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Was Unterstützte Kommunikation ist

Acht Einheiten über die Grundlagen: was Unterstützte Kommunikation (UK) ist, wer sie braucht, warum sie ein Recht ist — und was das Umfeld konkret dafür tut.

Hinweis zum Geltungsbereich: Die hier genannten Gesetze und Verfahren (Bundesteilhabegesetz und SGB IX, SGB V, SGB XI) gehören zum deutschen Sozialrecht. Die UN-Behindertenrechtskonvention gilt dagegen international — wie ein Land sie in konkrete Leistungen übersetzt, ist von Land zu Land verschieden.
Diese Gesetze gelten in Deutschland.
Andere Länder haben andere Gesetze.
Das Recht auf Teilhabe gilt überall.

Worum es geht

Für Assistenzkräfte, Eltern und Familien, Lehrkräfte sowie pädagogische und therapeutische Fachkräfte — für alle, die mit einem Menschen zu tun haben, der nicht oder nicht verständlich spricht. Kein Vorwissen nötig, kein Gerät nötig. Im Lernpfad steht dieser Kurs an zweiter Stelle, nach „Ein guter Gesprächspartner werden“ — beginnen kann man aber auch hier.

Jede der 8 Einheiten hat denselben Aufbau: erst das Wissen, dann eine Übung am eigenen Gerät, dann eine Frage zum Nachdenken. Die Frage wird nicht benotet und lässt sich beliebig oft wiederholen – sie soll zeigen, ob etwas angekommen ist, nicht, wer den Kurs macht.

Etwa zwei Stunden, aufteilbar. Der Stand bleibt auf diesem Gerät gespeichert. Es gibt keine Anmeldung und kein Konto. Der Stand steht ausschließlich in diesem Browser; er verschwindet, wenn Sie die Browserdaten löschen, und wandert nicht auf ein anderes Gerät.

Am Ende können Sie eine Teilnahmebestätigung ausdrucken. Sie hält fest, welche Lerneinheiten Sie bearbeitet haben.

Alles hier steht auch ohne Kurs offen: Grundlagentext: Im Zweifel für die Person — Haltung, die Themen mit Video und die Themenseite: Unterstützte Kommunikation.

Manche Menschen können nicht sprechen.
Oder man versteht sie nur schwer.
Sie können trotzdem reden: mit Blicken, Gebärden, Bildern oder einem Gerät.
Das nennt man Unterstützte Kommunikation.
Dieser Kurs erklärt, was das ist und was Sie dabei tun.
Der Kurs hat 8 Einheiten.
In jeder Einheit gibt es: Wissen, eine Übung und eine Frage.
Die Frage wird nicht benotet.
Sie brauchen kein Konto. Sie müssen sich nicht anmelden.
Am Ende können Sie ein Blatt Papier ausdrucken.
Darauf steht: Das habe ich gelernt.
Das Blatt ist kein Zeugnis.

Was Unterstützte Kommunikation ist — und was nicht

Unterstützte Kommunikation ist der Sammelbegriff für alles, was Lautsprache ersetzt oder ergänzt. Dazu gehören körpereigene Formen — Blick, Mimik, Körperspannung, Hinlangen, Gebärden —, nichtelektronische Hilfen wie Symboltafeln, Ich-Bücher und Buchstabentafeln, und elektronische Hilfen mit Sprachausgabe, gesteuert per Hand, Taster, Augen oder Bewegung. Der wichtigste Satz dieser Einheit steht gleich am Anfang: Unterstützte Kommunikation ist keine Gerätekategorie, sondern eine Art zu sprechen. Wer nur an das Gerät denkt, verwechselt das Werkzeug mit dem Zweck.

Ebenso wichtig ist, was sie nicht ist. Sie ist kein letztes Mittel, das man einsetzt, wenn alles andere gescheitert ist — dieser Irrtum kostet ganze Kindheiten und wird in Einheit 4 auseinandergenommen. Sie ist keine Maßnahme, die an einem Menschen durchgeführt wird: Es gibt sie nur zwischen Menschen, und sie existiert genau so weit, wie jemand da ist, der antwortet. Und sie ist nicht auf eine einzige Form festgelegt — fast alle Menschen mit UK-Bedarf nutzen mehrere Wege gleichzeitig.

