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Ein guter Gesprächspartner werden

Acht Einheiten über Haltung und Methode: Was das Umfeld tut, entscheidet darüber, ob unterstützte Kommunikation gelingt — mit Selbsterfahrung, Videoblick und Trainingsformaten fürs ganze Team.

Worum es geht

Für alle, die mit unterstützt kommunizierenden Menschen sprechen: Familien, Assistenz- und Pflegekräfte, Lehrkräfte, pädagogische und therapeutische Fachkräfte, Teams in Einrichtungen. Kein Vorwissen nötig, kein Gerät nötig.

Jede der 8 Einheiten hat denselben Aufbau: erst das Wissen, dann eine Übung am eigenen Gerät, dann eine Frage zum Nachdenken. Die Frage wird nicht benotet und lässt sich beliebig oft wiederholen – sie soll zeigen, ob etwas angekommen ist, nicht, wer den Kurs macht.

Etwa zwei Stunden, aufteilbar. Der Stand bleibt auf diesem Gerät gespeichert. Es gibt keine Anmeldung und kein Konto. Der Stand steht ausschließlich in diesem Browser; er verschwindet, wenn Sie die Browserdaten löschen, und wandert nicht auf ein anderes Gerät.

Am Ende können Sie eine Teilnahmebestätigung ausdrucken. Sie hält fest, welche Lerneinheiten Sie bearbeitet haben.

Alles hier steht auch ohne Kurs offen: Grundlagentext: Im Zweifel für die Person — Haltung in der Unterstützten Kommunikation, die Themen mit Video und die Themenseite: Wie bin ich ein guter Gesprächspartner?.

Das ist ein Kurs für Gesprächs-Partner.
Ein Gesprächs-Partner ist jemand, der mit einer Person spricht.
Der Kurs zeigt: Wie rede ich gut mit einem Menschen, der nicht spricht?
Sie brauchen kein Gerät dafür.
Sie brauchen nur sich selbst.
Der Kurs hat 8 Einheiten.
In jeder Einheit gibt es: Wissen, eine Übung und eine Frage.
Die Frage wird nicht benotet.
Sie brauchen kein Konto. Sie müssen sich nicht anmelden.
Am Ende können Sie ein Blatt Papier ausdrucken.
Darauf steht: Das habe ich gelernt.
Das Blatt ist kein Zeugnis.

Warum das Umfeld entscheidet

In Gesprächen zwischen sprechenden und unterstützt kommunizierenden Menschen ist das Tempo völlig ungleich verteilt: Lautsprache läuft mit etwa 120 bis 180 Wörtern pro Minute, unterstützte Kommunikation je nach Weg mit einer einstelligen bis niedrig zweistelligen Zahl. Wer das nicht weiß, hält eine normale Gesprächspause für Stillstand — und redet weiter.

Daraus entsteht ein Muster, das die Forschung seit den 1980er Jahren immer wieder findet (Light 1988): Die sprechende Person übernimmt die meisten Gesprächsschritte, wählt die Themen, stellt überwiegend Ja/Nein-Fragen und beendet das Gespräch. Die unterstützt kommunizierende Person bleibt in der Rolle der Antwortenden. Langsame Kommunikation wird dabei regelmäßig als langsames Denken missverstanden.

Das Partizipationsmodell trennt zwei Sorten von Hindernissen: Zugangsbarrieren liegen bei der Person und ihrem System — Gelegenheitsbarrieren liegen im Umfeld: in Regeln, Gewohnheiten, im Wissen, im Können und in den Einstellungen der Menschen ringsum. Gesprächspartner sind damit die häufigste Gelegenheitsbarriere — und zugleich der wirksamste Hebel, den es gibt.

Die gute Nachricht dieses Kurses: Gesprächsverhalten ist erlernbar. Dass Partnertraining das Verhalten der Partner verändert und die Kommunikation der unterstützt kommunizierenden Person messbar verbessert, ist gut belegt (Kent-Walsh & McNaughton 2005). Man braucht dafür kein neues Gerät — nur ein paar Handgriffe und die Bereitschaft, sich selbst zuzusehen.

