Aktivitäten
Selbst aktiv sein – mit Unterstützung, die es möglich macht
Andere Länder haben andere Gesetze.
Das Recht auf Teilhabe gilt überall.
Aktiv sein heißt selbst tun
Einkaufen, kochen, spielen, Musik machen, einen Ausflug planen, einen Vortrag halten: Aktivitäten sind das Material, aus dem ein eigenes Leben besteht. Bei hohem Unterstützungsbedarf werden genau diese Dinge oft für einen Menschen erledigt – gut gemeint, schnell gemacht, und am Ende war er dabei, aber nicht beteiligt.
Selbstbestimmt aktiv sein heißt nicht, alles mit den eigenen Händen zu tun. Es heißt: Die Person entscheidet, wählt aus, steuert und führt aus, was ihr möglich ist – und die Unterstützung übernimmt genau das, was fehlt. Nicht mehr. Für Menschen, die Unterstützte Kommunikation (UK) nutzen, kommt eine Bedingung dazu: Jede echte Beteiligung läuft über Kommunikation – auswählen, kommentieren, um Hilfe bitten, Nein sagen. Ohne die Worte dazu wird aus der Aktivität Betreuung.
Aktivitäten sind: einkaufen, kochen, spielen, Musik machen.
Aktiv sein heißt: Ich mache selbst.
Ich muss nicht alles mit den Händen machen.
Aber ich entscheide und ich wähle aus.
Dafür brauche ich meine Wörter.
Zum Beispiel auf meinem Sprech-Computer.
Was die ICF dazu sagt: Die Leistung zählt
In der ICF, dem Modell der Weltgesundheitsorganisation, sind Aktivitäten ein eigener Baustein: das Durchführen von Handlungen. Und die ICF unterscheidet dabei zwei Blickwinkel: die Leistungsfähigkeit (was jemand ohne Hilfe kann) und die Leistung (was jemand im echten Alltag tut – mit Hilfsmitteln, mit Kommunikationshilfe, mit Assistenz).
Für den Alltag zählt die Leistung. Das ist keine Nebensache, sondern ein Programm: Ob ein Mensch aktiv sein kann, entscheidet sich nicht an seiner Beeinträchtigung, sondern an der Ausstattung der Situation – am Zugang, am Vokabular, an der Assistenz, an der Umgebung. Genau diese Bedingungen zählt die ICF zu den Umweltfaktoren: Sie können Förderfaktoren sein oder Barrieren. Eine qualifizierte Assistenz ist einer der stärksten Förderfaktoren, die es gibt.
Die ICF ist ein Modell von der Welt-Gesundheits-Organisation.
Die ICF fragt: Was tut ein Mensch in seinem Alltag?
Mit seinen Hilfen. Mit seiner Assistenz.
Das nennt man: Leistung.
Gute Hilfen und gute Assistenz machen viel möglich.
Was notwendig ist
Damit eine Aktivität bei hohem Unterstützungsbedarf und Unterstützter Kommunikation selbstbestimmt gelingen kann, müssen sechs Dinge zusammenkommen:
- Ein eingerichteter Zugang. Die Ansteuerung (Auge, Finger, Taster, Bewegung) funktioniert in dieser Situation – auch unterwegs, auch im Stehen des Rollstuhls am Marktstand, auch bei Sonne auf dem Bildschirm.
- Die Wörter zur Aktivität. Kernwörter („ich“, „will“, „nicht“, „mehr“, „fertig“) plus das Themenvokabular – die Äpfel, das Spiel, die Farben. Es wird vor der Aktivität eingepflegt, nicht währenddessen improvisiert.
- Zeit. Eine Äußerung über ein Kommunikationsgerät dauert länger als Lautsprache. Eine Aktivität, die auf Effizienz getaktet ist, lässt keine Beteiligung zu.
- Qualifizierte Assistenz. Ein Mensch, der beides beherrscht: die Aktivität begleiten und die Kommunikation ermöglichen – dazu gleich mehr.
- Eine zugängliche Situation. Erreichbare Regale, ein Platz am Tisch statt daneben, Material in Reichweite oder in Blickhöhe.
- Eine echte Entscheidung davor. Die Person hat die Aktivität gewählt – aus akzeptablen Alternativen, mit der Möglichkeit, Nein zu sagen (siehe Selbstbestimmung).
Für eine gute Aktivität braucht es:
Die Steuerung für das Gerät muss funktionieren.
Die richtigen Wörter müssen im Gerät sein.
Es braucht genug Zeit.
Es braucht eine gute Assistenz.
Alles muss gut erreichbar sein.
Und: Die Person hat die Aktivität selbst gewählt.
Qualifizierte Assistenz: was sie leisten muss
Der Begriff ist nicht zufällig gewählt: Das Gesetz kennt Assistenzleistungen als eigene Leistung der Eingliederungshilfe (§ 78 SGB IX) – und unterscheidet dabei die vollständige oder teilweise Übernahme von Handlungen von der qualifizierten Assistenz: Sie leitet an und übt mit dem Ziel, die eigene Handlungsfähigkeit der Person zu stärken – sie befähigt, statt nur zu übernehmen. Für Aktivitäten mit Unterstützter Kommunikation braucht es oft beides, in wechselnden Anteilen – und immer eine Assistenz, die UK wirklich beherrscht. Konkret heißt das:
- Kommunikation vorbereiten: Vor der Aktivität das Themenvokabular einpflegen (die Einkaufsliste, die Spielzüge, die Farben), das Gerät laden, die Halterung montieren.
- Kommunikation ermöglichen: Selbst auf dem Gerät mitzeigen (Modellieren), warten können, echte Fragen stellen statt abzufragen – und die Pause aushalten, bis die Antwort fertig ist.