Warum sie so oft nicht gelingt, erklärt ein Modell, das seit den neunziger Jahren der Standard des Fachs ist: das Partizipationsmodell. Es trennt zwei Sorten von Hindernissen. Zugangsbarrieren liegen bei der Person und ihrem System — Motorik, Sehen, Grenzen des Vokabulars. Gelegenheitsbarrieren liegen im Umfeld: in Regeln, Gewohnheiten, im Wissen, im Können und in den Einstellungen der Menschen ringsum. Dazu kommt die stillste Macht dieses Feldes: Wer das Vokabular auswählt, bestimmt, was gesagt werden kann. Ein Kommunikationssystem, das im Schrank liegt, weil es stört oder laut ist, ist entzogene Sprache.

Für das Umfeld folgen daraus drei Handgriffe, die alles andere tragen: verfügbar halten (das System ist dort, wo der Mensch ist — immer, nicht nur zur Übungszeit), selbst benutzen (Sie zeigen beim Sprechen auf die Symbole, statt nur zu erwarten) und Zeit lassen (die Pause nach Ihrer Frage ist länger, als sie sich anfühlt). Das Handwerk dazu — Wartezeit, Modeling, echte Fragen, Themenhoheit — übt der Kurs „Ein guter Gesprächspartner werden“. Dieser Kurs liefert den Grund, es zu wollen.

Unterstützte Kommunikation heißt: reden ohne Sprechen.
Zum Beispiel mit dem Blick oder mit den Händen.
Oder mit Bildern auf einer Tafel.
Oder mit einem Gerät, das laut spricht.
Die meisten Menschen nutzen mehrere Wege zusammen.

Die Übung: Die Reichweiten-Probe

Die einfachste Übung dieses Kurses — sie braucht einen Zettel und fünf Blicke über den Tag verteilt.

  1. Legen Sie fünf feste Zeitpunkte fest: morgens, vor dem Essen, nachmittags, beim Abendessen, vor dem Schlafengehen.
  2. Notieren Sie an jedem dieser Zeitpunkte nur zwei Dinge: Wo ist das Kommunikationssystem der Person gerade? Und könnte sie es jetzt, in dieser Sekunde, selbst erreichen — ohne zu bitten?
  3. Zählen Sie am Abend aus: Wie oft von fünf war die Antwort Ja? Diese Zahl ist Ihr Ausgangswert, und sie ist meistens niedriger als erwartet.
  4. Ändern Sie eine Woche lang nichts weiter, als das System dorthin zu legen, wo der Mensch ist. Dann machen Sie dieselbe Probe noch einmal.

Ein Mensch braucht seine Tafel oder sein Gerät immer.
Schauen Sie heute fünfmal nach.
Wo ist die Tafel gerade?
Kann die Person sie selbst erreichen?
Zählen Sie am Abend: Wie oft war es so?

Zum Nachdenken: Was ist mit „Unterstützter Kommunikation“ gemeint?

Wer sie braucht — die Diagnose stellt nur die Fragen

Den einen typischen Menschen mit UK-Bedarf gibt es nicht. Hinter dem Sammelbegriff stehen Menschen mit cerebralen Bewegungsstörungen und klarem Sprachverständnis, Menschen mit komplexen kognitiven Beeinträchtigungen, Menschen im Autismus-Spektrum, Menschen mit fortschreitenden Erkrankungen, Kinder am Beginn des Spracherwerbs und Erwachsene, die ihre Sprache verloren haben. Die Fachgesellschaften halten ausdrücklich fest, dass sich nicht einmal die Häufigkeit verlässlich schätzen lässt — so groß ist die Streuung. Zwei Menschen mit derselben Diagnose können im Zimmer nicht verschiedener sein.

Nützlicher als jede Diagnoseliste ist deshalb eine funktionale Einteilung, die von Tetzchner und Martinsen beschrieben haben: Für die einen ist Unterstützte Kommunikation das dauerhafte Ausdrucksmittel — sie verstehen Sprache gut, können aber nicht verständlich sprechen. Für andere ist sie Unterstützung, die die Lautsprache vorübergehend trägt oder in bestimmten Situationen ergänzt. Für wieder andere ist sie die Ersatzsprache, in der sie denken, lernen und leben. Diese drei Gruppen laufen quer zu allen Diagnosen, und dieselbe Person kann im Lauf ihres Lebens die Gruppe wechseln. Die brauchbare Frage lautet also: Wozu dient Unterstützte Kommunikation für diesen Menschen jetzt?

Damit ist die Diagnose nicht wertlos — sie ist nur etwas anderes, als viele glauben. Sie stellt Prüffragen, nach denen man aktiv suchen muss: nach der zerebralen Sehverarbeitung und dem verlässlichsten Bewegungsweg bei Cerebralparese und Rett-Syndrom, nach dem Hören beim Down-Syndrom, nach Motivation und sensorischer Belastung beim Autismus. Sie liefert Startpunkte, ordnet Verläufe und öffnet rechtliche Türen. Was sie nicht leistet: Sie sagt kein Vokabular voraus, sie setzt keine Obergrenze, sie misst nicht das Verstehen — und sie ersetzt keine Einschätzung und Beobachtung. Die Reihenfolge löst beides: Die Diagnose stellt die Fragen, die Person gibt die Antworten.

