Einschätzen und planen
Acht Einheiten über Einschätzung und Beobachtung: wie man ohne Normtests herausfindet, was gelingt — und daraus Ziele macht, die alle im Alltag erkennen können.
Andere Länder haben andere Gesetze.
Das Recht auf Teilhabe gilt überall.
Worum es geht
Für Assistenzkräfte, Eltern und Familien, Lehrkräfte sowie pädagogische und therapeutische Fachkräfte, die beobachten, einschätzen, planen und dokumentieren. Kein Vorwissen nötig, kein Gerät nötig — dies ist die letzte Lerneinheit des Lernpfads vor der Abschlussprüfung.
Jede der 8 Einheiten hat denselben Aufbau: erst das Wissen, dann eine Übung am eigenen Gerät, dann eine Frage zum Nachdenken. Die Frage wird nicht benotet und lässt sich beliebig oft wiederholen – sie soll zeigen, ob etwas angekommen ist, nicht, wer den Kurs macht.
Etwa zwei Stunden, aufteilbar. Der Stand bleibt auf diesem Gerät gespeichert. Es gibt keine Anmeldung und kein Konto. Der Stand steht ausschließlich in diesem Browser; er verschwindet, wenn Sie die Browserdaten löschen, und wandert nicht auf ein anderes Gerät.
Am Ende können Sie eine Teilnahmebestätigung ausdrucken. Sie hält fest, welche Lerneinheiten Sie bearbeitet haben.
Alles hier steht auch ohne Kurs offen: Grundlagentext: Beobachten statt testen, die Themen mit Video und die Themenseite: Guter Gesprächspartner.
In diesem Kurs geht es ums Hinschauen.
Sie lernen: Wie finde ich heraus, was ein Mensch kann?
Tests sind dafür oft nicht gut geeignet.
Besser ist: gut beobachten und kurz aufschreiben.
Dann wissen alle, was als Nächstes dran ist.
Der Kurs hat 8 Einheiten.
In jeder Einheit gibt es: Wissen, eine Übung und eine Frage.
Die Frage wird nicht benotet.
Sie brauchen kein Konto. Sie müssen sich nicht anmelden.
Am Ende können Sie ein Blatt Papier ausdrucken.
Darauf steht: Das habe ich gelernt.
Das Blatt ist kein Zeugnis.
Warum Normtests hier scheitern
In vielen Akten steht ein Wort, das ganze Biografien geprägt hat: nicht testbar. Gemeint ist meistens: Das Kind hat nicht auf die Karten gezeigt, die Aufgaben nicht bearbeitet, die Mitarbeit „verweigert“. Geschlossen wird daraus ein sehr niedriges Fähigkeitsniveau — und auf dieser Grundlage werden Schullaufbahnen, Vokabulargrößen und Zutrauen bemessen. Dabei beschreibt „nicht testbar“ gar nicht den Menschen. Es beschreibt die Begegnung zwischen jemandem, dessen Ausdruckswege blockiert sind, und einem Verfahren, das genau diese Ausdruckswege voraussetzt. In der Unterstützten Kommunikation (UK) misst ein solcher Test keine Kompetenz, sondern Zugänglichkeit — und die ist keine Eigenschaft der Person, sondern der Situation.
Normierte Tests beruhen auf drei Annahmen, und bei Menschen mit komplexen Kommunikationsbedürfnissen bricht jede einzelne. Erstens muss die Antwort den Kopf verlassen können — Zeigen, Sprechen, Hantieren, und zwar in Normzeit; wer motorisch nicht zeigen oder nur verzögert reagieren kann, „versagt“ unabhängig davon, was er weiß. Zweitens muss die Normstichprobe die Person enthalten — Menschen, die mit Augensteuerung antworten, mit Symbolen sprechen, mit Assistenz leben, waren in keiner Eichstichprobe. Drittens muss die Testsituation die Fähigkeit hervorlocken — fremder Raum, fremde Person, sinnfreie Aufgaben, Zeitdruck sind für diese Zielgruppe die denkbar ungünstigste Bedingung.
Die Folge ist keine zufällige Streuung, sondern ein systematischer Fehler in eine Richtung: nach unten. Jeder der drei Brüche drückt das Ergebnis, keiner hebt es. Wer das weiß, liest Berichte über nicht sprechende Menschen anders — als Untergrenze mit unbekanntem Abstand zur Wahrheit. Daraus folgt die Regel, die diesen ganzen Kurs trägt: Im Zweifel spricht die Einschätzung für die Person, nicht gegen sie. Das ist dieselbe Logik der am wenigsten gefährlichen Annahme, die Sie im Kurs „Ein guter Gesprächspartner werden“ als Haltungsfrage kennengelernt haben — hier angewendet auf Zahlen und Berichte statt auf Gespräche.
Für Ihre Praxis heißt das drei Handgriffe, keine Gesinnung. Sie wechseln die Frage: nicht „Wo steht sie im Vergleich zu anderen?“, sondern „Was gelingt unter welchen Bedingungen — und was wäre der nächste Schritt?“. Sie schreiben die Bedingungen mit: Tageszeit, Zugangsweg, wer dabei war, wie lange gewartet wurde — eine Zahl ohne Bedingungen ist keine Information. Und Sie vergleichen die Person nur mit sich selbst über die Zeit. Deshalb sprechen wir durchgehend von Einschätzung und Beobachtung: Kein Vorgehen in diesem Kurs ist ein normiertes Testverfahren, keines liefert Prozentränge oder Altersvergleiche, und keines behauptet es.
Manche Tests passen nicht für alle Menschen.
Wer nicht zeigen kann, wirkt im Test schwach.
Dann misst der Test aber nur den Test.
Fragen Sie lieber: Was klappt? Und wann klappt es?
Schreiben Sie auf, wie es dabei war.
Zum Nachlesen
Die Übung: Die Prüfung, die Sie nicht bestehen
Der systematische Fehler nach unten lässt sich in fünf Minuten am eigenen Leib erleben. Suchen Sie sich eine zweite Person.
- Schreiben Sie das Alphabet in großen Druckbuchstaben auf ein Blatt Papier. Das ist ab jetzt Ihr einziger Ausdrucksweg.
- Die andere Person stellt Ihnen zehn ganz einfache Wissensfragen — Hauptstädte, Wochentage, Farben. Sie antworten ausschließlich, indem Sie die Antwort Buchstabe für Buchstabe zeigen. Pro Frage gibt es fünf Sekunden.
- Zählen Sie hinterher zwei Zahlen aus: Wie viele Antworten wären als „richtig“ gewertet worden? Und wie viele wussten Sie tatsächlich?
- Die Differenz zwischen beiden Zahlen ist der systematische Fehler. Genau er steckt in Berichten über nicht sprechende Menschen — immer in dieselbe Richtung.
