Symbole und Papier
Acht Einheiten über das Material der Unterstützten Kommunikation (UK): welche Wörter auf die Tafel gehören, warum sie nie umziehen dürfen und wie Papier zur Sprache wird.
Worum es geht
Für Assistenzkräfte, Eltern und Familien, Lehrkräfte sowie pädagogische und therapeutische Fachkräfte, die Symboltafeln, Kommunikationsbücher und Ordner bauen, mitbringen oder täglich benutzen. Kein Vorwissen nötig, kein Gerät nötig — dieser Kurs ist die vierte Station des Lernpfads und setzt am Material fort, was der Kurs „Ein guter Gesprächspartner werden“ an Haltung gelegt hat.
Jede der 8 Einheiten hat denselben Aufbau: erst das Wissen, dann eine Übung am eigenen Gerät, dann eine Frage zum Nachdenken. Die Frage wird nicht benotet und lässt sich beliebig oft wiederholen – sie soll zeigen, ob etwas angekommen ist, nicht, wer den Kurs macht.
Etwa zwei Stunden, aufteilbar. Der Stand bleibt auf diesem Gerät gespeichert. Es gibt keine Anmeldung und kein Konto. Der Stand steht ausschließlich in diesem Browser; er verschwindet, wenn Sie die Browserdaten löschen, und wandert nicht auf ein anderes Gerät.
Am Ende können Sie eine Teilnahmebestätigung ausdrucken. Sie hält fest, welche Lerneinheiten Sie bearbeitet haben.
Alles hier steht auch ohne Kurs offen: Grundlagentext: Die zweihundert Wörter, die fast alles sagen, die Themen mit Video und die Themenseite: Vokabularorganisation.
Das ist ein Kurs über Symbole und Papier.
Symbole sind kleine Bilder für Wörter.
Viele Menschen sprechen mit Symbolen auf einer Tafel.
Der Kurs zeigt: Welche Wörter gehören auf die Tafel?
Und er zeigt: Wie benutzen Sie die Tafel selbst?
Der Kurs hat 8 Einheiten.
In jeder Einheit gibt es: Wissen, eine Übung und eine Frage.
Die Frage wird nicht benotet.
Sie brauchen kein Konto. Sie müssen sich nicht anmelden.
Am Ende können Sie ein Blatt Papier ausdrucken.
Darauf steht: Das habe ich gelernt.
Das Blatt ist kein Zeugnis.
Was ein Symbol können muss
Auf jeder Kommunikationstafel arbeiten kleine Bilder als Wörter: ein Apfel für „Apfel“, zwei Figuren für „helfen“, ein Pfeil für „mehr“. Die stille Annahme dahinter lautet, Bilder verstünden sich von selbst. Die Fachsprache der Unterstützten Kommunikation ist da genauer und unterscheidet seit Fuller und Lloyd (1991) drei Grade der Durchschaubarkeit: transparent ist ein Symbol, dessen Bedeutung man ohne Vorwissen errät; transluzent eines, das einleuchtet, sobald man die Bedeutung kennt; opak eines, dessen Verbindung zur Bedeutung reine Vereinbarung ist. Alle drei sind legitim — Schrift ist das erfolgreichste opake Symbolsystem der Geschichte.
Dass sich Symbolsammlungen in ihrer Lernbarkeit messbar unterscheiden, gehört zu den älteren gesicherten Befunden des Feldes. Mizuko (1987) verglich bei Dreijährigen verschiedene Sammlungen: Die bildnäheren wurden deutlich leichter erkannt und gelernt als die abstrakteste. Dada, Huguet und Bornman (2013) zeigten, dass gängige Bildsymbole überwiegend gut zugänglich sind — und dass der Kontext mitspielt: Dasselbe Symbol ist durchschaubarer oder undurchschaubarer, je nachdem, welche Nachbarn es auf der Tafel umgeben. Bildnähe ist also ein realer Startvorteil, kein Endurteil.
Und dann die harte Grenze, an der die Anschaulichkeit endet: Die häufigsten, wichtigsten Wörter der Sprache sind fast alle nicht abbildbar — mehr, nicht, auch, fertig, wollen, anders, wieder, du. Es gibt kein Foto von „auch“. Wer nur nach Transparenz auswählt, bekommt automatisch ein Nomen-System: voller Äpfel, leer an Sprache. Die richtige Folgerung ist nicht, die kleinen Wörter wegzulassen, sondern ihre Symbole nach anderen Kriterien zu bauen — maximal unterscheidbar, maximal konsistent und einprägsam genug, dass die Vereinbarung haftet.
Für Sie als Gesprächspartnerin oder Gesprächspartner folgen daraus zwei Handgriffe. Erstens: Symbole werden nicht erklärt, sondern benutzt. „Was ist das?“ ist eine Abfrage, keine Frage — der Kurs „Ein guter Gesprächspartner werden“ hat den Unterschied ausführlich behandelt. Wer will, dass ein Symbol Bedeutung bekommt, zeigt es selbst, immer wieder, im Alltag. Zweitens: Kein Symbol ist kulturneutral. Huer (2000) hat belegt, dass Menschen verschiedener kultureller Herkunft dieselben Symbole verschieden deuten. Fragen Sie deshalb nach — „Erkennt ihr das? Was seht ihr darin?“ —, besonders in mehrsprachigen und zugewanderten Familien, und achten Sie bei Personen-Symbolen auf Vielfalt. Über allem steht eine Rangfolge: erst das Wort (braucht die Person es?), dann der Platz (findet sie es wieder?), dann erst das Bild.
Symbole sind kleine Bilder für Wörter.
Manche Bilder versteht man sofort.
Andere Bilder muss man erst lernen.
Wörter wie „mehr“ kann man nicht malen.
Darum zeigen Sie diese Wörter immer wieder.
Zum Nachlesen
Die Übung: Der Symbol-Blindtest
Zehn Symbole, drei ahnungslose Menschen, kein Wort dazu — der schnellste Weg, die eigene Einschätzung zu überprüfen.
- Kopieren oder fotografieren Sie zehn Symbole aus der Tafel, die Sie im Alltag benutzen, und decken Sie die Wörter darunter ab.
- Zeigen Sie das Blatt drei Menschen, die die Tafel nicht kennen — einer Kollegin, einem Familienmitglied, einer Nachbarin. Fragen Sie nur: „Was ist das?“
- Machen Sie drei Spalten: sofort erraten, nach der Auflösung einleuchtend, weiterhin rätselhaft.
- Sehen Sie sich die dritte Spalte an. Dort stehen fast immer die kleinen Wörter — und genau die müssen Sie ab jetzt am häufigsten selbst zeigen.
- Wenn jemand mit anderer Sprach- oder Herkunftsgeschichte dabei ist, fragen Sie zusätzlich: Was siehst du in diesem Bild? Die Antwort ist oft eine andere als Ihre.