Für das Umfeld heißt das je nach Rolle etwas anderes. In der Schule gehört in den Förderplan, was diese Schülerin in dieser Klasse sagen können muss — nicht, was bei ihrer Diagnose üblich ist. Zu Hause sind Eltern die Einzigen, die die Menschen, Orte, Themen und Spitznamen kennen, die in keinem Standardvokabular vorkommen; diese Liste gehört aufgeschrieben und weitergegeben, sonst geht sie beim nächsten Wechsel verloren. In der Assistenz zählt die Tagesform: Welcher Weg trägt morgens, welcher am späten Nachmittag noch? Wer das notiert, liefert die Grundlage, auf der jede spätere Empfehlung steht.

Es gibt sehr verschiedene Menschen mit UK-Bedarf.
Manche verstehen alles und können nur nicht sprechen.
Manche lernen mit Bildern erst sprechen.
Für manche sind Bilder für immer ihre Sprache.
Die Diagnose allein sagt nicht, was ein Mensch braucht.

Die Übung: Der Steckbrief ohne Diagnose

Eine halbe Seite, zehn Minuten — und eine unbequeme Erkenntnis darüber, wie viel Ihre Einschätzung wirklich mit der Diagnose zu tun hat.

  1. Nehmen Sie einen Menschen, den Sie gut kennen, und beschreiben Sie ihn auf einer halben Seite — ohne die Diagnose zu nennen und ohne ein einziges Fachwort.
  2. Beantworten Sie darin nur vier Fragen: Worüber redet dieser Mensch gern? Mit wem? Auf welchem Weg klappt es am zuverlässigsten? Und was wollte er zuletzt sagen und konnte es nicht?
  3. Lesen Sie den Text noch einmal und markieren Sie alles, was Sie allein aus der Diagnose gewusst hätten. Erfahrungsgemäß bleibt sehr wenig übrig.
  4. Geben Sie den Steckbrief einer Kollegin, einer Lehrkraft oder einem Familienmitglied zu lesen und fragen Sie: Was fehlt dir hier, um mit diesem Menschen reden zu können? Die Antwort ist Ihre Arbeitsliste.

Denken Sie an einen Menschen, den Sie gut kennen.
Schreiben Sie auf: Worüber redet er gern?
Mit wem redet er? Und wie redet er?
Schreiben Sie die Diagnose nicht dazu.
Zeigen Sie den Zettel jemand anderem.

Zum Nachdenken: Was leistet eine Diagnose für die Unterstützte Kommunikation?

Multimodal: viele Wege, ein System

Niemand kommuniziert auf nur einem Weg. Sprechende Menschen benutzen Stimme, Mimik, Gestik, Blick, Tonfall und Schrift gleichzeitig — es fällt nur nicht auf, weil es selbstverständlich ist. Bei Menschen mit UK-Bedarf ist es genauso: Körpersignale, Blick, Laute, Gebärden, Symbole, Buchstaben und manchmal Restlautsprache stehen nebeneinander. „Ein System“ meint deshalb nicht ein Gerät, sondern die Summe aller Wege, die diesem Menschen zur Verfügung stehen — und die das Umfeld lesen können muss.

Dagegen steht eine Gewohnheit, die didaktisch einleuchtend klingt und als starre Regel durch nichts gedeckt ist: die Repräsentations-Treppe vom realen Gegenstand über das Foto zum abstrakten Symbol und ganz am Ende zur Schrift. Kinder lernen abstrakte Symbole nicht, nachdem sie alle konkreteren Stufen erklommen haben, sondern dadurch, dass sie benutzt werden — so wie Wörter, die bekanntlich auch nicht fotoähnlich sind. Manche Menschen überspringen Stufen, manche nutzen alles parallel, und für manche ist ausgerechnet die Schrift früher zugänglich als gedacht: Sie ist stabil, eindeutig und überall gleich. Praktisch heißt das: multimodal anbieten statt Treppen bauen.