- Wiederholen Sie eine einzige Frage ohne Zeitlimit und mit einer vertrauten Person. Notieren Sie, was sich ändert. Das ist die Bedingung, die ein Normtest wegstandardisiert — und die für die Planung die wichtigste ist.
Schreiben Sie das ABC auf ein Blatt.
Jemand stellt Ihnen zehn leichte Fragen.
Sie zeigen die Antwort Buchstabe für Buchstabe.
Sie haben nur fünf Sekunden pro Frage.
Wie viel wussten Sie? Wie viel konnten Sie zeigen?
Zum Nachdenken: Was beschreibt der Vermerk „nicht testbar“ in einem Bericht?
Bitte wählen Sie zuerst eine Antwort.
Genau. Gemessen wird hier Zugänglichkeit, nicht Kompetenz — und weil alle drei Testannahmen brechen, zeigt der Fehler immer nach unten, nie nach oben.
So wird es oft gelesen, und genau das ist der Kurzschluss. Der Test setzt Zeigen, Sprechen und Normzeit voraus — fehlt einer dieser Wege, sagt das Ergebnis nichts über das Wissen der Person.
Mitarbeit ist selten die Ursache. Fremder Raum, fremde Person, Zeitdruck und ein vorgeschriebener Antwortweg erzeugen dieses Ergebnis auch bei bester Motivation.
Beobachtung, die den Namen verdient
„Wir beobachten erst mal“ kann auch eine höfliche Form des Nichtstuns sein. Beobachtung, die den Namen verdient, hat drei Merkmale. Sie ist situiert: Beobachtet wird da, wo die Person lebt und mag — im Spiel, beim Essen, im Streit. Nicht weil das netter ist, sondern weil Kompetenz kontextgebunden ist: Die interessanteste Frage ist fast immer, wo etwas gelingt und wo nicht. Die reizarme Sondersituation ist die Testsituation aus Einheit 1 — und liefert genau deren Fehler.
Sie ist verschriftlicht. Datum, Situation, Signal, Reaktion, Bedingung — kurz, aber schriftlich und sofort. Das Gedächtnis glättet: Was am Abend erinnert wird, ist schon zurechtgelegt. Die Notiz dagegen bewahrt die Ausreißer — und die Ausreißer nach oben sind die wichtigsten Daten der ganzen Einschätzung, weil sie zeigen, was unter günstigen Bedingungen möglich ist. Ein einziges Blatt mit fünf Spalten genügt; ein Ordner voller Bögen ohne einen einzigen Ausreißer ist wertlos.
Sie mündet in eine Hypothese. Gute Beobachtung endet nicht mit „wir beobachten weiter“, sondern mit einem prüfbaren Satz: Wenn wir die Wartezeit verdoppeln, steigt die Trefferquote. Dann wird die Bedingung geändert und erneut beobachtet — und aus Beobachtung wird dynamisches Einschätzen: anbieten, kurz etwas zeigen oder helfen, wieder anbieten. Gemessen wird die Veränderung, nicht der Ist-Bestand (Snell 2002). Das ist zugleich die Brücke zum Kurs „Ein guter Gesprächspartner werden“: Wartezeit ist die am leichtesten veränderbare Bedingung überhaupt — und sie ist mit einer Stoppuhr messbar.
Beobachtung verteilt sich, und sie verteilt sich ungleich — deshalb lohnt es sich, die Rollen ausdrücklich zu klären. In der Assistenz entstehen die Daten, an die sonst niemand kommt: Morgenroutine, Pflege, Wege, Müdigkeit am Nachmittag; hier gehört ein Satz in die Schicht, nicht in die Erinnerung. Zu Hause sehen Eltern und Geschwister die Ausreißer nach oben — das Wort, das nur beim Lieblingsspiel kommt, den Protest beim Anziehen. Das ist keine „subjektive Elternsicht“, sondern oft die einzige Stelle, an der eine Kompetenz überhaupt auftaucht, und es gehört mit Datum aufgeschrieben. In der Schule sehen Lehrkräfte, was unter Anforderung, in der Gruppe und mit Gleichaltrigen passiert — die Peer-Situation, die im Wohnzimmer nie vorkommt. Therapeutische Fachkräfte steuern die geplante Variation bei: dieselbe Aufgabe unter veränderten Bedingungen. Verabreden Sie, wer welchen Ausschnitt liefert, sonst beobachten alle dasselbe und niemand das Entscheidende.
Beobachten heißt nicht: abwarten.
Schauen Sie da hin, wo die Person gern ist.
Schreiben Sie sofort auf, was passiert ist.
Schreiben Sie dazu: Wann? Wo? Mit wem?
Dann fragen Sie: Was probieren wir als Nächstes?
Zum Nachlesen
Die Übung: Die fünf Spalten
Beobachtung wird erst dann zur Einschätzung, wenn sie auf Papier steht. Fünf Spalten genügen — und zwei Wochen.
- Ziehen Sie auf ein einziges Blatt fünf Spalten: Datum, Situation, Signal, Reaktion des Umfelds, Bedingung (Tageszeit, Wartezeit, wer dabei war).
- Verteilen Sie die Ausschnitte namentlich: die Assistenz übernimmt Morgen, Pflege und Wege; die Familie das Wochenende und die Lieblingssituationen; die Lehrkraft eine Unterrichtsstunde und eine Pause. Ein Blatt, mehrere Hände, ein Aufbewahrungsort.
- Zwei Wochen lang wird jeder Eintrag sofort notiert, in einem Satz und ohne Deutung. „War frustriert“ ist eine Deutung; „schob den Teller weg“ ist eine Beobachtung.
- Markieren Sie danach alle Ausreißer nach oben — die Momente, in denen mehr gelang als sonst. Das sind die wichtigsten Zeilen des ganzen Blattes; lesen Sie nur deren Bedingungsspalte am Stück.
- Schreiben Sie zum Schluss einen einzigen Satz, der mit „Wenn wir …“ beginnt und mit „… dann …“ weitergeht. Das ist Ihre Hypothese für die nächsten zwei Wochen — und die Bedingung, die Sie jetzt bewusst ändern.
Machen Sie eine Tabelle mit fünf Spalten.
Schreiben Sie auf: Wann, wo, was war, wer war dabei.
Schreiben Sie sofort. Nicht erst am Abend.
Suchen Sie die guten Momente heraus.
Fragen Sie: Was machen wir jetzt anders?
Zum Nachdenken: Was macht aus „wir beobachten mal“ eine Beobachtung, die den Namen verdient?
Bitte wählen Sie zuerst eine Antwort.
Genau. Und der Kreis schließt sich, wenn Sie die Bedingung dann wirklich ändern und erneut beobachten — daraus wird dynamisches Einschätzen.
Dauer allein glättet nur. Ohne Notiz und ohne Hypothese entsteht aus zwei Monaten Beobachtung kein einziger nächster Schritt.