Drucken Sie zehn Symbole aus.
Decken Sie die Wörter darunter ab.
Zeigen Sie die Bilder drei Menschen.
Fragen Sie: Was ist das?
Welche Bilder waren schwer?
Zum Nachdenken: Warum brauchen Wörter wie „mehr“ oder „nicht“ andere Symbol-Kriterien als „Apfel“?
Bitte wählen Sie zuerst eine Antwort.
Genau. Und weil es eine Vereinbarung ist, wird es durch Gebrauch gelernt statt durch Anschauen — bei diesen Wörtern hängt alles am Umfeld.
Es ist genau umgekehrt: Es sind die häufigsten Wörter der Sprache. Gerade deshalb lohnt sich die Sorgfalt bei ihren Symbolen.
Doch, sie lernen sie — wie Vokabeln, über den Gebrauch. Schrift ist das beste Beispiel für ein abstraktes Symbolsystem, das fast alle lernen.
Die Wörter, die fast alles sagen
Kernvokabular nennt man die kleine Menge von Wörtern, die den größten Teil dessen trägt, was Menschen tatsächlich sagen — quer durch Themen, Situationen und Altersstufen: ich, du, das, nicht, mehr, auch, machen, wollen, fertig, gut. Für das Deutsche stammen die wichtigsten Zahlen aus den Kölner Untersuchungen um Jens Boenisch und Stefanie Sachse: Die häufigsten 100 Wörter decken rund zwei Drittel der gesprochenen Sprache ab, die häufigsten 200 Wörter rund 80 Prozent — und unter ihnen finden sich nur etwa 20 Prozent Nomen. Bei fünfzig Zwei- bis Dreijährigen fanden Banajee und Kolleginnen dasselbe Muster schon im Kleinkindalter: Die 23 häufigsten Wörter deckten gut 96 Prozent des Gesagten ab, und unter den neun Wörtern, die ausnahmslos alle Kinder benutzten, war kein einziges Substantiv.
Man muss sich das einen Moment zergehen lassen: Die Wortart, aus der die meisten selbst gebauten Kommunikationstafeln fast vollständig bestehen, macht in echter Sprache ein Fünftel des Häufigen aus. Das ist kein Fehler der Menschen, die solche Tafeln bauen, sondern eine Falle der Anschaulichkeit — ein Joghurt lässt sich fotografieren, „nochmal“ nicht. Die Folge sieht man täglich: Die Tafel ist voll, das Kind kann benennen, aber nicht verhandeln; auswählen, aber nicht kommentieren; antworten, aber nicht anfangen. Und trotzdem fehlt immer genau das Wort, das jetzt gebraucht wird.
Drei Klarstellungen, damit die Zahlen nicht überdehnt werden. 80 Prozent der Wörter sind nicht 80 Prozent der Botschaft — „Ich will nochmal Trampolin“ braucht genau ein persönliches Wort, und ohne dieses eine ist die Botschaft unvollständig. Kernvokabular ist ein Anfang, keine Verordnung: Die S3-Leitlinie zur Therapie von Sprachentwicklungsstörungen empfiehlt ausdrücklich beides — Kernvokabular und individuell bedeutsame Inhalte —, und das amerikanische Project Core nennt seine 36 Kernwörter selbst nur ein „initial lexicon“. Und Häufigkeit ist nicht Bedeutsamkeit: Für ein Kind, dessen Welt sich um Bagger dreht, ist „Bagger“ wertvoller als „sollen“. Und noch eines gehört dazu: Abstrakte Symbole werden nicht verstanden, sie werden erworben. Wenn ein Mensch das Symbol für „mehr“ zunächst nicht versteht, ist das kein Scheitern, sondern der Normalfall am Anfang eines Lernwegs.
Der Kern passt in jede Situation — deshalb kann ihn jede Rolle sofort benutzen, ohne etwas vorzubereiten, und deshalb muss ihn auch jede Rolle nachpflegen. Lehrkräfte in der Schule tragen mit MEHR, FERTIG, NICHT und HELFEN durch jede Unterrichtsstunde, gleich in welchem Fach — und sie sammeln zusätzlich den Wortschatz des laufenden Unterrichtsthemas, damit die Schülerin im Sachunterricht dieselben Wörter zur Verfügung hat wie ihre Mitschülerinnen und Mitschüler. Eltern und Familien zu Hause nutzen dieselben Kernwörter beim Essen, beim Anziehen und beim Streit um die Fernsehzeit — und sie sind die Einzigen, die die Namen nachtragen können: Verwandte, Haustiere, Nachbarskinder, die Figuren aus der Lieblingsserie. Assistenzkräfte tragen den Kern durch Pflege, Weg und Freizeit — und ihre wirksamste Aufgabe ist das Notieren: eine Woche lang jedes Mal aufschreiben, wenn ein Wort gefehlt hat. Diese eine Liste ist am Ende der Woche wertvoller als jede Vokabularempfehlung von außen — und die Kernwörter sind ohnehin die einzigen, die auch bei einer neuen Kollegin am ersten Tag schon funktionieren.
Manche Wörter braucht man sehr oft.
Zum Beispiel: ich, du, mehr, nicht, fertig.
200 solche Wörter reichen für fast alles.
Sie stehen aber auf wenigen Tafeln.
Sie gehören auf den besten Platz.
Zum Nachlesen
Die Übung: Zwanzig Sätze mitschreiben
Sie brauchen einen Zettel, einen Stift und zehn Minuten fremdes Gespräch.
- Setzen Sie sich zehn Minuten in eine Alltagssituation, in der geredet wird — Frühstückstisch, Pausenhof, Dienstübergabe — und schreiben Sie zwanzig Sätze so wörtlich mit, wie Sie können.
- Unterstreichen Sie alle Nomen und zählen Sie sie.
- Zählen Sie danach alle Wörter und rechnen Sie den Anteil der Nomen aus. Fast immer liegt er weit unter der Hälfte.
- Nehmen Sie nun die Tafel oder das Kommunikationsbuch der Person, die Sie begleiten, und zählen Sie dort dasselbe. Vergleichen Sie die beiden Anteile.
- Notieren Sie die fünf kleinen Wörter, die in Ihren zwanzig Sätzen am häufigsten vorkamen und auf der Tafel fehlen. Das ist Ihre Nachrüstliste.
Hören Sie zehn Minuten lang zu.
Schreiben Sie zwanzig Sätze auf.
Wie viele Wörter sind Dinge?
Meistens sind es sehr wenige.
Stehen die anderen Wörter auf der Tafel?
Zum Nachdenken: Was folgt daraus, dass rund 200 Wörter etwa 80 Prozent des Gesagten tragen?
Bitte wählen Sie zuerst eine Antwort.