Sprechen geht sehr schnell.
Mit Symbolen oder Augen sprechen geht viel langsamer.
Darum reden die Sprechenden oft zu viel.
Und die anderen kommen nicht dran.
Sie können das ändern. Das lernen Sie hier.

Die Übung: Selbstversuch: eine Minute ohne Stimme

Die wichtigste Übung des ganzen Kurses — und sie dauert eine Minute. Suchen Sie sich eine zweite Person.

  1. Schreiben Sie zehn Wörter auf einen Zettel: ich, du, mehr, fertig, gut, schlecht, wollen, nicht, hier, warum.
  2. Die andere Person fragt Sie eine Minute lang nach Ihrem Wochenende. Sie antworten ausschließlich, indem Sie auf Wörter zeigen — kein Sprechen, kein Nicken, keine Gesten.
  3. Danach zwei Fragen an sich selbst: Wie oft hat die andere Person geraten, statt zu warten? Und was wollten Sie sagen, wofür kein Wort da war?
  4. Tauschen Sie die Rollen. Die Seite des Fragenden ist die unbequemere.

Schreiben Sie zehn Wörter auf einen Zettel.
Jemand fragt Sie etwas.
Sie dürfen nur auf die Wörter zeigen.
Nicht sprechen. Eine Minute lang.
Wie hat sich das angefühlt?

Zum Nachdenken: Was meint der Begriff „Gelegenheitsbarriere“?

Haltung: Im Zweifel für die Person

Haltung ist keine Gefühlslage, sondern eine Annahme über einen Menschen, aus der Handlungen folgen. Wer annimmt, jemand sei „noch nicht so weit“, gibt weniger Wörter, stellt einfachere Fragen, wartet kürzer — und bekommt genau die Bestätigung, die er erwartet hat. Der Regelkreis läuft in beide Richtungen.

Bei Menschen, die nicht sprechen und nicht zuverlässig zeigen, lässt sich die Frage „Wie viel versteht sie?“ oft nicht sicher beantworten. Dann gilt die Regel der am wenigsten gefährlichen Annahme (Donnellan 1984): Wo Daten fehlen, wählt man die Annahme, deren Irrtum den geringsten Schaden anrichtet.

Die beiden möglichen Irrtümer sind nämlich nicht gleich schwer. Zu viel anzunehmen kostet Aufwand und ein zu großes Raster — beides korrigierbar. Zu wenig anzunehmen kostet Jahre ohne Sprache und eine zugemachte Biografie — und bestätigt sich am Ende selbst, sodass niemand den Fehler bemerkt. Deshalb: im Zweifel für die Person.

Daraus folgen vier überprüfbare Regeln: Wir reden mit dem Menschen, nicht über ihn. Wir sprechen und wählen Material altersgemäß — kleines Vokabular heißt nicht Kinderleben. Wir bieten mehr an, als aktuell genutzt wird (Angebot ist keine Anforderung). Und ausbleibende Reaktion ist kein Beweis, sondern ein Hinweis auf Zugang, Zeit, Tagesform oder Interesse.

Wichtig ist, was Sie über einen Menschen denken.
Denken Sie: Sie kann mehr, als man sieht.
Dann geben Sie ihr mehr Wörter und mehr Zeit.
Und dann kann sie auch mehr zeigen.
Denken Sie im Zweifel immer gut über die Person.

Die Übung: Die zwölf Prüffragen — vier davon heute

Der Haltungstext enthält zwölf beobachtbare Prüffragen. Nehmen Sie sich heute diese vier vor, ehrlich und ohne Zeugen.