Das ist die Testsituation, nicht der Alltag — und sie erzeugt genau den Fehler aus Einheit 1. Beobachtet wird da, wo die Person lebt und mag.
Erst die Frage, dann das Werkzeug
Das deutschsprachige Feld hat ein erfreuliches Problem: zu viele Instrumente statt zu wenige — Einschätzbögen, Checklisten, Beobachtungsraster, Kartensets. Daraus entstehen zwei typische Fehler. Das Lieblingsinstrument: eines für alles, weil man es kennt. Und die Instrumentensammlung: fünf Bögen ausgefüllt, keine Entscheidung getroffen. Beiden liegt derselbe Denkfehler zugrunde — das Werkzeug wurde vor der Frage gewählt. Die Regel lautet deshalb ausnahmslos: erst die Frage, dann das Werkzeug.
Vor jedem einzelnen Instrument steht der Rahmen, und der ist seit dreißig Jahren das Partizipationsmodell (Beukelman und Mirenda; im deutschsprachigen Raum vor allem durch Lage und Antener eingeführt). Es dreht die Blickrichtung um: Ausgangspunkt ist nicht das Defizit, sondern die Teilhabe — woran nehmen Gleichaltrige teil, woran diese Person, und was erklärt die Lücke? Die Erklärung sortiert es in Gelegenheitsbarrieren (Regeln, Routinen, Einstellungen, Wissen und Können des Umfelds) und Zugangsbarrieren (Passung zwischen Person und Kommunikationsweg). Daraus folgt die Vorfrage jeder Werkzeugwahl: Sitzt das Problem überhaupt in der Person — oder im Umfeld? Erstaunlich oft lautet die ehrliche Antwort: im Umfeld. Dann ist das passende Werkzeug keine Checkliste über den Menschen, sondern ein Blick auf das eigene Gesprächsverhalten.
Vier Fragen, vier Sorten Landkarten. Wo auf dem Entwicklungsweg steht die Person? — die Einschätzstufen nach Irene Leber mit unmittelbar gekoppelten Förderideen, die Communication Matrix für die feine Rasterung der frühen Ebenen, und Triple C ausdrücklich für Erwachsene mit schweren Beeinträchtigungen; wer für einen 45-jährigen Mann eine Kinder-Landkarte ausfüllt, bekommt schiefe Ergebnisse und die falsche Haltung ins Team. Was versteht die Person? — symbolgestützte Verstehens-Proben wie Tipp mal, der TASP für Symbolgröße, Felderzahl und Satzbau, dazu die unspektakulärste Methode überhaupt: der Auftrag im Alltag ohne Blickhinweis. Wie läuft die Interaktion? — die Videoanalyse aus dem COCP-Programm, die nicht die Person untersucht, sondern das Gespräch; ihr Ergebnis ist regelmäßig heilsam, weil das Umfeld auf Video die Drei-Sekunden-Pause sieht, die sich wie zehn anfühlte. Was braucht die Versorgung konkret? — integrierte Bogenwerke als Steinbruch, das DAGG-3 für Ziele und Verlauf, und bei Augensteuerung die dokumentierten Eckwerte: Kalibrierqualität, nutzbarer Bildschirmbereich, stabile Verweilzeit, Feldgröße und Felderzahl.
Drei Regeln für die Auswahl — und eine Warnung. Passung vor Prestige: Kein Instrument deckt alles ab; wer eines für alles benutzt, benutzt es für das meiste falsch. Der Baukasten ist erlaubt: eine Landkarte für den Stand, eine Verstehens-Probe, eine Videosequenz fürs Umfeld, gezielte Teilbögen für die offenen Flanken — solange dokumentiert ist, was woher stammt. Redlichkeit im Bericht: Jedes Ergebnis trägt seine Bedingungen mit sich, und der Satz „ist nicht in der Lage“ hat in einem Einschätzbericht nichts verloren; „zeigte unter diesen Bedingungen nicht“ ist keine Kosmetik, sondern Präzision. Die Warnung zum Schluss: Keine dieser Landkarten ist ein Messgerät. Sie liefern keine Normwerte und keine Altersvergleiche. Sie machen Beobachtung besprechbar, vergleichbar und vollständig — ersetzen können sie sie nie.
Es gibt sehr viele Bögen und Listen.
Erst die Frage. Dann das Werkzeug.
Manche zeigen: Wo steht die Person gerade?
Manche zeigen: Wie reden wir mit ihr?
Kein Bogen ersetzt das Hinschauen.
Zum Nachlesen
Die Übung: Die Frage vor dem Bogen
Nehmen Sie einen konkreten Menschen, den Sie begleiten — und drehen Sie die übliche Reihenfolge einmal bewusst um.
- Schreiben Sie auf einen Zettel die eine Frage, die Sie bei diesem Menschen gerade wirklich beschäftigt. Ein Satz mit Fragezeichen, nicht mehr.
- Ordnen Sie die Frage einer von vier Sorten zu: Wo steht die Person? Was versteht sie? Wie läuft die Interaktion? Was braucht die Versorgung konkret?
- Stellen Sie jetzt die Vorfrage aus dem Partizipationsmodell und antworten Sie ehrlich: Sitzt das Hindernis in der Person — oder in Regeln, Routinen, Wissen und Können des Umfelds?
- Wenn die Antwort „im Umfeld“ lautet, beobachten Sie zuerst sich selbst: Nehmen Sie zwei Minuten Ihres nächsten Gesprächs mit dem Handy auf und zählen Sie, wer wie oft dran war.
- Erst danach wählen Sie ein Werkzeug — und schreiben dazu, wer es bis wann anwendet. Ein Bogen ohne Namen und Datum wird nicht ausgefüllt.
Denken Sie an einen Menschen.
Schreiben Sie eine Frage auf.
Fragen Sie: Liegt es an der Person oder an uns?
Suchen Sie erst dann ein Werkzeug.
Sagen Sie: Wer macht das bis wann?
Zum Nachdenken: Ein Mensch in Ihrer Gruppe kommuniziert kaum von sich aus. Womit beginnen Sie?
Bitte wählen Sie zuerst eine Antwort.
Genau. Erstaunlich oft ist die ehrliche Antwort: im Umfeld. Dann ist das richtige Werkzeug keine Checkliste über den Menschen, sondern eine Interaktionsbeobachtung.
Das ist das Lieblingsinstrument. Es passt auf eine Frage gut und auf alle anderen schlecht — wer eines für alles benutzt, benutzt es für das meiste falsch.
Das ist die Instrumentensammlung: fünf ausgefüllte Bögen, keine Entscheidung. Ein Baukasten ist erlaubt — aber fragegeleitet, nicht vorsorglich.