Wenn im Feld überhaupt etwas universell genannt werden darf, dann kein Produkt, sondern zwei Kultursysteme: Lautsprache und Schrift. Beide sind generativ — aus einem endlichen Inventar von Lauten oder Buchstaben lassen sich nach Regeln unbegrenzt viele, nie zuvor gesagte Äußerungen bilden. Jedes Symbolvokabular ist dagegen eine kuratierte Auswahl: hervorragend, um heute ins Sprechen zu kommen, aber begrenzt durch das, was jemand hineingelegt hat. Daraus folgt kein Entweder-oder, sondern eine doppelte Verpflichtung: Wir schulden jeder Person beides — ein Vokabular, das sie heute nutzen kann, und ein Schriftsprachangebot, das ihr morgen unbegrenzten Ausdruck eröffnen kann.

Für das Umfeld folgt daraus eine einzige, aber anspruchsvolle Regel: Modellieren Sie auf allem, was da ist — sprechen, gebärden und auf das Symbol zeigen im selben Satz. Wie das geht, übt der Kurs „Ein guter Gesprächspartner werden“ ausführlich. Die Aufgaben verteilen sich dabei: In der Schule gehört der Buchstabenstreifen auf denselben Tisch wie die Symboltafel, von Anfang an und für alle sichtbar. Zu Hause sind es die Alltagsroutinen — Anziehen, Essen, Zubettgehen —, in denen dieselben Gebärden und dieselben Wörter jeden Tag wiederkehren. In der Assistenz zählt, dass alle Wege dabei sind, wenn der Mensch das Haus verlässt: Auch der Weg zur Ärztin braucht mehr als ein Nicken.

Jeder Mensch redet auf mehreren Wegen.
Mit dem Blick, mit Lauten, mit den Händen.
Und mit Bildern, Buchstaben oder einem Gerät.
Alle Wege dürfen gleichzeitig da sein.
Man muss nicht mit dem einfachsten anfangen.

Die Übung: Die Kanal-Liste

Die meisten Teams entdecken bei dieser Übung Wege, von denen sie gar nicht wussten, dass es welche sind.

  1. Nehmen Sie einen Zettel und notieren Sie über einen ganzen Tag jede Art, mit der ein Mensch Ihnen etwas mitgeteilt hat: Blick, Laut, Körperspannung, Hinlangen, Gebärde, Symbol, Gerät, Wort.
  2. Machen Sie hinter jedem Weg einen Strich, sooft er vorkam. Am Abend sehen Sie, welcher Weg der eigentliche Hauptweg ist — er ist oft nicht der, in den am meisten investiert wurde.
  3. Dritte Spalte: Könnte eine fremde Person diesen Weg verstehen? Alles, wo Sie Nein ankreuzen, hängt allein an Ihnen — und verschwindet mit Ihnen.
  4. Schreiben Sie die drei wichtigsten Wege so auf, dass eine neue Kollegin, eine Vertretungslehrkraft oder die Großmutter sie am ersten Tag lesen kann. Das ist der Anfang eines Kommunikationspasses.

Ein Mensch redet auf vielen Wegen.
Schreiben Sie einen Tag lang alle Wege auf.
Zum Beispiel: Blick, Laut, Gebärde, Bild.
Welcher Weg kommt am meisten vor?
Kann eine fremde Person diesen Weg verstehen?

Zum Nachdenken: Muss ein Mensch erst Fotos verstehen, bevor er abstrakte Symbole benutzen darf?

Die sechs Mythen — und was die Forschung sagt

Zwischen dem ersten „Da stimmt etwas nicht“ und dem ersten tauglichen Kommunikationssystem vergehen in Deutschland oft Jahre — Jahre, in denen ein Mensch nicht sagen kann, was er weiß, will und fühlt. Verloren gehen sie fast nie durch bösen Willen, sondern weil kluge, liebevolle Erwachsene Sätze glauben, die plausibel klingen und falsch sind. Romski und Sevcik haben diese Sätze schon 2005 als Mythen der frühen Unterstützten Kommunikation durchnummeriert; es sind sechs, und die Forschung seither hat ihnen nichts zurückgegeben. Der Merksatz über allem: Warten hat keine Evidenz.

Mythos 1: „Unterstützte Kommunikation ist das letzte Mittel.“ Der Satz hat die Logik verkehrt herum — sie gibt einem Menschen jetzt Sprache, während am Sprechen gearbeitet wird. In der randomisierten Studie von Kasari und Kolleginnen entwickelten Kinder, bei denen das Sprachausgabegerät von Anfang an Teil der Förderung war, mehr spontane Kommunikation als die, bei denen es als Reserve zurückgehalten wurde. Mythos 2: „Das Gerät verhindert das Sprechen.“ Die häufigste Angst und die am gründlichsten widerlegte: Die Forschungsübersicht von Millar, Light und Schlosser fand in der methodisch belastbaren Teilmenge keinen einzigen dokumentierten Fall, in dem Unterstützte Kommunikation die Lautsprache verschlechtert hätte — bei 89 Prozent nahm das Sprechen zu, beim Rest blieb es unverändert. Bei Gebärden zeigte sich dasselbe Bild.