Genau. Kernvokabular ist das Skelett der Sprache, nicht ihr ganzer Körper — erst die Kombination macht aus Benennen Sprache.
Nein. 80 Prozent der Wörter sind nicht 80 Prozent der Botschaft: „Ich will nochmal Trampolin“ braucht genau dieses eine persönliche Wort.
So streng ist es nicht gemeint. Auch Project Core nennt seine Kernwortliste ausdrücklich nur ein Startlexikon — die Person schlägt die Liste.
Die persönlichen Wörter
Randvokabular ist alles Übrige: die Themen, die Menschen, die Orte, die Leibgerichte — das, was eine Kommunikation persönlich macht. Es gehört nicht auf die Startseite, aber es gehört ins System, geordnet nach Lebensbereichen, damit es auffindbar bleibt. Die Arbeitsteilung ist leicht zu merken: Der Kern wohnt vorn und zieht nie um. Der Rand wohnt in Themen und darf wachsen. Und eine gute Themenseite — „Schwimmbad“, „Arztbesuch“ — enthält nie nur Nomen, sondern die Sätze, die man in dieser Situation wirklich braucht: „Ich trau mich nicht“, „Guck mal!“, „Wie lange noch?“. Auch im Rand steckt Kern.
Für manche Menschen ist das Persönliche sogar der ganze Einstieg. Eine visuelle Szene — ein Foto des eigenen Frühstückstischs, in das aktive Bereiche eingebettet sind — verlangt kein Entschlüsseln, sondern nur Wiedererkennen, und Wiedererkennen ist robuster. Die Blickforschung von Wilkinson und Light liefert dazu die schönste Gestaltungsregel gratis: Menschen gehören ins Bild. Der Blick geht zu den abgebildeten Personen, schneller und länger als zu allem anderen — bei Betrachterinnen und Betrachtern mit Autismus, Down-Syndrom oder anderen kognitiven Beeinträchtigungen im Mittel binnen etwa anderthalb Sekunden. Das Foto vom leeren Tisch ist schwächer als das Foto, auf dem die Schwester gerade nach der Marmelade greift. Und: persönlich schlägt generisch. Die Grenze bleibt allerdings hart — eine Szene kann nur sagen, was in ihr vorkommt; „nochmal“, „nicht das“ und „warum“ stehen in keinem Foto. Also: mit der Szene anfangen, am Raster wachsen, beides behalten.
Daneben steht eine eigene Familie von Papierwerkzeugen, die keine Wörter liefert, sondern Gesprächsstoff. Das Ich-Buch erzählt in Ich-Form, wer der Mensch ist — was ich mag, wen ich kenne, wie ich kommuniziere. Es spricht für die Person, nicht über sie, und gibt Fremden sofort Anknüpfungspunkte. Das symbolgestützte Tagebuch hält fest, was passiert ist, geklebt, gemalt, fotografiert — und beantwortet die Frage, an der unterstützt kommunizierende Menschen sonst regelmäßig scheitern: „Wie war’s?“. Der Kommunikationspass schließlich ist das Kondensat für Übergänge und Notfälle, wenige Seiten nach dem Format, das Sally Millar und das CALL Centre in Edinburgh ausgearbeitet haben: So kommuniziere ich. Das heißt mein Blinzeln. Das beruhigt mich.
Wer sammelt all das? Keine Rolle allein — und das ist der Grund, warum Randvokabular so oft dünn bleibt. Eltern und Geschwister zu Hause kennen die Namen: Verwandte, Haustiere, das Lieblingsessen, die Fernsehfigur, die Familienwitze. Lehrkräfte in der Schule kennen die Fächer, die Mitschülerinnen, die Räume und den Wortschatz des laufenden Themas. Assistenzkräfte kennen den Tagesablauf: die Pflegeschritte, die Wege, die Musik, das, was gerade nervt. Keine dieser drei Rollen kennt die Liste der anderen. Und der Kurs „Ein guter Gesprächspartner werden“ hat gezeigt, woran gleichberechtigte Gespräche zu erkennen sind: Die Person beginnt Themen selbst. Dafür braucht sie Wörter und Bilder, die ihr gehören — wer nichts zu erzählen hat, kann nur antworten.
Manche Wörter sind nur für eine Person wichtig.
Zum Beispiel Namen von Menschen und Tieren.
Oder das Lieblings-Essen.
Diese Wörter gehören auf eigene Seiten.
Sammeln Sie diese Wörter zusammen mit der Person.
Zum Nachlesen
Die Übung: Die Zwanzig-Wörter-Runde
Drei Zettel, drei Rollen, eine Woche Zeit — und am Ende eine Liste, die niemand allein hätte schreiben können.
- Geben Sie drei Menschen aus verschiedenen Bereichen je einen Zettel: jemandem aus der Familie, jemandem aus Schule oder Tagesstruktur, jemandem aus Assistenz oder Pflege.
- Auftrag an alle drei: zwanzig Wörter aufschreiben, die diese Person in Ihrem Bereich wirklich brauchen würde — Namen, Orte, Dinge, aber auch Sätze wie „Wie lange noch?“ oder „Lass das“.
- Legen Sie die drei Listen nebeneinander und markieren Sie, was nur auf einer steht. Das ist der Wortschatz, den die anderen beiden nie angeboten hätten.
- Prüfen Sie die Listen auf Nomen-Überhang: Wenn fast nur Dinge daraufstehen, fehlen die Kommentare zur Situation. Ergänzen Sie sie.
- Gehen Sie zum Schluss zur Person selbst und bieten Sie die Wörter an — nicht als Prüfung, sondern zur Auswahl: Was davon willst du haben?
Fragen Sie drei Menschen.
Einen aus der Familie, einen aus der Schule, einen aus der Assistenz.
Jeder schreibt zwanzig wichtige Wörter auf.
Vergleichen Sie die drei Listen.
Fragen Sie danach die Person selbst.
Zum Nachdenken: Wie verhalten sich Kernvokabular und persönliche Wörter zueinander?
Bitte wählen Sie zuerst eine Antwort.
Genau. Und auch eine gute Themenseite besteht nie nur aus Nomen — „Wie lange noch?“ gehört genauso dazu.
Es ist eher umgekehrt: Erst der Kern macht aus einem persönlichen Wort einen Satz — aus „Bagger“ wird „nochmal Bagger“ oder „kein Bagger“.
Das Interesse ja, den Platz nein. Die Startseite gehört den Wörtern, die in jeder Situation gebraucht werden; persönliche Wörter sind auf Themenseiten gut aufgehoben.