  1. Spreche ich mit der Person — oder über ihren Kopf hinweg mit der Begleitung?
  2. Ist ihr Kommunikationssystem gerade jetzt erreichbar — oder liegt es im Schrank, im Rucksack, im Flur?
  3. Wann hat diese Person zuletzt ein Gespräch selbst begonnen? (Wenn Ihnen kein Beispiel einfällt, ist das die Antwort.)
  4. Stelle ich ihr Fragen, deren Antwort ich noch nicht kenne — oder nur Abfragen?
  5. Notieren Sie die eine Frage, bei der es am meisten weh tat. Sie ist Ihr Arbeitsauftrag für diese Woche.

Fragen Sie sich vier Dinge:
Rede ich mit der Person oder über sie?
Kann sie ihre Tafel oder ihr Gerät jetzt erreichen?
Wann hat sie zuletzt selbst angefangen zu reden?
Frage ich sie etwas, das ich noch nicht weiß?

Zum Nachdenken: Warum lautet die Regel „im Zweifel für die Person“?

Zeit geben — die erwartungsvolle Pause

Wartezeit ist die wirksamste einzelne Strategie dieses ganzen Kurses und die am häufigsten unterlassene. Der Grund ist einfach: Eine Äußerung über Symbole oder Augensteuerung braucht ein Vielfaches der Zeit einer gesprochenen — und für den wartenden Menschen fühlen sich fünf Sekunden Stille wie eine Ewigkeit an.

Die Faustregel heißt erwartungsvolle Pause: Nach Ihrer Frage schweigen Sie, wenden sich der Person zu, sehen sie an, halten die Hände still — und warten mindestens zehn Sekunden, bei manchen Menschen deutlich länger. Wichtig ist die Körperhaltung: Eine Pause ohne sichtbare Erwartung wirkt wie ein Themenwechsel.

Was in dieser Pause typischerweise schiefgeht: Wir wiederholen die Frage (und die Person muss von vorn anfangen), wir formulieren sie um (jetzt ist es eine neue Frage), wir raten die Antwort, wir wenden uns ab, oder wir fragen die Begleitperson. Jede dieser fünf Reaktionen beendet die Äußerung, die gerade entstand.

Zwei Ergänzungen aus der Praxis: Wartezeit ist auch Bearbeitungszeit — viele Menschen brauchen die Stille zuerst, um die Frage zu verstehen, und erst dann für die Antwort. Und: Wartezeit lässt sich messen. Genau das macht sie zum idealen Einstieg ins Umfeldtraining (Einheit 8).

In der Schule ist die Wartezeit am schwersten zu halten, weil fünfundzwanzig andere warten – sagen Sie es der Klasse laut: „Wir warten jetzt, das ist in Ordnung.“ Damit wird aus einer peinlichen Pause eine verabredete. Zu Hause ist die beste Zeit die entspannteste: nicht zwischen Tür und Angel, sondern beim Essen oder auf dem Sofa. In der Assistenz ist die Pflegesituation der Prüfstein – ansagen, was kommt, und dann wirklich warten, auch wenn der Dienstplan drängt.

Warten Sie nach einer Frage.
Warten Sie lange. Mindestens zehn Sekunden.
Schauen Sie die Person dabei an.
Sagen Sie nichts. Fragen Sie nicht noch einmal.
Warten ist das Wichtigste in diesem Kurs.

Die Übung: Die Uhr lügt nicht

Diese Übung verändert bei fast allen etwas — weil das Ergebnis unangenehm konkret ist.

  1. Stellen Sie beim nächsten Gespräch heimlich eine Stoppuhr — oder zählen Sie innerlich mit „einundzwanzig, zweiundzwanzig …“.
  2. Stellen Sie eine Frage und warten Sie, bis Sie zehn Sekunden gezählt haben. Nicht wiederholen, nicht umformulieren, nicht raten.
  3. Notieren Sie: Wie lange hätten Sie ohne Uhr gewartet? (Die meisten schätzen das Doppelte der echten Zeit.)
  4. Steigern Sie in den nächsten Tagen auf fünfzehn, dann zwanzig Sekunden — und beobachten Sie, was jetzt kommt, das vorher nie kam.