Mythos 3: „Erst müssen Voraussetzungen da sein.“ Die Voraussetzungslogik verlangt als Eintrittskarte, was erst durch die Teilnahme entsteht: Kein Baby muss Wörter verstehen, bevor man mit ihm spricht. Cress und Marvin haben die Voraussetzungsfragen einzeln durchgeprüft — es gibt keine kognitiven, motorischen oder sprachlichen Vorbedingungen für den Beginn. Mythos 4: „Dafür ist sie zu jung.“ Es gibt kein Mindestalter, nur falsche Bilder davon, wie früher Anfang aussieht; die finnische Down-Syndrom-Studie begann mit sechs Monaten, und die Kinder profitierten bis ins Schulalter messbar. Mythos 5 ist die Repräsentations-Treppe aus Einheit 3. Mythos 6: „Für so ein Gerät braucht es Verstand.“ Er ist der leiseste und schädlichste — denn wo ein Mensch keinen Ausdrucksweg hat, lässt sich seine Kognition gar nicht seriös einschätzen. Die Verstand-Bedingung setzt also voraus, was sie selbst verhindert.

Diese Sätze stehen nicht in Büchern, sie fallen im Flur, in der Hilfeplankonferenz und am Küchentisch — und sie kosten Zeit, die niemand zurückbekommt. Zur Grundausstattung des Umfelds gehört deshalb nicht nur das Wissen, sondern der ruhige Antwortsatz. Eltern hören den Mythos meistens von Fachleuten und dürfen dann getrost nach der Quelle fragen. Lehrkräfte begegnen ihm als Voraussetzungslogik im Förderplan („erst muss sie zeigen können“) — dort gehört stattdessen das Angebot hinein, an dem sie das Zeigen überhaupt lernen kann. Assistenzkräfte hören ihn als Resignation im Team („dafür ist er zu alt, da kommt nichts mehr“) — und sind oft die Einzigen, die täglich das Gegenteil beobachten könnten, wenn sie es aufschreiben.

Über Unterstützte Kommunikation gibt es falsche Sätze.
Zum Beispiel: „Das Gerät verhindert das Sprechen.“
Das stimmt nicht. Die Forschung sagt das Gegenteil.
Man muss auch nichts vorher können.
Und man ist nie zu jung und nie zu alt dafür.

Die Übung: Der Satz, den Sie zuletzt gehört haben

Eine Woche lang sammeln — und dann die Antwort danebenschreiben, die man im Moment selbst nie parat hat.

  1. Legen Sie einen Zettel an die Pinnwand oder an den Kühlschrank. Überschrift: „Sätze darüber, was angeblich nicht geht.“
  2. Notieren Sie eine Woche lang jeden Satz dieser Art, den Sie hören oder selbst denken — wortwörtlich, ohne Kommentar: „Dafür ist er noch zu klein.“ „Erst muss sie zeigen können.“ „Das nimmt ihm doch die Motivation zu sprechen.“
  3. Schreiben Sie am Ende der Woche neben jeden Satz einen einzigen ruhigen Gegensatz aus dieser Einheit — zum Beispiel: „In der belastbaren Forschung hat kein einziger dokumentierter Fall gezeigt, dass Unterstützte Kommunikation das Sprechen verschlechtert.“
  4. Nehmen Sie den Zettel in die nächste Besprechung oder ins nächste Elterngespräch mit. Nicht als Vorwurf — die Sätze gehören niemandem, sie liegen in der Luft.

Manche Sätze über Unterstützte Kommunikation sind falsch.
Zum Beispiel: „Dafür ist sie noch zu klein.“
Schreiben Sie eine Woche lang solche Sätze auf.
Schreiben Sie dann die richtige Antwort daneben.
Zeigen Sie die Liste im Team.

Zum Nachdenken: „Wenn er ein Sprachausgabegerät bekommt, hört er ganz auf zu sprechen.“ Was sagt die Forschung dazu?