Warum nichts verrutschen darf
Die zweite Hälfte der Kernvokabular-Idee steht in keiner Häufigkeitstabelle: Die häufigen Wörter brauchen feste Plätze, und diese Plätze dürfen sich nicht ändern. Wer flüssig spricht, denkt nicht über Artikulation nach; die Bewegungen sind automatisiert. Genau diese Automatisierung braucht auch die Kommunikation über ein Raster: Wer „ich“ sagen will, soll nicht suchen müssen, sondern greifen — mit der Hand, mit dem Blick, mit dem Taster. Ehrlich dazugesagt: Kontrollierte Studien, die den Nutzen der Positionskonstanz isoliert messen, sind uns nicht bekannt. Das hier ist Praxiswissen und Plausibilität aus dem motorischen Lernen, keine gemessene Wirksamkeit — aber es ist Praxiswissen, das sich in dreißig Jahren nicht widerlegt hat.
Daraus folgt eine einfache Bauregel: Wächst eine Person vom 4×6-Raster ins 5×8, bleiben die Kernwörter auf ihren Positionen; neue Felder kommen am Rand dazu, nicht in der Mitte. Ein Rasterwechsel ist ein Zuwachs, kein Umzug. Dasselbe gilt zwischen den Trägern: Die Papiertafel trägt dieselben Wörter an denselben Stellen wie der Bildschirm, sonst ist sie ein zweites Lernsystem statt eines zweiten Trägers. Was die Hand oder der Blick gelernt hat, bleibt gültig.
Konstant bleiben müssen auch die Zeichen selbst. Dasselbe Wort trägt dasselbe Symbol — heute, morgen, auf der Tafel, im Gerät, im Wochenplan, in der Schule und zu Hause. Jeder Symbolwechsel setzt den Lernstand zurück; ein mittelschönes, stabiles Symbol schlägt das schönere, das nächsten Monat anders aussieht. Das ist das Argument für etablierte, gepflegte Sammlungen — im deutschsprachigen Raum ist die METACOM-Sammlung von Annette Kitzinger der De-facto-Standard — und gegen den fröhlichen Stilmix: Ein System, das Fotos, Cliparts und drei Sammlungen mischt, verlangt, für jedes Wort auch noch den Stil mitzulernen. Eigene Zeichen für Eigennamen und lokale Orte gehören in die Logik der Hauptsammlung eingepasst: gleiche Strichstärke, gleiche Vereinfachung, gleiche Farblogik. Ergänzen ja, brechen nein.
Die Farben schließlich sind eine Konvention, kein Naturgesetz: Tun-Wörter grün, Dinge gelb, Eigenschaften blau, soziale Wörtchen rosa, die kleinen Funktionswörter weiß oder grau. Sie hilft beim Finden und macht Wortarten sichtbar, lange bevor jemand das Wort „Verb“ kennt — aber sie darf nie das einzige Unterscheidungsmerkmal sein, denn Farbe allein hilft nicht allen. Und weil der größte Schaden hier mit den besten Absichten entsteht, eine klare Verabredung für alle Rollen: Lehrkräfte in der Schule übernehmen für die selbst gebastelte Tafel des Sachunterrichts die Positionen der Haupttafel, statt eigene zu erfinden. Eltern zu Hause achten darauf, dass Küchentafel, Badtafel und Buch dieselben Kernwörter an denselben Stellen tragen. Assistenzkräfte drucken bei Verlust dieselbe Datei nach — keine neu gebaute Fassung. Wer etwas ändert, zieht es überall gleichzeitig nach und schreibt auf, was geändert wurde.
Jedes Wort hat einen festen Platz.
Der Platz darf sich nicht ändern.
Sonst muss die Person wieder suchen.
Die Farben zeigen die Wort-Art.
Grün sind Tun-Wörter. Gelb sind Dinge.
Zum Nachlesen
Die Übung: Der Blindgriff
Eine Tafel, fünf Wörter, geschlossene Augen — die Übung, die zeigt, was Positionskonstanz eigentlich bedeutet.
- Nehmen Sie eine Tafel oder einen Ausdruck davon und suchen Sie fünf Wörter nacheinander: ich, mehr, nicht, fertig, helfen. Stoppen Sie die Zeit.
- Prägen Sie sich die fünf Plätze eine Minute lang ein. Dann schließen Sie die Augen und zeigen dieselben fünf Wörter blind. Wie viele haben Sie getroffen?
- Jetzt der unangenehme Teil: Schneiden Sie eine Kopie der Tafel auseinander und kleben Sie sie in anderer Reihenfolge wieder zusammen.
- Wiederholen Sie den Blindgriff mit der neuen Fassung. Der Zeitverlust, den Sie gerade spüren, ist der Preis jedes gut gemeinten Umbaus — bei Ihnen für fünf Wörter, bei der Person für alle.
- Prüfen Sie zum Schluss alle Tafeln, Bücher und Ausdrucke im Umfeld dieser Person: Liegen die Kernwörter überall gleich? Wo nicht, notieren Sie es. Das ist Ihre Aufräumliste.
Suchen Sie fünf Wörter auf einer Tafel.
Merken Sie sich die Plätze.
Schließen Sie die Augen.
Zeigen Sie die Wörter noch einmal.
So arbeitet die Hand von allein.
Zum Nachdenken: Ein Kind wächst vom kleinen Raster in ein größeres. Was passiert mit den Kernwörtern?
Bitte wählen Sie zuerst eine Antwort.
Genau. Was Hand oder Blick gelernt haben, bleibt gültig — sonst bezahlt das Kind jedes neue Wort mit allen alten.
Verständlicher Wunsch, teurer Preis: Jeder Umbau setzt den motorischen Lernstand zurück. Ausgewogene Optik ist das schwächere Argument.
Farbe hilft beim Finden, ersetzt aber keine feste Position — und für manche Menschen trägt Farbe allein ohnehin nicht.
Tafeln, Bücher, Ordner
Vier Eigenschaften machen nichtelektronische Systeme unersetzlich, und keine davon ist Nostalgie. Sie fallen nicht aus — kein Akku, kein Update, kein Wasserschaden, der nicht mit dem Laminiergerät zu beheben wäre; die Tafel funktioniert am Badesee, im Krankenhausbett und im Sturm. Sie sind sofort da — keine Startzeit, kein Entsperren, kein Menü. Sie sind sozial durchlässig — über ein Buch beugen sich zwei Menschen gemeinsam, und der geteilte Aufmerksamkeitsfokus entsteht von selbst. Sie sind billig und kopierbar — eine Tafel kann in jedem Raum hängen und an jedem Ort neu gedruckt werden. Dem stehen zwei ehrliche Schwächen gegenüber: keine Stimme und begrenzter Umfang. Beides zusammen ergibt keine Rangfolge, sondern eine Arbeitsteilung.