Stellen Sie eine Frage.
Zählen Sie langsam bis zehn.
Sagen Sie nichts dabei.
Schauen Sie die Person freundlich an.
Was passiert jetzt?

Zum Nachdenken: Sie haben eine Frage gestellt. Die Person hat nach fünf Sekunden noch nicht geantwortet. Was tun Sie?

Modeling: zeigen, was man sagt

Modeling heißt: Sie benutzen das Kommunikationssystem der Person selbst, während Sie sprechen. Sie sagen „Wir gehen jetzt essen“ und tippen dabei ESSEN auf ihrer Tafel oder ihrem Gerät. Kein Auffordern, kein Abfragen — einfach vormachen, wie man mit diesem System spricht.

Der Grund dafür ist ein Missverhältnis, das man sich klarmachen muss: Ein Kind hört die Lautsprache tausendfach am Tag, bevor es das erste Wort spricht. Ein Kind, das mit Symbolen sprechen soll, sieht diese Symbole fast nie in Gebrauch — außer jemand modelliert. Wir verlangen also eine Sprache, die wir selbst nie benutzen.

Modeling ist die am besten belegte Einzelstrategie der Unterstützten Kommunikation (Biggs 2018, Sennott 2016, O’Neill 2018). Drei Regeln machen es wirksam: Input vor Output (erst zeigen, lange, ohne Gegenleistung), das Stufenprinzip (einen Schritt über dem, was die Person selbst produziert — bei einem Wort zeigen Sie zwei), und keine Prüfung daraus machen.

Die typischen Fehler: zu früh Leistung erwarten („Jetzt zeig du mal!“), nur in Übungssituationen modellieren statt im Alltag, und die eigene Unsicherheit („Ich finde das Wort nicht“) als Ausrede nehmen. Suchen vor den Augen der Person ist erlaubt und sogar lehrreich — sie sieht, dass Suchen normal ist.

In der Schule beginnen Sie mit den Wörtern des Morgenkreises – sie kommen jeden Tag vor. Zu Hause sind es die drei Routinen, die ohnehin täglich stattfinden: Essen, Anziehen, Zubettgehen. In der Assistenz modellieren Sie im Vorbeigehen: beim Anreichen, beim Lagern, beim Weg zum Bus. Für alle drei gilt dieselbe Erleichterung: Sie müssen nichts zusätzlich tun – Sie tun dasselbe wie sonst, nur mit Händen und Stimme zugleich.

Benutzen Sie die Tafel selbst.
Sie sprechen und zeigen gleichzeitig.
Zum Beispiel: „Wir essen jetzt“ — und Sie tippen auf ESSEN.
Die Person muss nichts machen. Nur zuschauen.
So lernt sie, wie man mit der Tafel spricht.

Die Übung: Drei Wörter, sieben Tage

Modeling scheitert fast immer daran, dass man zu viel auf einmal will. Also: drei Wörter.

  1. Wählen Sie drei Kernwörter, die in Ihrem Alltag ständig vorkommen — zum Beispiel MEHR, FERTIG, NICHT.
  2. Nehmen Sie sich vor, jedes dieser drei Wörter am Tag fünfmal zu zeigen, während Sie es sagen. Fünfzehn Momente am Tag, kein einziger davon eine Aufgabe für die Person.
  3. Wichtig: keine Aufforderung, keine Frage, kein „Jetzt du“. Sie sprechen einfach mit Händen und Stimme zugleich.
  4. Nach einer Woche prüfen: Fällt es Ihnen leichter? Und — ohne Erwartung — hat die Person eines der drei Wörter selbst benutzt?

Suchen Sie drei wichtige Wörter aus.
Zum Beispiel: mehr, fertig, nicht.
Zeigen Sie jedes Wort fünfmal am Tag.
Sagen Sie es dabei laut.
Die Person muss nichts tun. Nur sehen.

