Lernschwierigkeiten & Unterstützte Kommunikation
Niemand muss erst beweisen, dass er bereit ist zu kommunizieren.
Warum wir „Lernschwierigkeiten“ sagen
Menschen mit Lernschwierigkeiten – so bezeichnen sich Betroffene selbst. Der Begriff kommt aus der Selbstvertretung: Das Netzwerk Mensch zuerst – People First Deutschland lehnt „geistige Behinderung“ ausdrücklich ab, weil der Begriff als abwertend erlebt wird und Menschen auf ein Defizit festlegt.
Wir folgen dieser Selbstbezeichnung. Das ist keine Kosmetik: Wie wir über Menschen sprechen, prägt, was wir ihnen zutrauen – und was wir ihnen anbieten. Wer als „geistig behindert“ gilt, bekommt in der Praxis oft weniger Sprache angeboten, nicht mehr.
Manche Menschen lernen langsamer.
Oder sie brauchen andere Wege beim Lernen.
Man sagt dazu: Menschen mit Lernschwierigkeiten.
Diesen Namen haben sich die Menschen selbst ausgesucht.
Früher sagte man: geistige Behinderung.
Das wollen die Menschen nicht mehr hören.
Denn es klingt, als könnten sie nichts.
Wir finden: Wörter sind wichtig.
Wer wenig zugetraut bekommt,
bekommt auch wenig angeboten.
Worum es geht
Verstehen und Lernen brauchen mehr Zeit und mehr Wiederholung. An der Kommunikation ändert das nichts Grundsätzliches: Jeder Mensch teilt sich mit – über Blicke, Laute, Körperspannung, Mimik, Gesten. Die Aufgabe ist nicht, jemanden erst kommunikationsfähig zu machen. Sie besteht darin, Formen zu finden, die verstanden werden.
Der häufigste Fehler ist das Warten auf Voraussetzungen. Lange galt: Erst muss jemand Ursache und Wirkung verstehen, zuverlässig zeigen, eine bestimmte Aufmerksamkeitsspanne haben – dann bekommt er ein Kommunikationsmittel. Diese Reihenfolge ist falsch herum. Wer nie ein Wort zur Verfügung hatte, kann auch nicht zeigen, dass er es nutzen würde. Fachlich spricht man vom Kompetenzvorbehalt – und die UK-Forschung widerspricht ihm seit Jahrzehnten.
Umgekehrt gilt die Kompetenzvermutung: Wir gehen davon aus, dass mehr verstanden wird, als sichtbar ist. Diese Haltung kostet nichts und richtet keinen Schaden an – die andere schon.
Manche Menschen brauchen mehr Zeit zum Lernen.
Und sie brauchen viele Wiederholungen.
Aber: Jeder Mensch kann sich mitteilen.
Man zeigt zum Beispiel mit den Augen.
Oder mit Lauten.
Oder mit dem Gesicht.
Früher dachten viele:
Erst muss ein Mensch etwas können.
Dann bekommt er ein Sprech-Gerät.
Das ist falsch herum.
Denn: Wer nie Wörter hatte,
kann sie auch nicht benutzen.
Darum gilt bei uns:
Jeder bekommt Wörter. Von Anfang an.
Was im Alltag hilft
Vormachen statt abfragen. Der wirksamste einzelne Schritt: Zeigen Sie die Kommunikationsform selbst, ohne eine Antwort zu verlangen. Wer ein Symbol benutzt, während er spricht („Wir gehen jetzt essen“ – dabei das Feld antippen), gibt ein Vorbild. Kinder lernen Sprache, indem sie sie tausendfach hören, bevor sie das erste Wort sagen. Bei Unterstützter Kommunikation ist es genauso – nur wird das Vormachen dort oft vergessen.
Kernvokabular statt Bilderlisten. Wenige Wörter tragen den Großteil des Alltags: ich, du, mehr, nochmal, fertig, weg, mag ich nicht, schau mal. Sie funktionieren in jeder Situation und lassen sich kombinieren. Eine Tafel voller Substantive (Apfel, Ball, Hund) sieht ordentlich aus, taugt aber kaum für ein Gespräch.
Immer am gleichen Ort. Wenn „mehr“ heute links oben liegt und morgen woanders, muss jedes Mal neu gesucht werden. Bleiben die Felder stabil, entsteht mit der Zeit eine Bewegungserinnerung – der Weg zum Wort wird automatisch.
Warten können. Nach einer Frage entsteht oft eine Pause, die sich lang anfühlt. Sie gehört dazu. Wer sie füllt oder die Antwort vorwegnimmt, beendet das Gespräch, bevor es begonnen hat. Zehn Sekunden sind keine Verlegenheit, sondern Arbeitszeit.