Die Bauformen lassen sich als Stufenfolge wachsender Kapazität lesen — als Ordnung, nicht als Entwicklungsweg; niemand muss sich von der Karte zum Ordner „hocharbeiten“. Am Anfang stehen Einzelkarten und Bezugsobjekte. Dann die Thementafel, ein Blatt für eine Situation: stark, weil sie am Ort hängen kann, schwach, weil sie nur dort spricht. Ihr Gegenstück ist die Kerntafel mit den immer gleichen Wörtern, die überall mitgeht — Kerntafel plus Thementafeln sind das klassische Papier-Duo, das eine für die Grammatik des Alltags, das andere für seinen Wortschatz. Es folgen das Kommunikationsbuch beziehungsweise der Ordner und, für Menschen mit Schriftsprache, die Buchstabentafel — das mächtigste Blatt Papier der Welt. Bei der Organisation konkurrieren drei Prinzipien: semantisch nach Wortfeldern, als Kern-Rand-Architektur mit permanent sichtbarer Kerntafel, oder pragmatisch nach kommunikativen Absichten — den letzten Weg denkt PODD von Gayle Porter am konsequentesten zu Ende, mit Absichtseinstieg und Weiterblätter-Pfaden. Bemerkenswert daran ist auch die Anforderung: Ein PODD-Buch ohne modellierendes Umfeld ist ein dickes Heft.
Und nun der Satz, der in jede Versorgungsentscheidung gehört: Ein Kommunikationssystem, das nur aus einem Gerät besteht, ist keines. Geräte fallen aus, gehen zur Reparatur, sind beim Baden verboten und in der Notaufnahme nicht zur Hand — und in genau diesen Momenten ist der Mensch ohne Backup wieder stumm. Die professionelle Antwort ist immer ein Systemverbund: das Gerät für Stimme, Reichweite und großen Wortschatz; die Papier-Kerntafel als jederzeit verfügbare Schwester mit demselben Layout; die körpereigenen Formen — Ja/Nein-Codes, Gebärden — als unverlierbare Grundschicht; der Kommunikationspass für die Fälle, in denen das Umfeld nichts von alledem kennt. Der Kurs „Ein guter Gesprächspartner werden“ endet mit einer einzigen Teamregel: Das Kommunikationssystem ist immer in Reichweite. Auf Papier ist diese Regel billig zu erfüllen — man hängt sie einfach überall hin.
Konkret heißt das für die drei Rollen: In der Schule klebt eine Kerntafel auf dem Tisch der Schülerin, eine zweite hängt vorn für die Lehrkraft, Thementafeln liegen dort, wo sie gebraucht werden — Sport, Schulküche, Werkraum. Wer den Raum wechselt, nimmt die Tafel mit. Eltern zu Hause hängen je eine laminierte Kerntafel in Küche, Bad und Wohnzimmer auf, eine liegt im Auto, eine an der Pflege- oder Wickelstelle: dort, wo die Hände sonst voll sind, gehört sie an die Wand statt in die Tasche. In der Assistenz gehört die Kerntafel in die Jackentasche der Person, nicht in die Diensttasche der Assistenzkraft; im Übergabeordner liegt eine Ersatzkopie, und jede neue Kollegin bekommt am ersten Tag ein eigenes Exemplar zum Üben. Dazu das Handwerkliche: reißfest und matt laminieren (glänzende Tafeln blenden), Ecken runden, Ringe statt Heftung, damit Seiten flach liegen, Griffregister zum schnellen Blättern — und von jeder wichtigen Tafel existiert eine Datei, damit Ersatz ein Druckauftrag ist und keine Bastelwoche.
Papier braucht keinen Strom.
Eine Tafel aus Papier ist sofort da.
Wenn sie kaputt geht, drucken Sie sie neu.
Ein Gerät allein reicht nicht.
Es muss immer auch Papier geben.
Zum Nachlesen
Die Übung: Fünf Orte, eine Frage
Ein halbstündiger Rundgang, der ziemlich sicher eine Lücke findet.
- Gehen Sie die fünf Orte ab, an denen diese Person die meiste Zeit verbringt — Klassenzimmer, Küche, Bad, Auto, Sofa, Pausenraum, was zutrifft.
- Stellen Sie an jedem Ort dieselbe Frage: Könnte sie hier jetzt sofort etwas sagen, ohne dass jemand etwas holt, einschaltet oder entsperrt?
- Spielen Sie den Ausfall durch: Das Gerät ist für zwei Wochen zur Reparatur. Was bleibt? Schreiben Sie es auf. Lautet die Antwort „nichts“, haben Sie Ihr wichtigstes Ergebnis.
- Drucken und laminieren Sie eine Kerntafel im Layout des vorhandenen Systems — dieselben Wörter, dieselben Plätze, dieselben Farben — und hängen Sie sie an die zwei Orte mit der größten Lücke.
- Legen Sie fest, wo die Druckdatei liegt und wer sie nachdruckt.
Gehen Sie durch die Wohnung oder die Schule.
Fragen Sie sich an jedem Ort: Kann die Person hier reden?
Denken Sie an einen Tag ohne Gerät.
Drucken Sie eine Tafel aus Papier.
Hängen Sie die Tafel dort auf, wo sie fehlt.
Zum Nachdenken: Warum gehört zu jedem Sprachcomputer auch eine Papiertafel?
Bitte wählen Sie zuerst eine Antwort.
Genau. Entscheidend ist dabei: dieselben Wörter an denselben Plätzen — sonst ist die Tafel ein zweites Lernsystem statt eines zweiten Trägers.
Papier ist keine Vorstufe, sondern ein eigenständiges System mit eigenen Stärken: sofort da, ausfallsicher, sozial nah. Niemand muss sich zum Gerät hocharbeiten.
Billig ist sie, aber das ist nicht der Grund. Der Grund ist die Verfügbarkeit in genau den Momenten, in denen das Gerät fehlt.
Zeigen ohne Zeigefinger
Auch Papier hat eine Zugangsfrage, und ihre Antworten sind erstaunlich leistungsfähig. Der einfachste Weg ist das direkte Zeigen — mit Finger, Faust, Stift oder Kopfstab. Dabei gilt eine Regel, die im Alltag ständig verletzt wird: Die Feldgröße folgt der Motorik, nicht dem Platzangebot. Eine Tafel, auf die dreißig Felder passen, ist deshalb noch lange keine Tafel mit dreißig Feldern. Wer sicher auf handtellergroße Flächen zeigt, bekommt handtellergroße Felder — und dafür lieber mehrere Blätter.
Für Menschen ohne verlässliche Zeigebewegung gibt es die Blicktafel, im Fachjargon E-Tran: eine durchsichtige Platte mit Symbolen oder Buchstabengruppen am Rand und einem Loch in der Mitte. Das Gegenüber hält sie zwischen sich und die blickende Person und liest die Blickrichtung ab. Zwei Blicke — erst die Gruppe, dann das Element — genügen für jede Auswahl. Das ist Augensteuerung ganz ohne Technik, seit Jahrzehnten bewährt und auf jeder Intensivstation aus einer Klarsichthülle zu improvisieren.