Vom Befund zum Ziel
Wo der Vergleich mit einer Normgruppe wegfällt, übernimmt der Selbstvergleich über die Zeit — und der ist strenger, als er klingt, wenn man ihn ordentlich macht: dieselben Situationen, dieselben Aufgaben, dokumentierte Bedingungen, feste Abstände. Dann werden Sätze möglich, die kein Normtest liefern kann: Vor sechs Monaten zwei Felder mit 2000 Millisekunden — heute acht Felder mit 900. Damals nur auf Ansprache — heute dreimal pro Stunde selbstinitiiert. Das ist zugleich die Währung, die gegenüber Kostenträgern zählt: nachlesbare Entwicklung statt behaupteter.
Für einzelne Ziele hat sich das Goal Attainment Scaling bewährt: Vorab wird je Ziel eine fünfstufige Skala verabredet, von „viel weniger als erwartet“ bis „viel mehr als erwartet“, und der Fortschritt wird daran abgelesen. Die kritische Fußnote gehört dazu (Schlosser 2004): Diese Skala misst Zielerreichung, nicht Ursache — sie ist kein Wirksamkeitsnachweis und ersetzt keine kontrollierte Prüfung. Als gemeinsame, transparente Verabredung darüber, woran alle den Fortschritt erkennen wollen, ist sie dem vagen „macht Fortschritte“ des Alltags trotzdem weit überlegen.
Damit ein Ziel trägt, muss man es erkennen können, und zwar ohne die Person zu kennen. Streichen Sie alles, was man nicht sehen kann: „mehr Freude“, „besser“, „zunehmend“, „Fortschritte“. Übrig bleiben soll ein zählbarer Satz mit Situation, Häufigkeit, Weg und Frist. Und die Hälfte der Ziele gehört ans Umfeld, nicht an die Person: „Wir warten nach jeder Frage fünfzehn Sekunden“ ist ein Ziel, das Sie selbst in der Hand haben — „sie antwortet häufiger“ ist eine Hoffnung. Genau diesen Unterschied führt der Kurs „Ein guter Gesprächspartner werden“ an der Wartezeit vor: Wartezeit ist mit der Uhr messbar, Initiativen sind mit Strichen zählbar, Modeling-Momente auch. Was messbar ist, wird verabredet — der Rest wird vergessen.
Jedes Ziel braucht außerdem einen Ort und eine Person, die es bemerkt. In der Schule gehört es in den Förderplan, gebunden an eine benannte Unterrichtssituation — und mit der Antwort auf die Frage, wer im Unterricht modelt. Zu Hause hängt es an einer Routine, die ohnehin täglich stattfindet: Frühstück, Zubettgehen, der Weg zum Bus; ein Ziel ohne Routine wird vergessen, egal wie gut es formuliert ist. In der Assistenz gehört es in die Schichtübergabe und auf ein Blatt, das die Vertretung am Wochenende auch findet. Und für alle drei gilt dieselbe Höflichkeit, die man sprechenden Menschen selbstverständlich entgegenbringt: Das Ziel wird der Person mitgeteilt, in ihrer Form — und sie darf es ablehnen.
Vergleichen Sie die Person nur mit sich selbst.
Machen Sie immer wieder die gleiche Aufgabe.
Schreiben Sie auf: Wie war es heute?
Ein Ziel muss man sehen und zählen können.
Schreiben Sie auch auf, was Sie selbst anders machen.
Zum Nachlesen
Die Übung: Das Ziel, das die Vertretung erkennt
Ein Ziel taugt genau so viel, wie eine fremde Person es im Alltag erkennen kann. Das prüft diese Übung in zehn Minuten.
- Schreiben Sie ein Ziel auf, das Sie gerade für einen Menschen verfolgen — so, wie Sie es sonst formulieren würden.
- Streichen Sie jedes Wort, das man nicht sehen kann: „besser“, „mehr Freude“, „zunehmend“, „Fortschritte“, „soll lernen“.
- Formulieren Sie neu, bis der Satz zählbar ist: wie oft, in welcher Situation, auf welchem Weg, bis wann. Zum Beispiel: dreimal pro Vormittag im Morgenkreis, ohne Ansprache, bis Ende November.
- Schreiben Sie ein zweites Ziel dazu, das ausschließlich das Umfeld betrifft — etwa: „Nach jeder Frage warten wir fünfzehn Sekunden, gezählt.“ Ohne Umfeldziel bleibt das erste Ziel eine Erwartung an die Person allein.
- Lesen Sie beide Sätze jemandem vor, der den Menschen nicht kennt. Muss diese Person nachfragen, ist das Ziel noch nicht fertig. Teilen Sie es zum Schluss der Person selbst mit, in ihrer Form.
Schreiben Sie ein Ziel auf.
Streichen Sie Wörter wie „besser“ oder „mehr Freude“.
Schreiben Sie: Wie oft? Wann? Wie?
Schreiben Sie auch ein Ziel für sich selbst.
Lesen Sie es jemandem vor, der die Person nicht kennt.
Zum Nachdenken: Woran erkennt man ein brauchbares Ziel in der Unterstützten Kommunikation?
Bitte wählen Sie zuerst eine Antwort.
Genau. Und die Verabredung vorab, was „wie erwartet“ heißen soll, ersetzt das vage „macht Fortschritte“ am Jahresende.
Diesen Vergleich gibt es hier nicht — und er wäre auch nicht handlungsleitend. Der Maßstab ist die Person selbst über die Zeit, unter dokumentierten Bedingungen.
Offene Ziele fühlen sich freundlich an und sind wirkungslos: Niemand kann später sagen, ob sich etwas verändert hat — auch die Person selbst nicht.
Verhalten ist eine Mitteilung
Wenn ein Mensch regelmäßig schreit, schlägt, spuckt oder sich selbst verletzt, reagieren Systeme mit einem vorhersagbaren Reflex: Das Verhalten soll weg. Die kommunikationsfachliche Frage ist eine andere: Was teilt es mit — und welchen besseren Weg hat dieser Mensch, dasselbe mitzuteilen? Sehr häufig lautet die ehrliche Antwort auf den zweiten Teil: keinen. Wer keine Worte, keine Gebärden und kein beachtetes System hat, dem bleibt der Körper. Und der Körper wird gehört: Ein Schrei unterbricht jede Besprechung, ein Wurf beendet jede unangenehme Aufgabe. In dieser Lage ist das Verhalten kein Defekt, sondern die wirksamste verfügbare Kommunikation — verlässlich, schnell, unüberhörbar.
Fast jedes wiederkehrende herausfordernde Verhalten erledigt eine von vier Funktionen: etwas bekommen (Zuwendung, einen Gegenstand, eine Aktivität), etwas beenden oder vermeiden (eine Anforderung, einen Reiz, eine Situation), Stimulation herstellen, wenn zu wenig passiert, und Schmerz oder Unwohlsein mitteilen — die in der Behindertenhilfe am häufigsten übersehene Funktion. Daraus folgt die erste Handlungsregel, noch vor jeder Kommunikationsförderung: Bei neuem oder eskalierendem Verhalten wird zuerst der Körper geprüft. Ein erheblicher Teil verschwindet mit der Zahnbehandlung, nicht mit dem Verhaltensplan. Und die zweite, dunklere Möglichkeit muss ebenfalls geprüft werden: Verhalten kann von etwas erzählen, das dem Menschen angetan wird.