Auch Schrift gehört dazu. Lernschwierigkeiten schließen Lesen und Schreiben nicht aus. Teilfähigkeiten sind wertvoll: Wer den ersten Buchstaben eines Wortes findet, kann damit ein Wort eingrenzen – das ist bereits funktionale Schriftnutzung. Mehr dazu unter Lesen und Schreiben lernen.
Machen Sie es vor.
Zeigen Sie selbst auf die Bilder.
Auch wenn die Person noch nicht antwortet.
So lernt sie: So geht das.
Wichtige Wörter zuerst.
Zum Beispiel: ich, du, mehr, fertig, weg.
Diese Wörter passen immer.
Besser als viele Bilder von Dingen.
Alles bleibt am gleichen Platz.
Dann findet man die Wörter schneller.
Irgendwann geht es ganz von allein.
Warten Sie ab.
Antworten dauern manchmal lange.
Zehn Sekunden sind normal.
Sagen Sie die Antwort nicht selbst.
Lesen und Schreiben geht auch.
Auch ein einziger Buchstabe hilft schon.
Erste Schritte, die sich lohnen
- Eine Situation auswählen, die täglich vorkommt – Essen, Anziehen, ein Spiel. Dort beginnen, nicht in einer Übungsstunde.
- Fünf bis acht Wörter festlegen, die dort wirklich gebraucht werden – und dabei bleiben, auch wenn es wenig erscheint.
- Zwei Wochen lang nur vormachen, ohne Aufforderung, ohne Test. Das ist die schwerste Übung – für die Umgebung, nicht für die Person.
- Beobachten statt prüfen: Was passiert von selbst? Ein Blick, ein Laut, eine Bewegung zur Tafel zählen bereits.
- Erweitern, wenn es trägt – nicht nach Kalender, sondern wenn die ersten Wörter im Alltag ankommen.
Für Kommunikationspartner gibt es dazu ein kostenloses Übungsangebot: PartnerTo geht in acht Bausteinen durch, was gute Gesprächspartner ausmacht – vom Zutrauen bis zum Dranbleiben.
So können Sie anfangen:
1. Suchen Sie eine Situation aus dem Alltag.
Zum Beispiel: Essen. Oder Anziehen.
2. Wählen Sie 5 bis 8 Wörter aus.
Mehr braucht es am Anfang nicht.
3. Machen Sie es 2 Wochen lang nur vor.
Fragen Sie nichts ab.
4. Schauen Sie: Was macht die Person von selbst?
Ein Blick zählt schon.
5. Erst dann kommen neue Wörter dazu.
Es gibt auch eine App zum Üben: PartnerTo.
Sie ist für Gesprächs-Partner.
Was oft passt
Vokabulare & Seitensets (Grid):
- Scripo Start – Einstieg mit großen Feldern, wächst mit.
- Easy – sehr einfache Tafeln, wenige große Felder.
- Verhaltensunterstützung – visuelle Pläne und Gefühle.
- Agismus – gemeinsam spielen, aufeinander reagieren.
Kostenlos ausprobieren:
Welcher Weg zum Wort am besten funktioniert, lässt sich beobachten: die Einschätzung „Wortzugriff“ vergleicht ABC, Themen und Wortarten – kein normiertes Testverfahren, sondern ein Vergleich mit sich selbst.
Das kann gut passen:
Zum Anfangen: Scripo Start.
Sehr einfache Tafeln: Easy.
Bilder für den Tag: Verhaltensunterstützung.
Zum Spielen: Agismus.
Zum Ausprobieren gibt es Apps.
Mit dem Finger: TouchTo.
Mit den Augen: GazeTo.
Zum Weiterlesen
- Mensch zuerst – Netzwerk People First Deutschland e. V. – von Menschen mit Lernschwierigkeiten selbst gemacht. Auf diesen Begriff haben sie sich selbst geeinigt – statt „geistige Behinderung“.
- Lebenshilfe – Beratung, Angebote vor Ort und Materialien in Leichter Sprache.
- Erickson, K. / Koppenhaver, D. (2020): Lesen und Schreiben sind für alle erreichbar. Niemand muss erst Voraussetzungen erfüllen, um anfangen zu dürfen.
Diese Seite ersetzt keine individuelle Beratung. Fragen zur Versorgung beantworten REHAVISTA oder deren Partnerfirmen, wohnortnahe UK-Beratung vermittelt die GesUK.
Mensch zuerst ist ein Verein.
Dort machen Menschen mit Lern-Schwierigkeiten alles selbst.
Sie bestimmen selbst.
Die Lebenshilfe hilft auch.
Sie hat Texte in Leichter Sprache.
Was passt für uns?
Der Vokabular-Finder führt in drei Schritten zu einer Empfehlung – oder wir schauen gemeinsam, was zu Ihnen oder Ihrem Kind passt.
Sie wissen nicht, was passt?
Probieren Sie den Vokabular-Finder.
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