- Vorschläge anbieten, Entscheidung lassen: Bei unklaren Äußerungen Deutungen anbieten („Meinst du …?“) und die Person bestätigen oder verwerfen lassen – nie ohne Auftrag dolmetschen oder Äußerungen vollenden.
- Das Nein respektieren: Auch mitten in der Aktivität. Ein „fertig“ oder „anders“ ist eine Entscheidung, kein Störsignal.
- Die Technik beherrschen: Ansteuerung einrichten und nachjustieren, Positionierung anpassen, typische Störungen beheben – ohne dass die Aktivität daran endet.
- Die Aktivität zugänglich machen: Handgriffe übernehmen, die die Person nicht übernehmen kann – und keinen einzigen mehr. Material anreichen, Schritte sichtbar machen, das Tempo der Person halten.
- Übergeben können: Festhalten, was funktioniert hat (welches Vokabular, welche Haltung des Geräts, welche Hilfen), damit die nächste Assistenz anschließen kann statt von vorn zu beginnen.
Über Art und Umfang von Assistenzleistungen entscheidet der Träger der Eingliederungshilfe im Gesamtplanverfahren – gemeinsam mit der Person. Fachlich gilt: Je höher der Unterstützungsbedarf, desto höher die Anforderung an die Assistenz – nicht umgekehrt.
Assistenz steht im Gesetz.
Qualifizierte Assistenz heißt: Die Assistenz kann viel.
Sie hilft so, dass ich selbst handeln kann.
Eine gute Assistenz:
Macht vorher die richtigen Wörter in mein Gerät.
Zeigt selbst auf meinem Gerät.
Wartet auf meine Antwort.
Spricht nicht für mich ohne meinen Auftrag.
Hört auf mein Nein.
Kennt sich mit der Technik aus.
Hilft nur da, wo ich Hilfe brauche.
Drei Beispiele aus dem Alltag
Einkaufen. Vorher: Die Einkaufsliste entsteht am Gerät – die Person wählt aus, die Assistenz pflegt fehlende Wörter ein. Im Laden: Die Person entscheidet am Regal („die roten“), bezahlt so weit möglich selbst, spricht an der Kasse über das Gerät – die Assistenz hält den Korb, räumt auf Anweisung ein und wartet, wenn die Kassiererin direkt mit der Person spricht, statt für sie zu antworten.
Gemeinsam spielen. Vorher: Spielkommentare und Spielzüge liegen im Gerät (dafür sind unsere Interaktionsseitensets gebaut). Im Spiel: Die Person sagt an, kommentiert, mogelt, gewinnt und verliert selbst – die Assistenz ist Mitspielerin, führt Spielzüge auf Anweisung aus und lässt Pausen zu, in denen die nächste Äußerung entsteht.
Einen Vortrag halten. Vorher: Die Person sammelt Stichworte, sortiert und bewertet die Inhalte – die Assistenz baut daraus mit ihr den Text, die Person prüft und verbessert jede Passage. Beim Vortrag: Das Gerät spricht Abschnitt für Abschnitt auf Auslösung der Person – die Assistenz sichert Technik und Ablauf und bleibt inhaltlich unsichtbar. Der Applaus gilt der Vortragenden.
Beispiel Einkaufen:
Ich wähle die Sachen aus. Ich spreche an der Kasse.
Die Assistenz trägt den Korb.
Beispiel Spielen:
Ich sage meine Spielzüge an.
Die Assistenz spielt mit und wartet auf mich.
Beispiel Vortrag:
Es ist mein Text. Ich löse jeden Abschnitt aus.
Die Assistenz kümmert sich um die Technik.
Woran man qualifizierte Assistenz erkennt
Eine kurze Prüfliste für den Alltag – gute Assistenz erkennt man daran, dass sie …
- die Person fragt – nicht die Begleitung, nicht die Familie, nicht über den Kopf hinweg,
- nach einer Frage schweigen kann, bis die Antwort über das Gerät fertig ist,
- selbst auf dem Gerät zeigt, statt es nur hinzuhalten,
- die Ansteuerung der Person kennt und einrichten kann,
- vor der Aktivität an das Vokabular denkt – und hinterher festhält, was gefehlt hat,
- ein Nein umsetzt, ohne es wegzudiskutieren,
- und im Zweifel weniger tut – damit die Person mehr tut.
Das ist lernbar. Grundlagen vermitteln unsere Seite Guter Gesprächspartner, die App PartnerTo (acht Bausteine zum Üben) und die geführten Kurse zu unseren Vokabularen. Anerkannte Fortbildungen zur Unterstützten Kommunikation bietet die Gesellschaft für Unterstützte Kommunikation.
Gute Assistenz erkennen Sie so:
Sie fragt mich. Nicht die anderen.
Sie wartet auf meine Antwort.
Sie zeigt selbst auf meinem Gerät.
Sie hört auf mein Nein.
Sie hilft nicht zu viel.
Das kann man lernen.
Zum Beispiel mit der App PartnerTo.
Und mit unseren Kursen.
Verwandte Grundlagen
- Selbstbestimmung – aus echten Alternativen wählen
- Teilhabe – dazugehören statt nur dabei sein
- ICF – das Modell hinter Aktivität und Leistung
- Assistenz – unterstützen, ohne zu bevormunden
- Guter Gesprächspartner – warten, modellieren, echte Fragen
Lesen Sie auch:
Selbstbestimmung. Teilhabe. ICF. Assistenz.
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Zum Vertiefen als Grundlagentexte: „Die gemeinsame Sprache der Teilhabe“ (PDF) zur ICF und ihren Umweltfaktoren – und „Förderliches Gesprächsverhalten“ (PDF) zu den Partnerstrategien, die qualifizierte Assistenz ausmachen. Weitere Texte unter Downloads → Grundlagentexte.
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