Die Funktion errät man nicht am Schreibtisch, man beobachtet sie — mit drei Spalten: was unmittelbar vorher geschah, was die Person genau tat, was unmittelbar danach folgte. Wer zwei Wochen so notiert, sieht ein Muster, das vorher niemand sah. Die am besten belegte Antwort darauf heißt Functional Communication Training (Carr und Durand 1985): eine kommunikative Form lehren, die exakt dieselbe Funktion erfüllt. Damit sie das Verhalten ablöst, muss sie ihm in drei Währungen überlegen sein — leichter auszuführen (eine Taste, eine Karte, eine grobe Gebärde, kein Drei-Schritte-Pfad durch Menüs), schneller beantwortet (in der Lernphase jedes Mal und sofort; ein „gleich“ ist am Anfang eine Nichtantwort) und zuverlässiger (alle Personen, alle Situationen). Deshalb gehören die Steuerwörter — Nein, Stopp, Pause, fertig, Hilfe — an die schnellsten Plätze jedes Systems, und deshalb muss ein kommuniziertes Nein Folgen haben.
Ein Satz muss dabei unmissverständlich bleiben. „Verhalten ist Kommunikation“ heißt nicht „sie könnte ja anders, wenn sie wollte“. Es heißt das Gegenteil: Die Bringschuld liegt beim Umfeld. Wir schulden diesem Menschen einen Weg, der besser funktioniert als der Schrei — und solange wir ihn nicht gebaut haben, ist der Schrei die vernünftige Wahl. Die unbequemste Erkenntnis der Drei-Spalten-Notiz ist deshalb regelmäßig, dass wir das Verhalten trainiert haben, weil es die einzige Mitteilung war, auf die wir zuverlässig reagiert haben. Drei Abgrenzungen gehören dazu: Nicht jedes Verhalten ist Kommunikation — Schmerz, neurologische Ursachen und sensorische Selbstregulation gibt es wirklich, und die Analyse prüft die Hypothese, sie setzt sie nicht voraus. Kommunikation ersetzt kein Krisenmanagement. Und schweres selbst- oder fremdverletzendes Verhalten gehört in erfahrene, multiprofessionelle Hände, nicht in einen Selbstlernkurs.
Schreien oder Schlagen ist oft eine Mitteilung.
Fragen Sie: Was will der Mensch damit sagen?
Prüfen Sie zuerst: Hat er vielleicht Schmerzen?
Geben Sie ihm einen besseren Weg. Zum Beispiel eine Pause-Karte.
Die Karte muss immer wirken. Sofort. Bei allen.
Zum Nachlesen
Die Übung: Drei Spalten, zwei Wochen
Die Funktion sieht man nicht beim Nachdenken, sondern beim Nachlesen. Ein Blatt, drei Spalten, vierzehn Tage.
- Ziehen Sie drei Spalten: Was geschah unmittelbar vorher? Was tat die Person genau? Was folgte unmittelbar danach?
- Notieren Sie zwei Wochen lang jede Episode in Stichworten, sofort und ohne Deutung. „War wütend“ ist eine Deutung; „warf den Becher“ ist eine Beobachtung.
- Prüfen Sie parallel den Körper: Zahnschmerzen, Bauch, Regelbeschwerden, drückende Orthesen, eine Erkältung. Diese Frage kommt vor jedem Verhaltensplan, nicht danach.
- Lesen Sie nach zwei Wochen nur die dritte Spalte am Stück. Was passiert fast immer danach? Das ist die Funktion — und meist zugleich die Antwort darauf, worauf das Umfeld zuverlässig reagiert.
- Formulieren Sie einen Satz: „Dieses Verhalten heißt hier vermutlich …“ — und überlegen Sie, welche einzelne Karte, Gebärde oder Taste dasselbe leichter, schneller und zuverlässiger erledigen würde. Verabreden Sie, dass alle sie ab sofort jedes Mal sofort beantworten.
Machen Sie drei Spalten auf ein Blatt.
Was war vorher? Was hat die Person getan? Was kam danach?
Schreiben Sie das zwei Wochen lang auf.
Fragen Sie auch: Hat die Person Schmerzen?
Dann überlegen Sie: Welches Wort fehlt ihr?
Zum Nachdenken: Eine Pause-Karte wurde eingeführt, aber das Schreien hat nicht abgenommen. Was ist die wahrscheinlichste Ursache?
Bitte wählen Sie zuerst eine Antwort.
Genau. Menschen benutzen den Weg, der mit dem geringsten Aufwand am zuverlässigsten wirkt. Wird die Karte nur manchmal beachtet, haben wir bewiesen, dass die alte Form die bessere ist.
Verstehen ist selten das Nadelöhr. Entscheidend ist die Wirkung im Alltag: Eine Karte, die wirkt, wird gelernt — eine, die nicht wirkt, wird zu Recht aufgegeben.
Technik löst das nicht. In der Krise greift niemand durch drei Menüebenen — die neue Form muss motorisch niedrigschwellig sein und immer erreichbar bleiben.
Nein sagen können
Es gibt einen Satz aus der Präventionsarbeit, der schwer auszuhalten ist und genau deshalb hierhergehört: Täter wählen Menschen, von denen sie glauben, dass sie nicht erzählen können. Die Zahlen dazu sind eindeutig. Die Meta-Analyse von Jones und Kolleginnen im Lancet (2012) fand bei Kindern mit Behinderungen eine zusammengefasste Prävalenz von 26,7 Prozent für Gewalterfahrungen — mehr als jedes vierte Kind — bei einem rund 3,7-fach erhöhten Risiko gegenüber Kindern ohne Behinderung. Die Parallel-Analyse von Hughes und Kolleginnen fand auch bei Erwachsenen deutlich erhöhte Risiken, besonders bei Menschen mit intellektuellen und mit psychischen Beeinträchtigungen. Und das sind konservative Zahlen: Wer nicht berichten kann, fehlt in solchen Studien systematisch.
Das erhöhte Risiko hat benennbare Mechanismen, und an erstaunlich vielen davon hat Kommunikation einen Hebel. Abhängigkeit in intimen Situationen — die Grenze zwischen notwendiger Berührung und Übergriff kann nur ziehen, wer über Berührung sprechen kann. Gelernte Fügsamkeit — wer lebenslang erlebt, dass andere über seinen Körper und seinen Tag entscheiden, lernt, dass Widerstand nichts ändert. Fehlende Worte für Körperteile, Berührungsarten, Angst und Scham. Unlesbare Signale — Rückzug, Aggression oder Schlafstörungen werden routinemäßig der Behinderung zugeschrieben statt als mögliche Folge gelesen. Und mangelnde Glaubwürdigkeit. Die Gewalt kommt dabei überwiegend aus dem Nahraum: aus Einrichtungen, Diensten und Familien — also genau dort, wo unsere Systeme benutzt werden oder eben nicht. Das macht die Sache zu unserer Sache.