Zum Nachdenken: Was ist beim Modeling der häufigste Fehler?

Fragen, die Gespräche öffnen

Die meisten Gespräche mit unterstützt kommunizierenden Menschen bestehen aus Ja/Nein-Fragen — verständlich, denn sie sind schnell zu beantworten. Der Preis ist hoch: Wer nur Ja/Nein-Fragen stellt, bestimmt jeden Inhalt selbst. Die Person darf bestätigen oder ablehnen, aber nichts einbringen, woran der Fragende nicht schon gedacht hat.

Der Ausweg ist keine Verbotsregel, sondern Mischung: Ja/Nein-Fragen, wo es um Präzision geht (Schmerz, Zustimmung, schnelle Klärung — im Notfall sind sie sogar das Mittel der Wahl); offene Fragen und Wahlfragen mit sichtbaren Alternativen, wo es um Inhalte geht. Faustregel: erst öffnen, dann eingrenzen.

Der schärfste Test für die eigene Fragepraxis: Stelle ich Fragen, deren Antwort ich noch nicht kenne? „Welche Farbe hat der Ball?“ ist eine Prüfung, keine Frage. „Was hältst du davon?“ ist eine Frage. Wer nur abfragt, führt kein Gespräch, sondern einen Test — und bekommt entsprechend wenig zurück.

Drei Dinge machen jede Frage besser: Kontext vor der Frage („Ich war gerade beim Zahnarzt … wie war dein Tag?“), eine Frage nach der anderen (keine Doppelfragen), und Zeit — die Frage ohne Wartezeit aus Einheit 3 ist keine Frage, sondern ein Selbstgespräch.

Die Rollen stolpern über verschiedene Fragen. Lehrkräfte fragen berufsbedingt ab – ersetzen Sie eine Wissensfrage pro Stunde durch eine Meinungsfrage zum selben Thema. Eltern fragen fast immer nach dem vergangenen Tag; fragen Sie stattdessen nach dem, was kommt, und nach Wünschen. Assistenzkräfte fragen aus dem Ablauf heraus – und die wertvollste Frage ist die, deren Antwort Ihnen Arbeit machen kann.

Fragen Sie nicht nur Ja-Nein-Fragen.
Sonst bestimmen immer Sie, worum es geht.
Fragen Sie auch offen: Was meinst du?
Oder zeigen Sie zwei Dinge zur Auswahl.
Und fragen Sie Sachen, die Sie noch nicht wissen.

Die Übung: Der Fragen-Strichliste-Test

Zwei Minuten Gespräch, ein Zettel, zwei Spalten. Unbestechlicher als jede Selbsteinschätzung.

  1. Bitten Sie jemanden, zwei Minuten Ihres nächsten Gesprächs mitzuschreiben — oder nehmen Sie es mit dem Handy auf und hören Sie es sich an.
  2. Machen Sie zwei Spalten: „Ja/Nein-Frage“ und „offene oder Wahlfrage“. Für jede Frage ein Strich.
  3. Dritte Spalte, die wirklich weh tut: „Antwort kannte ich schon“ — also Abfrage statt Frage.
  4. Ziel für die nächste Woche: eine einzige echte, offene Frage pro Gespräch, deren Antwort Sie nicht kennen. Mehr nicht.

Nehmen Sie ein Gespräch auf.
Hören Sie es sich an.
Zählen Sie: Wie viele Ja-Nein-Fragen?
Wie viele offene Fragen?
Stellen Sie morgen eine echte offene Frage.

Zum Nachdenken: Wann sind Ja/Nein-Fragen genau richtig?