Haltung: im Zweifel für die Person

Haltung ist keine Gefühlslage, sondern eine Annahme über einen Menschen, aus der Handlungen folgen. Wer annimmt, jemand sei „noch nicht so weit“, gibt weniger Wörter, wartet kürzer, fragt einfacher — und bekommt genau die Bestätigung, die er erwartet hat. Bei Menschen ohne verlässlichen Ausdrucksweg lässt sich die Frage „Wie viel versteht sie?“ oft gar nicht beantworten. Dann gilt die Regel der am wenigsten gefährlichen Annahme (Donnellan 1984): Zu viel anzunehmen kostet Aufwand und ein zu großes Raster — beides korrigierbar. Zu wenig anzunehmen kostet Jahre ohne Sprache und bestätigt sich am Ende selbst, sodass niemand den Fehler bemerkt. Der Kurs „Ein guter Gesprächspartner werden“ führt diese Regel mit zwölf Prüffragen aus; hier geht es darum, was sie über den Einzelfall hinaus bedeutet.

Denn Unterstützte Kommunikation findet fast nie zwischen Gleichen statt. Die sprechende Person im Raum verfügt in der Regel über alles: Sie stellt die Fragen, wählt das Thema, bestimmt das Tempo, entscheidet, wann Schluss ist — und darüber hinaus über die Bedingungen: Sie hat das Kommunikationsbuch gebaut, das Vokabular ausgewählt, das Gerät geladen oder eben nicht. Wer das Vokabular auswählt, bestimmt, was gesagt werden kann. Daraus folgen drei unbequeme Regeln: Verfügbarkeit ist nicht verhandelbar; auch unbequeme Inhalte gehören ins Vokabular; und Kontrolle wird abgegeben, wo es möglich ist — Redeanteile, Themenhoheit, Entscheidungsspielraum.

Dagegen steht eine Sorte Fürsorge, die schützt, indem sie stillstellt: keine schwierigen Themen, keine Konflikte, keine Wörter, die „nur Ärger machen“. Robert Perske hat ihr 1972 den Begriff entgegengesetzt, der bis heute trägt: die Würde des Risikos. Zum Vokabular gehören deshalb Widerspruch, Kritik, Schimpfwörter, Sexualität, Trauer und Tod — die Themen, die Erwachsene betreffen und über die zu sprechen niemand um Erlaubnis fragen muss. Ein Umfeld, das alles Unbequeme herausfiltert, hat nicht geschützt, sondern zensiert. Wer echte Kommunikation ermöglicht, wird Sätze hören, die ihm nicht gefallen — genau daran erkennt man, dass das System funktioniert.

Am deutlichsten zeigt sich Haltung dort, wo die Person nicht dabei ist: in Berichten, Übergaben und Teamsitzungen. Drei Muster lohnen die Selbstprüfung. Zuschreibung statt Beobachtung — „Er verweigert“ ist ein Motiv, beobachtbar ist: „Er wandte sich ab, als das Blatt kam.“ Das Personal als Subjekt — „Wir haben ihn heute gut mitgenommen“ erzählt vom Team, „Er hat dreimal selbst begonnen“ erzählt von ihm. Die Verkleinerung — Kosenamen und Kindchen-Ton für Erwachsene sind meist liebevoll gemeint und immer statusmindernd. Die einfachste Gegenregel lautet: die Person zuerst. Name statt Diagnose, Mensch statt Fall, „sie spricht mit Symbolen“ statt einer Etikettierung.

Wichtig ist, was Sie über einen Menschen denken.
Denken Sie im Zweifel gut über ihn.
Er darf auch böse Wörter sagen dürfen.
Er darf Nein sagen und sich beschweren.
Reden Sie über ihn so, wie Sie mit ihm reden.

Die Übung: Drei Zeilen aus der Übergabe

Haltung zeigt sich nicht in der Selbstbeschreibung, sondern in dem, was wir schreiben, wenn die Person nicht dabei ist.

  1. Nehmen Sie die drei letzten Einträge, die Sie über einen Menschen geschrieben haben — Übergabebuch, Entwicklungsbericht, Notiz im Elternheft, Nachricht an die Kollegin.
  2. Markieren Sie in jedem Satz: Steht dort eine Beobachtung („Er wandte sich ab, als das Blatt kam“) oder eine Zuschreibung („Er verweigert“)?
  3. Zweite Prüfung: Wer ist das Subjekt? Erzählt der Satz von Ihnen oder von ihm?
  4. Dritte Prüfung, die unbequemste: Würden Sie jeden dieser Sätze auch so sagen, wenn die Person neben Ihnen säße und jedes Wort verstünde?
  5. Schreiben Sie einen der drei Einträge neu. Nur einen — das genügt für den Anfang.

Lesen Sie, was Sie über einen Menschen geschrieben haben.
Steht da, was Sie gesehen haben?
Oder steht da, was Sie vermuten?
Würden Sie das auch sagen, wenn er zuhört?
Schreiben Sie einen Satz neu.