Prüfen Sie ein beliebiges Kommunikationssystem auf drei Wortfelder, und Sie finden fast immer dieselben Lücken. Der Körper, vollständig und beim Namen: Kopf, Bauch und Bein sind da; Genitalien, Po und Brust fehlen oder verstecken sich hinter Verniedlichungen — wer für einen Körperteil kein Wort hat, kann Übergriffe dort nicht melden. Grenzen und Gefühle: Nein, Stopp, das tut weh, ich habe Angst, geh weg, ich will jemand anderen — als eigene, schnell erreichbare Aussagen, nicht als Bausteine, die man erst zusammensetzen muss, wenn man sie am dringendsten braucht. Melden und Vertrauen: „Ich muss dir etwas erzählen“, „jemand hat etwas gemacht, das nicht in Ordnung war“, „ich möchte mit … sprechen“. Die Forschungsgruppe um Juan Bornman hat dafür in Fokusgruppen 56 Kernwörter zum Offenlegen von Gewalt ermittelt und in Kommunikationstafeln umgesetzt — ein Vorbild dafür, Meldewortschatz nicht dem Zufall zu überlassen. Diese Wörter gehören in die Grundausstattung, nicht in ein Zusatzpaket, das erst nach dem Anlass installiert wird.
Wörter allein schützen nicht; sie brauchen eine Umgebung, in der sie etwas bewirken — und die kostet die Erwachsenen etwas. Das Alltags-Nein wird respektiert: Wer beim Essen, beim Anziehen, beim Programm nie erlebt, dass sein Nein etwas ändert, wird es im Ernstfall nicht einsetzen. Ein Nein trainiert man nicht im Schutzkurs, sondern dreihundertmal im Jahr an banalen Stellen. In der Assistenz und in der Pflege heißt das konkret: ankündigen, was geschieht; um Erlaubnis fragen, wo es irgend geht; Vorlieben respektieren. Eine Pflege, die kommentarlos über den Körper verfügt, lehrt täglich, dass genau das normal ist. Zu Hause heißt es: Das Nein bei Kleidung, Essen und Besuch gilt, auch wenn es unbequem ist. In der Schule heißt es: Ein Nein zur Aufgabe wird verhandelt, nicht überrollt. Ob der Nein-Weg überhaupt funktioniert, prüfen Sie mit der Probe aus dem Kurs „Ein guter Gesprächspartner werden“: einmal bewusst einen falschen Vorschlag machen und sehen, ob Widerspruch kommt — und wie schnell.
Menschen ohne Sprache erleben öfter Gewalt.
Sie können schlecht davon erzählen.
Darum brauchen sie Wörter dafür.
Wörter für den Körper. Und für: Nein. Stopp. Das tut weh.
Und ihr Nein muss im Alltag wirklich gelten.
Zum Nachlesen
Die Übung: Zählen Sie die Neins
Ein Nein im Ernstfall gibt es nur, wenn es im Alltag hundertfach funktioniert hat. Diese Übung zählt nach — an einem einzigen Tag.
- Machen Sie einen Tag lang für jedes Nein der Person einen Strich, geäußert wie auch immer: Wort, Symbol, Gebärde, Kopfbewegung, Blick, Wegdrehen, Wegschieben.
- Zweite Spalte: Wie oft hat dieses Nein tatsächlich etwas verändert? Nicht „wurde bemerkt“, sondern verändert. Die Lücke zwischen beiden Spalten ist Ihr Ergebnis.
- Prüfen Sie danach das Vokabular auf drei Wortfelder: alle Körperteile korrekt benannt; Grenzwörter wie Nein, Stopp, hör auf, das tut weh, ich habe Angst; Meldewörter wie „ich muss dir etwas sagen“ und „ich möchte mit … sprechen“.
- Verteilen Sie die Rollen: In der Assistenz und Pflege wird angekündigt und um Erlaubnis gefragt. Zu Hause gilt das Nein bei Kleidung, Essen und Besuch. In der Schule wird ein Nein zur Aufgabe verhandelt statt überrollt.
- Machen Sie zum Schluss in einer entspannten Situation und mit einem harmlosen Thema die Probe aus Kurs eins: absichtlich ein falscher Vorschlag. Kommt kein Widerspruch, ist das Ihr wichtigstes Ergebnis — und Ihre nächste Aufgabe, nicht die der Person.
Zählen Sie einen Tag lang: Wie oft sagt die Person Nein?
Zählen Sie auch: Wie oft ändert sich dann etwas?
Schauen Sie: Hat die Person Wörter für Nein und Stopp?
Hat sie Wörter für alle Körperteile?
Sagen Sie einmal etwas Falsches. Widerspricht sie?
Zum Nachdenken: Warum gehören Grenz- und Körperwörter in die Grundausstattung eines Vokabulars und nicht in ein Zusatzpaket?
Bitte wählen Sie zuerst eine Antwort.
Genau. Schutz ist kein Kurs, sondern ein Vokabular plus eine Kultur, in der das Nein Folgen hat. Nachrüsten geht im Akutfall nur unter den schlechtesten Bedingungen.
Darum geht es nicht. Der Grund ist schlichter und ernster: Niemand kann melden, wofür er kein Wort hat.
Abfragbarkeit ist kein Kriterium. Ein Vokabular, das über Lieblingsessen differenzierter sprechen kann als über den eigenen Körper, hat die Prioritäten der Täter übernommen.
Übergänge: das Vokabular zieht mit
Kommunikationssysteme sterben selten am Anfang — da ist die Aufmerksamkeit hoch, es gab eine Beratung, eine Einweisung, engagierte Menschen. Sie sterben am Übergang: Das Kind kommt in die Schule, und das Gerät bleibt erst im Ranzen, dann zu Hause. Die Bezugserzieherin geht, und mit ihr geht das Wissen, wie man die Tafel benutzt. Der junge Mann zieht in die Wohngruppe, und in den Aufnahmeunterlagen steht „nonverbal“ — als hätte es die acht Jahre Kommunikation davor nie gegeben.
Drei Mechanismen wirken dabei zusammen. Das Wissen hängt an Personen, nicht an Strukturen: wie schnell die Verweilzeit eingestellt ist, dass „fertig“ oben rechts liegt, dass er bei Müdigkeit mit dem Kopf bestätigt. Geht die Person, geht das Wissen, wenn es niemand herausgeschrieben hat. Der Neue sieht den Ist-Stand, nicht die Geschichte: Die üblichen schwachen ersten Wochen werden für das Niveau gehalten, die Erwartungen sinken, das System wirkt „zu schwer“. Der Übergang erzeugt also systematisch den Eindruck von weniger Kompetenz — das muss man wissen, um ihm nicht aufzusitzen, und es ist der wichtigste Grund, im Übergang nicht neu einzuschätzen. Und Zuständigkeit verdunstet: Ein ungeladenes Gerät ist nach zwei Wochen ein abgeschafftes Gerät.