Gemeinsam bauen — und wessen Worte es sind

In der Unterstützten Kommunikation entstehen Äußerungen oft gemeinsam: Die Person zeigt ESSEN und MAMA, Sie fragen nach, sie bestätigt, gemeinsam entsteht „Mama soll das Essen wärmen“. Das nennt man Ko-Konstruktion — sie ist notwendig, richtig und in der deutschsprachigen Fachliteratur seit Ursula Braun ausdrücklich als Aufgabe des Partners beschrieben.

Gute Ko-Konstruktion folgt einem klaren Muster: aufgreifen, nachfragen, bestätigen lassen — nicht vervollständigen. Der Unterschied liegt in einem einzigen Wort: „Du meinst bestimmt, du hast Hunger?“ ist ein Angebot, das man ablehnen kann. „Ach, du hast Hunger!“ ist eine Behauptung, die keiner mehr korrigiert.

Damit die Bestätigung echt ist, muss die Ablehnung genauso leicht möglich sein wie die Zustimmung. Wer nur nickt, weil das schneller geht als zu widersprechen, bestätigt nichts — er kapituliert. Prüfen Sie ab und zu bewusst mit einem falschen Vorschlag, ob Ihr Nein-Weg wirklich funktioniert.

Bei gewichtigen Aussagen — Wohnort, Behandlung, Beziehungen, Vorwürfe — steigt die Sorgfaltspflicht: wiederholen, verschiedene Personen, verschiedene Formate, offene statt suggestiver Formen. Und im Bericht gehört kenntlich gemacht, wie eine Aussage zustande kam. Das ist keine Entwertung, sondern die Bedingung dafür, dass man ihr trauen kann.

Oft bauen Sie einen Satz gemeinsam.
Die Person zeigt zwei Wörter.
Sie fragen: Meinst du das so?
Die Person sagt Ja oder Nein.
Wichtig: Nein sagen muss genauso leicht sein wie Ja.

Die Übung: Der falsche Vorschlag

Eine unbequeme, aber sehr aufschlussreiche Probe — bitte nur in einer entspannten Situation und mit einem harmlosen Thema.

  1. Warten Sie einen Moment ab, in dem Sie die Äußerung der Person ziemlich sicher verstanden haben.
  2. Machen Sie absichtlich einen falschen Vorschlag: „Du möchtest also raus?“ — obwohl sie eindeutig etwas anderes meinte.
  3. Beobachten Sie: Kommt ein Widerspruch? Wie deutlich? Wie lange dauert es? Und: Hätten Sie ihn bemerkt, wenn Sie nicht darauf geachtet hätten?
  4. Wenn kein Widerspruch kommt, ist das das wichtigste Ergebnis dieses Kurses: Der Nein-Weg dieser Person funktioniert noch nicht. Das ist Ihre nächste Aufgabe — nicht ihre.

Sagen Sie einmal absichtlich etwas Falsches.
Zum Beispiel: „Du willst nach draußen?“
Obwohl die Person etwas anderes meinte.
Sagt sie Nein? Wie sagt sie Nein?
Wenn sie nicht Nein sagen kann: Das müssen Sie ändern.

Zum Nachdenken: Was unterscheidet gute Ko-Konstruktion vom Worte-in-den-Mund-Legen?

Themen abgeben — wem gehört das Gespräch?

Am Ende vieler gut gemeinter Gespräche steht eine ernüchternde Bilanz: Alle Themen kamen von der sprechenden Person. Die unterstützt kommunizierende Person hat auf acht Fragen geantwortet — und kein einziges Mal selbst begonnen. Gespräche zu eröffnen und Themen zu wechseln ist aber genau das, was Erwachsene tun, wenn sie gleichberechtigt reden.

Woran es meistens liegt: Es fehlt das Vokabular zum Themenwechsel („ich möchte was sagen“, „etwas anderes“, „hör mal“), es fehlt die Gelegenheit (wo immer sofort gefragt wird, kann niemand anfangen), und es fehlt die Erwartung — wer nie damit rechnet, dass die Person etwas beginnt, bemerkt ihren Versuch nicht.