Zum Nachdenken: Ein Kommunikationssystem enthält Wörter fürs Bitten und Bestellen, aber keine für Ablehnung, Beschwerde und Kritik. Was folgt daraus?

Kommunikation ist ein Recht

Man kann die Geschichte der Behindertenhilfe an drei Sätzen über denselben Menschen ablesen: verwahrt („bildungsunfähig, Anstaltspflege“), gefördert („förderungsbedürftig, Sondereinrichtung“) und schließlich gefragt („sie nutzt Assistenz und einen Sprachcomputer — fragen Sie sie selbst“). Drei Wenden führten dorthin: die Normalisierung, die nicht die Menschen normal machen wollte, sondern ihre Lebensbedingungen; die Selbstbestimmungsbewegung mit ihrer Formel „Nichts über uns ohne uns“; und die Inklusion, die die Bringschuld von der Person auf das System verlagert. Für unser Feld ist dabei ein Punkt entscheidend: Selbstbestimmung ist kein Zustand, sondern ein Sprechakt. Wer über sein Leben bestimmen soll, muss zustimmen, ablehnen, auswählen und beauftragen können. Nicht zufällig entstand die Fachgesellschaft ISAAC 1983 und ihre deutschsprachige Sektion 1990 — genau in dem Jahrzehnt, in dem die Selbstbestimmung zum Ziel wurde.

Rechtlich ist das längst geordnet. Die UN-Behindertenrechtskonvention ist in Deutschland seit dem 26. März 2009 verbindliches Recht. Artikel 21 verpflichtet die Vertragsstaaten, im Umgang mit Behörden und öffentlichen Diensten die Nutzung unterstützender Kommunikationsformen zu akzeptieren und zu erleichtern. Artikel 12 verankert unterstützte statt ersetzter Entscheidungsfindung. Das Bundesteilhabegesetz hat mit der Teilhabe- und Gesamtplanung ein Verfahren geschaffen, in dem Kommunikationsbedarfe ausdrücklich zu ermitteln sind. Und seit 2021 verpflichtet § 37a SGB IX Leistungserbringer zu Gewaltschutzkonzepten — ein Schutzkonzept ohne funktionierende Kommunikationswege bleibt Papier.

Trotzdem verpufft der Satz „Aber das ist doch ihr gutes Recht“ regelmäßig, sobald gespart werden soll. Wer „Recht“ hört, hört oft „Anspruch, den man gewährt“ — und was man gewährt, kann man streichen. Dagegen hilft der schärfere Satz: Ein Recht, das nur gilt, solange Geld da ist, ist kein Recht mehr, sondern ein Almosen. Und darunter liegt der eigentliche Grund: Wer sich nicht mitteilen kann, kann nicht zustimmen und nicht widersprechen, keine Einwilligung geben oder verweigern, keine Gewalt melden. Kommunikation ist damit nicht Komfort, sondern Voraussetzung von Einwilligungsfähigkeit und ein Stück Gewaltschutz. Die Selbstvertretung fasst das in eine Kette: Ohne Assistenz keine Teilhabe. Ohne qualifizierte Assistenz keine Unterstützte Kommunikation. Ohne Unterstützte Kommunikation keine Selbstbestimmung.

Eingelöst werden Rechte im Alltag oder gar nicht. Wer die Person selbst fragt, wartet und den Nein-Weg prüft, löst Artikel 21 ein; wer sich an die Begleitperson wendet, hebelt ihn aus. In der Schule heißt das: Die Schülerin antwortet im Gespräch selbst, mit ihrem System, auch wenn es länger dauert — und wird beim Elterngespräch über sie nicht übergangen. Zu Hause heißt es, bei Ärztin, Amt und Klinik darauf zu bestehen, dass die Frage an die Person gerichtet wird, und die Antwortzeit einzufordern. In der Assistenz heißt es, jede Entscheidung des Tages als echte Entscheidung anzubieten: Kleidung, Essen, Aktivität, Feierabend. Wie man Fragen so stellt, dass sie tatsächlich offen sind, übt der Kurs „Ein guter Gesprächspartner werden“.

Reden zu können ist ein Menschen-Recht.
Das steht in einem Vertrag der Vereinten Nationen.
Ämter und Ärzte müssen alle Formen von Reden annehmen.
Wer nicht Nein sagen kann, ist nicht geschützt.
Darum ist Unterstützte Kommunikation kein Extra.

Die Übung: Vier Sätze, die möglich sein müssen

Eine Bestandsaufnahme von zwanzig Minuten, die regelmäßig unbequem ausgeht.