Daraus folgt die Grundregel, die man beim Übergang laut aussprechen muss: Das Kommunikationssystem ist keine Maßnahme der Einrichtung, sondern die Stimme der Person. Es wird nicht neu entschieden, wenn der Ort wechselt — so wenig, wie man beim Schulwechsel neu entscheidet, ob ein Kind seine Brille behält. Der neue Ort erbt eine Tatsache, keine offene Frage: Das System läuft ab Tag eins weiter, und begründet werden Veränderungen, nicht die Fortführung. Der wirksamste Schutz ist beschämend einfach — aufschreiben, zeigen, verabreden, und zwar bevor der Wechsel kommt: ein Kommunikationspass in Ich-Form, zwei Minuten Alltagsvideo (nur mit Einverständnis der Person), eine nüchterne Seite zu Technik und Zuständigkeit, und eine Begegnung vor dem ersten Tag. Eine einzige gelungene Kommunikationssituation mit Zeugen wirkt mehr als jedes Dokument.
Für die ersten sechs Wochen trifft man drei Verabredungen — vorher. Es gibt eine benannte Person mit Namen, die zuständig ist: laden, dabeihaben, Fragen sammeln. „Das Team“ ist niemand. Die Messlatte hängt bewusst tief: Jetzt zählt Kontinuität, nicht Fortschritt; neues Vokabular, neue Ziele oder gar ein Systemwechsel haben im Übergang nichts verloren. Ein Rückruf ist verabredet, nach vier bis sechs Wochen, geplant und nicht erst im Krisenfall. Für die Anpassungsfragen im neuen Umfeld hilft die Reihenfolge des SETT-Rahmens von Joy Zabala: erst die Person, dann die Umgebungen, dann die Aufgaben — und erst am Ende die Werkzeuge. Denn der neue Ort verändert Umgebungen und Aufgaben; also prüft man diese, bevor man am Werkzeug zweifelt. Und Ihre Einschätzungsunterlagen ziehen mit ein: Beobachtungsblätter und laufendes Ziel gehören ins Übergabepaket, damit der neue Ort die Geschichte sieht und nicht nur den schwachen Start.
Beim Wechsel geht oft die Sprache verloren.
Neue Leute kennen die Person noch nicht.
Schreiben Sie alles auf, bevor der Wechsel kommt.
Machen Sie ein kurzes Video vom Alltag.
Und sagen Sie: Diese Person kümmert sich ab jetzt darum.
Zum Nachlesen
Die Übung: Der Kommunikationspass auf zwei Seiten
Das wichtigste Dokument jedes Übergangs passt auf zwei Seiten und ist in Ich-Form geschrieben — mit der Person, nicht über sie.
- Schreiben Sie gemeinsam mit der Person sechs Sätze in Ich-Form: So verständige ich mich. So sage ich ja. So sage ich nein. Das bedeutet es, wenn ich … Das hilft mir. Das mag ich nicht.
- Ergänzen Sie eine nüchterne zweite Seite: Einstellungen, Zugangsweg, Wartezeit, wie geladen und gesichert wird, wer bei Fragen hilft — damit Zuständigkeit übergeben und nicht verdunstet.
- Legen Sie die letzten Beobachtungsblätter und das laufende Ziel dazu. Der neue Ort soll die Geschichte sehen, sonst hält er den schwachen Start für das Niveau.
- Verteilen Sie die Rollen ausdrücklich: In der Schule gehört der Pass vor den ersten Schultag in die Förderplanung, samt Antwort auf „Wer modelt im Unterricht?“. Zu Hause halten Eltern den Pass aktuell und drehen zwei Minuten Alltagsvideo — nur mit Einverständnis der Person. In der Assistenz sorgt das Team dafür, dass nie nur eine einzige Person Bescheid weiß.
- Verabreden Sie jetzt schon den Rückruf in vier bis sechs Wochen — mit Datum und Namen, nicht mit „wir melden uns“.
Schreiben Sie zwei Seiten über die Person.
Schreiben Sie in Ich-Form: So rede ich.
Schreiben Sie auch: So sage ich Nein.
Legen Sie dazu, was Sie beobachtet haben.
Sagen Sie: In sechs Wochen reden wir noch mal.
Zum Nachdenken: Ein junger Mann zieht in eine Wohngruppe. Im Aufnahmegespräch heißt es: „Wir schauen erst mal, ob er das hier überhaupt braucht.“ Was ist daran falsch?
Bitte wählen Sie zuerst eine Antwort.
Genau. Die Kommunikation gehört der Person und zieht mit ein. Der neue Ort erbt eine Tatsache, keine offene Frage.
Umgebungen und Aufgaben ändern sich, der Bedarf an einer Stimme nicht. Beim Umzug wird auch nicht neu entschieden, ob jemand seine Brille behält.
Gerade jetzt nicht. In den ersten Wochen sieht jeder Mensch weniger kompetent aus, als er ist — eine Einschätzung genau jetzt misst den Übergang, nicht die Person.
Vom Einzelfall zum System
Das Muster ist überall dasselbe, und es hat nichts mit bösem Willen zu tun: Eine Einrichtung hat die eine Person, bei der das Wissen liegt, die die Fortbildungen besucht hat, die Systeme pflegt, die Kolleginnen erinnert. Solange sie da ist, lebt die Unterstützte Kommunikation. Dann kommt der Stellenwechsel, die Elternzeit, die Rente — die Geräte bleiben, die Kommunikation verschwindet. Der Fehler liegt nicht bei der engagierten Person, sondern in der Architektur: Wissen, das nur in einem Kopf liegt, ist in einer Organisation kein Wissen, sondern ein Risiko.
Der Grund ist banal und wird trotzdem ständig übergangen: Kommunikation hat keine Therapiezeit. Sie findet beim Anziehen statt, beim Essen, im Streit um das Fenster, nachts. Ein Mensch, dessen System nur in einer Fachstunde und bei einer eingeweihten Person funktioniert, kommuniziert eine Stunde pro Woche und schweigt die übrigen 167. Was in der Forschung erlernte Passivität heißt (Basil 1992), wird dann organisatorisch hergestellt. Sechs Bausteine halten dagegen: ein Konzept, das im Leitbild steht; eine beauftragte Rolle mit Stunden plus Stellvertretung plus kleinem Arbeitskreis; ein Materialpool mit einheitlichem Layout in jedem Raum; eine Fortbildungskaskade für alle — auch Küche, Fahrdienst und Verwaltung reden mit den Menschen —, bei der weitergibt, wer extern gelernt hat (Kent-Walsh und McNaughton 2005); eine verbindliche Einarbeitung; und Rituale gegen die Vergesslichkeit des Alltags.