Was hilft: eine ausdrückliche Aufmerksamkeits- und Themenstart-Taste im System; Pausen ohne Frage (das ist der schwerste Teil — Stille aushalten, ohne sie zu füllen); und Gesprächsstoff, der der Person gehört: Tagebuch, Fotos vom Wochenende, Ich-Buch. Wer nichts zu erzählen hat, kann nur antworten.

Und schließlich das Unbequemste: Auch „ich will nicht mehr reden“ ist ein legitimes Thema. Ein Gespräch beenden zu dürfen, gehört zur Gleichberechtigung dazu — auch wenn man selbst gerade schön in Fahrt war.

In der Schule braucht es einen festen Platz im Ablauf, an dem jemand etwas Eigenes sagen darf – sonst gewinnt immer der Stundenplan. Zu Hause hilft Gesprächsstoff, der der Person gehört: Fotos vom Wochenende, das Tagebuch, ein mitgebrachter Gegenstand. In der Assistenz ist die stille Zeit zwischen zwei Handgriffen der Ort, an dem eigene Themen auftauchen – wenn man sie nicht zuredet.

Fangen immer Sie das Gespräch an?
Dann fehlt der Person etwas.
Sie braucht Wörter wie: „Ich will was sagen.“
Und sie braucht Ruhe, um anzufangen.
Und sie darf auch sagen: Ich mag jetzt nicht mehr.

Die Übung: Die Viertelstunde ohne Frage

Anspruchsvoll und sehr lohnend: eine Situation lang keine einzige Frage stellen.

  1. Suchen Sie eine ruhige, angenehme Situation von zehn bis fünfzehn Minuten — gemeinsames Essen, Sofa, Spaziergang.
  2. Regel: Sie stellen keine einzige Frage. Sie kommentieren nur, was gerade ist („Der Kaffee ist heiß.“), modellieren dabei am System — und machen immer wieder lange Pausen.
  3. Legen Sie Gesprächsstoff bereit, der der Person gehört: Fotos vom Wochenende, das Ich-Buch, ein mitgebrachter Gegenstand.
  4. Beobachten Sie, was in den Pausen entsteht. Notieren Sie hinterher: Hat die Person etwas begonnen? Was?

Suchen Sie eine ruhige Situation.
Stellen Sie zehn Minuten lang keine Frage.
Erzählen Sie nur, was Sie sehen.
Machen Sie viele lange Pausen.
Was macht die Person in den Pausen?

Zum Nachdenken: Woran erkennt man, dass ein Gespräch gleichberechtigter geworden ist?

Das Umfeld trainieren — vom Einzelnen zum Team

Alles aus diesem Kurs nützt wenig, wenn es bei einer Person bleibt. Ein Mensch, dessen Kommunikation nur in Ihrer Schicht funktioniert, kommuniziert in Ihrer Schicht — und schweigt den Rest der Woche. Gesprächsverhalten ist deshalb eine Team-Aufgabe, und die gute Nachricht: Partnertraining ist die am besten untersuchte Umfeld-Maßnahme, die wir haben.

Vier Formate wirken zuverlässiger als jeder Appell. Selbsterfahrung (die Übung aus Einheit 1 im ganzen Team, zehn Minuten — sie verändert in Minuten, was Vorträge in Stunden nicht schaffen). Video: sich selbst im Gespräch sehen ist die schnellste und unbarmherzigste Rückmeldung, die es gibt — und sie richtet sich an die Partner, nicht an die Person. Zählen statt meinen: zwei Minuten mitschreiben, Beiträge und Fragen auszählen, fertig ist die Diskussion über Selbstbilder. Begegnung: ein Gespräch mit einem erwachsenen Menschen, der unterstützt kommuniziert und über sein Leben Auskunft gibt.

