich mit.
Auch ohne Wörter.
Zum Beispiel so:
mit der Atmung,
mit dem Gesicht,
mit Lauten,
mit dem Blick,
oder durch Wegdrehen.
Die Aufgabe ist:
Wir müssen gut hinschauen.
Und sofort antworten.
Und aufschreiben, was es bedeutet.
Wichtig:
Es geht nicht nur um Essen und Trinken.
Es geht auch um Musik.
Und um Spaß. Und um Nein sagen.
Was im Alltag hilft
Ein gemeinsames Signal-Verzeichnis. Was bedeutet welches Zeichen? Aufgeschrieben, mit Fotos, für alle zugänglich – und regelmäßig aktualisiert. Das ist das wirksamste Einzelwerkzeug in Einrichtungen.
Sofort und immer gleich reagieren. Wenn dasselbe Signal mal beantwortet wird und mal nicht, lässt sich daraus nichts lernen. Verlässlichkeit ist wichtiger als Perfektion.
Ja und Nein aufbauen – und aushalten. Zwei klar unterschiedliche Zeichen, an festen Orten, konsequent respektiert. Ein Nein, das folgenlos bleibt, bringt das ganze System zum Erliegen.
Positionierung ist Voraussetzung. Wer viel Kraft für Haltung und Atmung braucht, hat wenig für Kommunikation übrig. Eine gute Lagerung ist keine Vorbereitung auf das Gespräch – sie ist Teil davon.
Einfache Technik früh einsetzen. Ein einzelner großer Taster mit einer aufgesprochenen Nachricht kann viel bewegen: rufen, sich einmischen, ein Lied auslösen. Das ist kein Spielzeug, sondern erste Erfahrung von Wirksamkeit.
Mehrere Sinne ansprechen – Berührung, Klang, Licht, Vibration. Besonders wenn Sehen oder Hören mitbetroffen sind. Zur Sehverarbeitung siehe auch CVI.
Schreiben Sie die Zeichen auf.
Was bedeutet welches Zeichen?
Alle im Team lesen es.
Antworten Sie immer gleich.
Und immer sofort.
Bauen Sie ein Ja und Nein auf.
Das Nein muss auch gelten.
Gutes Liegen und Sitzen ist wichtig.
Sonst geht alle Kraft in den Körper.
Eine große Taste hilft schon viel.
Damit kann man rufen.
Oder Musik anmachen.
Erste Schritte, die sich lohnen
- Eine Woche lang beobachten und notieren: Wann kommt welches Signal? Was ging voraus? Was folgte?
- Zwei Signale auswählen, die am ehesten eindeutig sind – und sie als Ja und Nein festlegen.
- Alle einbeziehen: Familie, Pflege, Förderung, Schule. Ein System, das nur eine Person kennt, ist keins.
- Einen Taster einführen mit einer Nachricht, die etwas auslöst, das die Person wirklich will.
- Gesprächsinhalte erweitern: nicht nur fragen, sondern erzählen, kommentieren, Auswahl anbieten.
Für Kommunikationspartner lohnt sich das kostenlose Übungsangebot PartnerTo – es geht genau um diese Haltung.
So können Sie anfangen:
1. Schauen Sie eine Woche genau hin.
Schreiben Sie alles auf.
2. Suchen Sie 2 klare Zeichen aus.
Eins für Ja. Eins für Nein.
3. Sagen Sie es allen Menschen weiter.
4. Probieren Sie eine große Taste aus.
5. Erzählen Sie auch etwas.
Nicht nur fragen.
Was oft passt
Vokabulare & Seitensets (Grid):
- Easy – sehr wenige, sehr große Felder.
- Einfache Symboltafeln – zum Ausdrucken und Laminieren.
- Agismus – gemeinsam etwas erleben statt abgefragt zu werden.
Kostenlos ausprobieren:
Das kann gut passen:
Ganz wenige Felder: Easy.
Zum Ausdrucken: Einfache Symboltafeln.
Zum gemeinsam Spielen: Agismus.
Zum Ausprobieren:
ScanTo mit einer Taste.
GazeTo mit den Augen.
Zum Weiterlesen
- Stiftung Leben pur – Fachstelle für Menschen mit komplexer Behinderung: Fachtagungen, Veröffentlichungen und Forschung zu Lebensqualität.
- bvkm – kostenlose Rechtsratgeber zu Pflege, Eingliederungshilfe und Teilhabeleistungen.
- Basale Stimulation – Grundlagen zur körpernahen Begegnung; hilfreich, um Signale zu lesen, bevor überhaupt ein Symbol ins Spiel kommt.
Diese Seite ersetzt keine individuelle Beratung. Fragen zur Versorgung beantworten REHAVISTA oder deren Partnerfirmen, wohnortnahe UK-Beratung vermittelt die GesUK.
Die Stiftung Leben pur kennt sich gut aus.
Mit Menschen mit hohem Unterstützungs-Bedarf.
Wichtig ist:
Erst die Signale vom Körper lesen.
Dann kommen Symbole dazu.
Wie Dialog entsteht, wo noch keine Symbole sind – Körpersignale lesen, verlässlich antworten, Bedeutung gemeinsam aufbauen – vertieft der Grundlagentext: „Vor dem ersten Zeichen“ (PDF).
Es gibt einen längeren Text zum Herunterladen.
Er erklärt alles genau.
Was passt für uns?
Der Vokabular-Finder führt in drei Schritten zu einer Empfehlung – oder wir schauen gemeinsam, was passt.
Sie wissen nicht, was passt?
Probieren Sie den Vokabular-Finder.
Oder fragen Sie uns.
Wir helfen Ihnen gern.