Für die Einschätzung heißt Verankerung vor allem: Die Beobachtung wird verteilt und an einem Ort zusammengeführt. In der Assistenz entstehen die Daten aus Morgen, Pflege, Wegen und Abend — dokumentiert wird in der Schicht, in einem Satz; die Schichtübergabe ist der natürliche Ort dafür, nicht das Gedächtnis am Monatsende. Zu Hause halten Eltern und Angehörige fest, was nur dort vorkommt: das Wort beim Lieblingsspiel, der Protest beim Anziehen, Wochenende und Ferien — und sie bringen es mit, statt darauf zu warten, gefragt zu werden. In der Schule dokumentieren Lehrkräfte, was unter Anforderung und in der Gruppe geschieht, und beantworten die zwei Fragen, die sonst niemand beantworten kann: Wer modelt im Unterricht, und wann spricht dieses Kind mit anderen Kindern? Therapeutische Fachkräfte steuern die geplante Variation bei: dieselbe Aufgabe unter veränderten Bedingungen. Und alles zusammen gehört an einen Ort, den eine neue Kollegin am ersten Tag findet — Kommunikationspass, Beobachtungsblätter, laufendes Ziel, dokumentierte Ja-Nein-Verabredungen.
Ob diese Struktur existiert, entscheidet nicht die Haltung der Basis, sondern die Leitung: Sie gibt Stunden oder nicht, budgetiert den Materialpool oder nicht, macht die Einarbeitung verbindlich oder nicht. Rückenwind gibt es dafür: Artikel 21 der UN-Behindertenrechtskonvention — in Deutschland seit 2009 geltendes Recht — verpflichtet dazu, unterstützende Kommunikationsformen zu akzeptieren und zu erleichtern; die Teilhabe- und Gesamtplanung nach den §§ 19 ff. SGB IX verlangt, Kommunikationsbedarfe zu ermitteln; und seit 2021 verpflichtet § 37a SGB IX Leistungserbringer zu Gewaltschutzkonzepten, die ohne funktionierende Kommunikationswege Papier bleiben. Für den Anfang wirken drei Formate zuverlässiger als jeder Appell, und alle drei kennen Sie aus dem Kurs „Ein guter Gesprächspartner werden“: die Selbsterfahrung im ganzen Team, das Video vom eigenen Gespräch und das Zählen statt Meinen. Damit endet die letzte Lerneinheit dieses Lernpfads — danach folgt nur noch die Abschlussprüfung.
Es reicht nicht, wenn eine Person Bescheid weiß.
Sonst geht das Wissen mit ihr weg.
Schreiben Sie auf, wie jeder Mensch hier redet.
Neue Kolleginnen lernen das in der ersten Woche.
Und reden Sie jede Woche kurz darüber.
Zum Nachlesen
Die Übung: Die Acht-Punkte-Probe
Eine Prüfliste, über die man nicht diskutieren, sondern nur nachsehen kann. Gehen Sie dafür durch Ihr Haus, Ihre Klasse oder Ihre Wohnung.
- Gehen Sie durch die Räume: Sind die Kommunikationssysteme sichtbar und erreichbar — oder liegen sie im Schrank, im Rucksack, im Flur?
- Fragen Sie drei Kolleginnen oder Kollegen unangekündigt, wie das System eines bestimmten Menschen bedient wird, und zählen Sie, wie viele es beantworten können.
- Beobachten Sie eine halbe Stunde und machen Sie Striche: Wie oft benutzt eine erwachsene Person die Tafel oder das Gerät selbst beim Sprechen? Wie oft folgt auf eine Frage wirklich Zeit für die Antwort?
- Klären Sie die Zuständigkeit für Beobachtung schriftlich: In der Assistenz werden Morgen, Pflege und Wege notiert; zu Hause halten Eltern Wochenende und Ausreißer nach oben fest; in der Schule dokumentieren Lehrkräfte Unterricht, Pause und Peer-Situationen. Ein Ort für alles — den eine neue Kollegin am ersten Tag findet.
- Bringen Sie einen festen Fünf-Minuten-Punkt in die nächste Teambesprechung ein: Welche Kommunikationssituation ist diese Woche gelungen, welche gescheitert? Und verabreden Sie genau eine gemeinsame Regel für vier Wochen — eine, nicht fünf.
Gehen Sie durch die Räume.
Liegen die Tafeln und Geräte griffbereit?
Fragen Sie Kolleginnen: Wie geht das Gerät von Herrn M.?
Schreiben Sie auf: Wer beobachtet was?
Reden Sie jede Woche fünf Minuten darüber.
Zum Nachdenken: In einer Einrichtung liegt alles Wissen zur Unterstützten Kommunikation bei einer sehr engagierten Fachkraft. Wie beurteilen Sie das?
Bitte wählen Sie zuerst eine Antwort.
Genau. Der Fehler liegt nicht bei der engagierten Person, sondern in der Architektur. Die richtige Antwort auf „Wer ist zuständig?“ ist kein Name, sondern: alle, mit verteilten Rollen.
Ein Ausgangspunkt ist es, aber kein Zustand, den man belassen darf. Ohne Stellvertretung, Materialpool und verbindliche Einarbeitung verschwindet die Kommunikation mit dieser Person.
Haltung allein entscheidet es nicht. Ob es Stunden, Budgets, Einarbeitung und Rituale gibt, entscheidet die Leitung — deshalb gehört sie in jede ernst gemeinte Strategie.
Ihre Rückmeldung
Dieser Kurs lebt von den Menschen, die ihn benutzen. Anregungen und Verbesserungswünsche sind immer willkommen – was war unklar, was hat gefehlt, was hat in Ihrem Alltag nicht funktioniert? Schreiben Sie an lars.tiedemann@assistuk.net.
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Zum Schluss
Wenn alle 8 Einheiten erledigt sind, können Sie eine Teilnahmebestätigung ausdrucken. Der Name wird nur in das Papier gedruckt – er wird nirgends gespeichert und nicht übertragen.
Sind alle Einheiten fertig?
Dann können Sie ein Blatt Papier ausdrucken.
Ihr Name kommt nur auf das Papier.
Wir speichern den Namen nicht.
Die Bestätigung wird möglich, sobald alle Einheiten erledigt sind.
Teilnahmebestätigung
- Warum Normtests hier scheitern
- Beobachtung, die den Namen verdient
- Erst die Frage, dann das Werkzeug
- Vom Befund zum Ziel
- Verhalten ist eine Mitteilung
- Nein sagen können
- Übergänge: das Vokabular zieht mit
- Vom Einzelfall zum System
Diese Bestätigung hält fest, welche Lerneinheiten bearbeitet wurden.
ASSISTUK Lars Tiedemann · Lise-Meitner-Straße 14 · 79100 Freiburg · assistuk.net