Der zweite große Weg ist das Partner-Scanning: Das Gegenüber bietet die Optionen nacheinander an — zeigend, sprechend oder beides —, und die Person bestätigt mit ihrem verabredeten Ja-Signal: Blinzeln, Laut, Bewegung. Mit Reihen-Spalten-Logik („Erste Reihe? Zweite? — Erstes Wort? Zweites?“) wird daraus ein vollwertiger Zugang zu großen Tafeln, bis hin zur kompletten Buchstabentafel. Partner-Scanning ist langsam und partnerabhängig — und für manche Menschen über Jahre der verlässlichste Weg zu einer präzisen Aussage. Wo wenige motorische Signale viele Ziele erreichen müssen, hilft zusätzlich eine Codierung über Farbpunkte oder Zahlen: selten gebraucht, im Einzelfall der Schlüssel.
Diese beiden Wege sind vollständig Partnerarbeit — hier entscheidet Ihr Verhalten über jedes einzelne Wort. Es gilt alles, was der Kurs „Ein guter Gesprächspartner werden“ behandelt hat, nur schärfer: erwartungsvoll warten statt raten, eine Option nach der anderen statt Doppelfragen, aufgreifen und bestätigen lassen statt vervollständigen. Und der wichtigste Punkt: Das Nein muss genauso leicht möglich sein wie das Ja. Wer nur zustimmt, weil Zustimmen schneller geht als Widersprechen, hat nichts gesagt. Deshalb gehört das Ja/Nein-Signal dokumentiert: Lehrkräfte in der Schule hängen es hinter die Tür, damit auch Vertretungskräfte es kennen; Eltern zu Hause schreiben es ins Ich-Buch, damit Besuch und Verwandtschaft es lesen können; Assistenzkräfte setzen es auf die erste Seite des Übergabeordners, damit eine neue Kollegin es am ersten Tag findet.
Nicht alle können mit dem Finger zeigen.
Manche zeigen mit den Augen.
Dafür gibt es eine Tafel aus durchsichtiger Folie.
Manchmal fragt der Partner die Felder nacheinander ab.
Die Person sagt Ja mit einem verabredeten Zeichen.
Zum Nachlesen
Die Übung: Zwei Blicke, ein Wort
Eine Selbsterfahrung zu zweit, für die Sie nur eine Klarsichthülle und einen Stift brauchen.
- Zeichnen Sie auf eine Klarsichthülle sechs Felder am Rand und schneiden Sie in die Mitte ein Loch. Schreiben Sie in jedes Feld vier bis fünf Buchstaben, bis das Alphabet verteilt ist.
- Halten Sie die Folie zwischen sich und Ihr Gegenüber. Ihr Gegenüber schaut zuerst auf eine Gruppe und dann — nach Ihrer Nachfrage — auf die Position innerhalb der Gruppe.
- Buchstabieren Sie so ein Wort mit fünf Buchstaben und stoppen Sie die Zeit.
- Tauschen Sie die Rollen und machen Sie es noch einmal, diesmal mit Partner-Scanning: Sie sagen Reihen und Spalten an, Ihr Gegenüber blinzelt an der richtigen Stelle.
- Sprechen Sie danach über zwei Fragen: Wie oft haben Sie geraten statt gewartet? Und wie hätten Sie widersprochen, wenn Ihr Gegenüber falsch abgelesen hätte?
Malen Sie Buchstaben auf eine durchsichtige Folie.
Halten Sie die Folie zwischen sich und eine andere Person.
Die Person schaut einen Buchstaben an.
Sie lesen ab, wohin die Augen schauen.
So kann man ohne Hände sprechen.
Zum Nachdenken: Was ist beim Partner-Scanning die wichtigste Aufgabe des Gegenübers?
Bitte wählen Sie zuerst eine Antwort.
Genau. Ohne funktionierenden Nein-Weg ist jede Bestätigung wertlos: Wer nur zustimmt, weil das schneller geht, hat nichts gesagt.
Tempo hilft hier nicht. Wer zu schnell ansagt, überspringt das Signal — und die Person muss von vorn anfangen.
Das ist Raten, und Raten beendet die entstehende Äußerung. Die erwartungsvolle Pause aus dem ersten Kurs gilt auf Papier genauso.
Wenn das Sehen anders arbeitet
Es gibt eine Beobachtung, die Fachkräfte regelmäßig ratlos macht: Ein Kind bekommt eine liebevoll gestaltete, bunte, reich bebilderte Tafel — und schaut daran vorbei. Nicht ablehnend, sondern durch sie hindurch. Abends, müde, im Halbdunkel, ein einzelner roter Becher: plötzlich ein langer, gezielter Blick. Was hier nicht mitkommt, ist nicht das Auge, sondern die Verarbeitung dahinter. CVI — zerebrale Sehbeeinträchtigung — ist eine Störung der visuellen Verarbeitung im Gehirn; die Bilder kommen an, aber das Gehirn kann sie nicht zuverlässig zu Bedeutung machen. Nach dem klinischen Bericht der amerikanischen Kinderärzte-Akademie von 2024 ist CVI eine führende Ursache kindlicher Sehbeeinträchtigung in Ländern mit entwickelten Gesundheitssystemen — also genau in der Gruppe, für die unsere Tafeln gebaut werden.
Übersehen wird das aus zwei Gründen: weil die augenärztliche Untersuchung das Auge prüft und nicht die Verarbeitung, und weil die Leistung schwankt — mit der Komplexität des Bildes, mit Müdigkeit, mit Vertrautheit, mit der Umgebung. Was gestern ging, geht heute nicht, und das wird dann als Verweigerung oder als kognitive Grenze gelesen. Die wichtigste Haltungsänderung ist deshalb dieselbe wie überall: Wer nicht reagiert, hat nicht nichts verstanden — vielleicht hat er nichts erkennen können. Das einflussreichste Arbeitsmodell stammt von Christine Roman-Lantzy: zehn charakteristische Merkmale, darunter eine ausgeprägte Farbvorliebe (oft ein sattes Rot oder Gelb), ein Bedürfnis nach Bewegung, eine deutliche visuelle Latenz (die Antwort kommt, aber Sekunden später) und große Mühe mit Komplexität — und drei Phasen. Die Einschätzung mit dem Instrument CVI Range gehört in geschulte Hände; für die Gestaltung genügt zu wissen, dass es diese Phasen gibt.