Damit es bleibt, braucht es kleine feste Rituale statt großer Vorsätze: fünf Minuten in jeder Teambesprechung („Welche Kommunikationssituation ist diese Woche gelungen, welche gescheitert?“), eine Prüffrage pro Monat aus dem Haltungstext, eine gemeinsame Regel, die alle einhalten — zum Beispiel: Das Kommunikationssystem ist immer in Reichweite.

Und der Punkt, an dem Teams am häufigsten scheitern: die Einarbeitung neuer Kolleginnen. Wer in der ersten Woche nicht lernt, wie die Menschen hier kommunizieren, lernt es nie. Deshalb gehören Kommunikationspass, Ich-Buch und die dokumentierten Ja/Nein-Verabredungen an einen Ort, den jede neue Person am ersten Tag findet.

Es reicht nicht, wenn nur Sie das können.
Das ganze Team muss es können.
Machen Sie die Übungen gemeinsam.
Filmen Sie sich und schauen Sie es an.
Und reden Sie jede Woche kurz darüber.

Die Übung: Der Fünf-Minuten-Punkt

Die kleinste wirksame Struktur — und die einzige Übung dieses Kurses, die Sie nicht allein machen können.

  1. Bringen Sie in die nächste Teambesprechung einen festen Punkt ein: fünf Minuten, zwei Fragen — welche Kommunikationssituation ist diese Woche gelungen, welche gescheitert?
  2. Verabreden Sie eine einzige gemeinsame Regel für die nächsten vier Wochen. Vorschlag: „Das Kommunikationssystem ist immer in Reichweite.“ Eine Regel, nicht fünf.
  3. Planen Sie einen Termin für die Selbsterfahrungsübung aus Einheit 1 mit dem ganzen Team — zehn Minuten genügen.
  4. Legen Sie fest, wer die Kommunikationswege der Menschen so dokumentiert, dass eine neue Kollegin sie am ersten Tag findet.

Sprechen Sie im Team darüber.
Fünf Minuten in jeder Besprechung.
Was ist gut gelaufen? Was nicht?
Machen Sie eine Regel für alle.
Zum Beispiel: Das Gerät ist immer in der Nähe.

Zum Nachdenken: Warum reicht es nicht, wenn eine einzelne Person gut kommuniziert?

Ihre Rückmeldung

Dieser Kurs lebt von den Menschen, die ihn benutzen. Anregungen und Verbesserungswünsche sind immer willkommen – was war unklar, was hat gefehlt, was hat in Ihrem Alltag nicht funktioniert? Schreiben Sie an lars.tiedemann@assistuk.net.

Wie fanden Sie den Kurs?
Schreiben Sie uns gerne.
Was war gut? Was war schwer?
Was hat gefehlt?
Die E-Mail-Adresse ist:
lars.tiedemann@assistuk.net

Zum Schluss

Wenn alle 8 Einheiten erledigt sind, können Sie eine Teilnahmebestätigung ausdrucken. Der Name wird nur in das Papier gedruckt – er wird nirgends gespeichert und nicht übertragen.

Sind alle Einheiten fertig?
Dann können Sie ein Blatt Papier ausdrucken.
Ihr Name kommt nur auf das Papier.
Wir speichern den Namen nicht.

Die Bestätigung wird möglich, sobald alle Einheiten erledigt sind.

Teilnahmebestätigung

Die Teilnehmerin oder der Teilnehmer hat die folgenden Lerneinheiten bearbeitet:
Ein guter Gesprächspartner werden
  1. Warum das Umfeld entscheidet
  2. Haltung: Im Zweifel für die Person
  3. Zeit geben — die erwartungsvolle Pause
  4. Modeling: zeigen, was man sagt
  5. Fragen, die Gespräche öffnen
  6. Gemeinsam bauen — und wessen Worte es sind
  7. Themen abgeben — wem gehört das Gespräch?
  8. Das Umfeld trainieren — vom Einzelnen zum Team
Ausgedruckt am .
Diese Bestätigung hält fest, welche Lerneinheiten bearbeitet wurden.
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