Die Gestaltungsregeln lassen sich unmittelbar auf Papier übertragen. In der ersten Phase geht es darum, den Blick überhaupt zu wecken: ein einziges Ziel, ein bis zwei satte Farben, darunter die bevorzugte, ruhiger einfarbiger oder schwarzer Grund, viel Zeit — und reale Gegenstände schlagen Bilder; Miniaturen und feine Strichzeichnungen sind hier Gift. In der zweiten Phase wird Sehen mit Funktion verbunden: wenige Felder, anfangs zwei bis vier, mit großen Abständen, Fotos realer und vertrauter Gegenstände statt abstrakter Symbole, das Wichtige durch die bevorzugte Farbe hervorgehoben. In der dritten Phase werden mehr Felder, mehr Farben, abstrakte Symbole und Schrift zugänglich — aber die Gesamtkomplexität bleibt der begrenzende Faktor, und das untere Gesichtsfeld bleibt häufig schwach: Wichtiges gehört nicht an den unteren Blattrand. Und: Die Phase ist kein Besitzstand, sondern eine Tagesform-Obergrenze — bei Müdigkeit gelten wieder die einfacheren Regeln. Der stärkste Verbündete des schwankenden Sehens ist übrigens das motorische Gedächtnis: feste Plätze, die die Bewegung kennt, wenn das Auge einen schlechten Tag hat.
Für die drei Rollen heißt das sehr Konkretes. Lehrkräfte in der Schule prüfen zuerst Licht und Sitzplatz: Ein Fenster hinter der Tafel blendet, eine volle Pinnwand dahinter macht das Blatt unlesbar, und die wichtigsten Felder gehören nicht an den unteren Blattrand. Dazu die Unterrichtsregel, die am meisten Mühe macht: nicht gleichzeitig reden, während hingeschaut werden soll. Eltern und Familien zu Hause sorgen für den ruhigen Untergrund — die Tafel nicht auf die gemusterte Tischdecke, sondern auf ein einfarbiges dunkles Tuch, der Tisch ringsum abgeräumt — und wechseln abends, wenn die Müdigkeit kommt, auf die einfachere Fassung, statt auf Mitarbeit zu drängen. Assistenzkräfte unterwegs achten auf Blendfreiheit: mattes statt glänzendes Laminat, gutes Licht auf das Blatt statt ins Gesicht, im Bus oder im Wartezimmer notfalls ein dunkles Tuch aus der Tasche als Unterlage. Und alle drei warten nach jeder Frage deutlich länger als gewohnt, weil die Antwort bei visueller Latenz erst Sekunden später kommt — die Wartezeit-Regel aus dem ersten Kurs gilt hier verschärft: Zögern ist Teil des Sehens, nicht Trödelei.
Manche Menschen sehen mit den Augen gut.
Aber das Gehirn kann die Bilder schwer erkennen.
Dann helfen wenige Bilder auf einem Blatt.
Und ein ruhiger, dunkler Hintergrund.
Und viel Zeit zum Hinschauen.
Zum Nachlesen
Die Übung: Die Tafel auf schwarzem Tuch
Zwei Fassungen derselben Tafel, zwei Untergründe — und ein Unterschied, den Sie selbst sehen können.
- Legen Sie eine gewohnte, gut gefüllte Tafel auf eine gemusterte Tischdecke, dazu die üblichen Dinge ringsum: Becher, Stifte, Papierstapel. Fotografieren Sie das Ganze.
- Bauen Sie eine zweite Fassung: nur vier Felder, große Abstände, ein einfarbig dunkles Tuch als Unterlage, alles andere vom Tisch geräumt. Fotografieren Sie auch das.
- Sehen Sie sich beide Fotos auf dem Handy an, verkleinert und mit zusammengekniffenen Augen. Welches Blatt finden Sie schneller?
- Bieten Sie beide Fassungen an verschiedenen Tageszeiten an — einmal morgens, einmal am späten Nachmittag — und notieren Sie, wie lange es jeweils bis zum ersten Hinschauen dauert. Zählen Sie dabei innerlich mit.
- Halten Sie fest, was Sie herausgefunden haben, und geben Sie es an alle weiter, die mit dieser Person arbeiten. Beobachtungen dieser Art sind wertlos, wenn sie in einem Kopf bleiben.
Legen Sie eine volle Tafel auf einen bunten Tisch.
Legen Sie eine kleine Tafel auf ein schwarzes Tuch.
Schauen Sie sich beide an.
Welche ist leichter zu sehen?
Zeigen Sie das Ergebnis den anderen im Team.
Zum Nachdenken: Ein Kind reagiert an manchen Tagen auf seine Tafel und an anderen gar nicht. Was liegt am nächsten?
Bitte wählen Sie zuerst eine Antwort.
Genau. Und praktisch folgt daraus: An müden Tagen gelten wieder die einfacheren Regeln — weniger Felder, ruhigerer Grund, mehr Zeit.
Diese Deutung liegt nahe und führt in die Irre. Schwankende Sehleistung ist ein Merkmal der Sache, keine Frage des Wollens.
Mehr Farben machen es meist schlimmer, denn Komplexität ist der begrenzende Faktor. Ein bis zwei satte Farben vor ruhigem Grund tragen weiter.
Modeling am Papier
Modeling heißt: Sie zeigen beim eigenen Sprechen die Schlüsselwörter auf dem System der Person mit. „Wir gehen jetzt raus“ — und der Finger tippt RAUS. Nicht jeder Satz, nicht jedes Wort: die tragenden ein bis zwei Wörter, im natürlichen Gesprächsfluss. Der Grund ist ein Missverhältnis, das man sich einmal klarmachen muss: Ein lautsprachlich aufwachsendes Kind hört Tausende von Stunden Sprache, bevor es das erste Wort sagt. Ein Kind mit Kommunikationssystem sieht sein System oft nur dann in Aktion, wenn es selbst etwas soll. Wir verlangen eine Sprache, die wir selbst nie benutzen. Die Urszene dazu stammt von Carol Goossens’ (1989): Ein sechsjähriges Mädchen mit schwerer Cerebralparese, ohne Lautsprache, in den Akten als geistig behindert geführt, bekam Symboltafeln — und die Erwachsenen zeigten beim Sprechen mit. Das Mädchen begann zu kommunizieren, und die alte Einschätzung erwies sich als falsch.
Für kaum eine Strategie unseres Feldes ist die Befundlage so einheitlich. Die Meta-Analyse von O’Neill, Light und Pope (2018) findet durchweg positive Effekte auf Verstehen und Ausdruck. Der Review von Sennott, Light und McNaughton (2016) — neun Einzelfallstudien mit 31 Teilnehmenden und siebzig Replikationen plus eine Gruppenstudie — zeigt Zugewinne quer durch die Sprachebenen. Und die systematische Übersicht von Biggs, Carter und Gilson (2018) mit 48 Studien und 267 Kindern und Jugendlichen bestätigt die Wirksamkeit über verschiedene Varianten hinweg. Zwei Lesehinweise, damit das nicht überdehnt wird: Die Basis sind überwiegend kleine, gut kontrollierte Einzelfallstudien, und Modeling kommt darin fast nie allein vor, sondern im Paket mit Wartezeit und responsivem Partnerverhalten. Die praktisch wichtigste Botschaft aber lautet: Die Wirksamkeit zeigt sich auf jedem Entwicklungsniveau. Man muss nichts können, um von Input zu profitieren — der Input ist ja gerade der Weg, auf dem das Können entsteht.
Das Handwerk passt auf eine Handkarte. Ein bis zwei Wörter über dem Niveau der Person, nicht fünf. Schlüsselwörter statt Sätze — gesprochen wird der ganze Satz, gezeigt werden die tragenden Wörter; wer alles tippen will, hält drei Tage durch. Im Alltag, an den Lieblingsthemen: Zehn beiläufige Modelle im Spiel schlagen fünfzig am Übungstisch. Ohne Antwortdruck, aber mit Fenstern — kein „Jetzt du“, wohl aber kurz innehalten und erwartungsvoll schauen. Fehlerfreundlich: Lautes Suchen („Wo ist denn … ah, da!“) ist selbst ein wertvolles Modell, denn die Person sieht, dass Suchen normal ist. Alle Wortarten, vor allem die kleinen Wörter. Und: Das System muss da sein. Papier hat hier einen eigenen Vorteil — die Tafel liegt zwischen beiden, beide schauen darauf, beide dürfen zeigen. Und wer am Papier modelliert, modelliert auch dann noch, wenn der Akku leer ist.
Ganz konkret: Lehrkräfte in der Schule legen die Kerntafel neben ihr eigenes Buch und tippt beim Sprechen mit — im Morgenkreis GUCKEN, beim Austeilen MEHR, am Stundenende FERTIG. Zwei Wörter pro Stunde genügen; wichtig ist, dass die Klasse es sieht, denn Mitschülerinnen und Mitschüler übernehmen es schneller als Erwachsene. Eltern zu Hause setzen an den drei Routinen an, die ohnehin täglich stattfinden — Essen, Anziehen, Zubettgehen —, und die Tafel liegt dabei nicht vor dem Kind, sondern zwischen beiden. Assistenzkräfte zeigen bei Pflege- und Wegesituationen mit, weil dort ohnehin gesprochen wird: „jetzt waschen“, „fertig“, „willst du es anders?“. Und es wird im Team verabredet, wer wann modelliert — denn Modeling scheitert an vier Hürden, und drei davon sind organisatorisch: Es fühlt sich anfangs albern an, die Erwartung erdrückt den Input, niemand fühlt sich zuständig, und es wird zu früh aufgegeben. Die Grundregel gegen alle vier lautet: viel mehr geben als verlangen. Der Kurs „Ein guter Gesprächspartner werden“ hat Modeling als Haltung eingeführt; hier wird daraus Handwerk am Material.
Benutzen Sie die Tafel selbst.
Sie sprechen und zeigen gleichzeitig.
Zum Beispiel: „Wir gehen raus“ — und Sie tippen auf RAUS.
Die Person muss nichts machen.
So lernt sie, wie man mit der Tafel spricht.
Zum Nachlesen
Die Übung: Ein Strich pro Modell
Modeling scheitert selten am Können und fast immer am Vergessen — deshalb wird hier gezählt statt vorgenommen.
- Kleben Sie einen Streifen Papier an den Rand der Tafel oder auf die Innenseite des Kommunikationsbuchs. Jedes Mal, wenn Sie beim Sprechen ein Wort mitgezeigt haben, machen Sie einen Strich.
- Wählen Sie drei Alltagsmomente, die ohnehin jeden Tag stattfinden — nicht drei Übungszeiten. Vorschlag: Essen, Anziehen, Verabschieden.
- Regel für diese Woche: kein einziges „Jetzt zeig du mal“. Sie zeigen, die Person schaut. Nach jedem Modell zwei, drei Sekunden innehalten und freundlich hinsehen, mehr nicht.
- Hängen Sie den Streifen so auf, dass alle ihn sehen — Familie, Klasse, Team. Andere machen mit, sobald sie merken, dass gezählt wird.
- Nach sieben Tagen zählen: Wie viele Striche? Und wie viele davon waren kleine Wörter wie mehr, nicht, auch, fertig, anders? Wenn fast nur Nomen dastehen, ist das der Auftrag für die zweite Woche.
Kleben Sie einen Zettel an die Tafel.
Zeigen Sie Wörter, während Sie sprechen.
Machen Sie jedes Mal einen Strich.
Die Person muss nichts tun.
Zählen Sie nach einer Woche die Striche.
Zum Nachdenken: Sie modellieren seit vier Wochen an der Papiertafel. Die Person hat noch kein einziges Wort selbst gezeigt. Was tun Sie?
Bitte wählen Sie zuerst eine Antwort.
Genau. Zu früh aufgeben ist eine der vier klassischen Hürden. Die Grundregel gegen alle vier lautet: viel mehr geben als verlangen.
Verständlich, aber genau das verwandelt Sprache zurück in eine Prüfung. Die Erwartung erdrückt den Input, den die Person gerade braucht.
Ein Umbau kostet die gelernten Plätze und löst das Problem nicht: Es fehlt hier nicht an Einfachheit, sondern an Wiederholungen.
Ihre Rückmeldung
Dieser Kurs lebt von den Menschen, die ihn benutzen. Anregungen und Verbesserungswünsche sind immer willkommen – was war unklar, was hat gefehlt, was hat in Ihrem Alltag nicht funktioniert? Schreiben Sie an lars.tiedemann@assistuk.net.
Wie fanden Sie den Kurs?
Schreiben Sie uns gerne.
Was war gut? Was war schwer?
Was hat gefehlt?
Die E-Mail-Adresse ist:
lars.tiedemann@assistuk.net
Zum Schluss
Wenn alle 8 Einheiten erledigt sind, können Sie eine Teilnahmebestätigung ausdrucken. Der Name wird nur in das Papier gedruckt – er wird nirgends gespeichert und nicht übertragen.
Sind alle Einheiten fertig?
Dann können Sie ein Blatt Papier ausdrucken.
Ihr Name kommt nur auf das Papier.
Wir speichern den Namen nicht.
Die Bestätigung wird möglich, sobald alle Einheiten erledigt sind.
Teilnahmebestätigung
- Was ein Symbol können muss
- Die Wörter, die fast alles sagen
- Die persönlichen Wörter
- Warum nichts verrutschen darf
- Tafeln, Bücher, Ordner
- Zeigen ohne Zeigefinger
- Wenn das Sehen anders arbeitet
- Modeling am Papier
Diese Bestätigung hält fest, welche Lerneinheiten bearbeitet wurden.
ASSISTUK Lars Tiedemann · Lise-Meitner-Straße 14 · 79100 Freiburg · assistuk.net