  1. Nehmen Sie das Kommunikationssystem einer Person — Tafel, Buch oder Gerät — und suchen Sie darin nacheinander vier Sätze: „Nein, hör auf.“ „Das tut weh.“ „Ich will das nicht mehr.“ „Ich möchte mich beschweren.“
  2. Zählen Sie mit, wie viele Schritte jeder dieser Sätze braucht. Alles, was mehr als zwei oder drei Auswahlen kostet, existiert im Ernstfall nicht.
  3. Prüfen Sie den Weg zusätzlich ohne Technik: Wenn Akku, Halterung oder Netz ausfallen — womit sagt dieser Mensch dann Nein?
  4. Notieren Sie, was fehlt, und bringen Sie es in die nächste Besprechung oder ins nächste Hilfeplangespräch. Das ist keine Fleißarbeit, sondern Teil dessen, was ohnehin geschuldet wird.

Jeder Mensch muss Nein sagen können.
Suchen Sie diese Sätze in der Tafel oder im Gerät:
„Nein.“ „Das tut weh.“ „Ich beschwere mich.“
Wie lange dauert das? Geht es schnell genug?
Was fehlt? Schreiben Sie es auf.

Zum Nachdenken: Warum ist Unterstützte Kommunikation mehr als eine praktische Hilfe im Alltag?

Die ICF als gemeinsame Sprache

Über dasselbe Kind liegen oft drei Berichte vor: Die Logopädie schreibt über Sprachleistungen, die Ergotherapie über Handfunktion und Rumpfstabilität, die Schule über Konzentration und Arbeitsverhalten. Alle drei sind fachlich ordentlich — und sie beschreiben drei verschiedene Kinder. Keiner beantwortet die Frage, um die es eigentlich geht: Kann dieses Kind am Montagmorgen im Morgenkreis etwas erzählen — und was müsste sich ändern, damit es das kann? Für genau diese Frage gibt es seit 2001 eine gemeinsame Sprache: die Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit, kurz ICF.

Ihr Kern ist kein Katalog, sondern ein Modell. Funktionsfähigkeit und Behinderung entstehen aus der Wechselwirkung zwischen einem Gesundheitszustand und den Umständen, in denen ein Mensch lebt. Die ICF sortiert das in vier Bereiche: Körperfunktionen und -strukturen, Aktivitäten, Teilhabe und Umweltfaktoren. Der stille Sprengsatz steckt im letzten: Behinderung ist danach keine Eigenschaft einer Person, sondern ein Verhältnis. Dasselbe Kind ist mit einem passenden Sprachcomputer und einer geschulten Assistenz im Morgenkreis beteiligt — und ohne beides davon ausgeschlossen. Nicht das Kind hat sich geändert; die Umwelt hat.

In Berichten und Anträgen dominiert traditionell die Körperseite — was jemand nicht kann. Der stärkste Hebel liegt aber bei den Umweltfaktoren: Hilfsmittel und Technologien zur Kommunikation, Familie und Hilfspersonen, Fachleute — und, oft unterschätzt, die Einstellungen all dieser Menschen. Eine Körperfunktion lässt sich häufig nicht herstellen; ein Sprachcomputer lässt sich bereitstellen, eine Assistenz lässt sich schulen, ein Gesprächspartner kann lernen, zu warten und zuzutrauen. Das ändert auch, wie man Misserfolg liest: Wenn ein System „nicht angenommen“ wird, fragt dieser Blick zuerst nach dem Werkzeug, nach den Partnern und nach den Gelegenheiten. Dass diese Denkweise keine Privatmeinung ist, zeigt § 118 SGB IX: Die Bedarfsermittlung muss sich an der ICF orientieren und Aktivität und Teilhabe in neun Lebensbereichen beschreiben — einer davon heißt ausdrücklich Kommunikation.

Dabei bleibt die ICF, was sie ist: ein geordnetes Vokabular. Sie ist kein Test — sie misst nichts. Sie ist keine Einschätzung — ein Code ist ein Etikett, keine Erkenntnis. Und sie ist kein Wirknachweis — dass ein Angebot einen Teilhabebereich berührt, heißt nicht, dass es wirkt. Man muss dafür keinen einzigen Code können: Der Satz „Das Kind kann mit dem Kommunikationsgerät an Gesprächen teilnehmen, wenn die Assistenz geschult ist“ ist bereits ein ICF-Satz. Lehrkräfte schreiben solche Sätze in den Förderplan und formulieren Ziele als Teilhabe statt als Funktion. Eltern nutzen dieselbe Form im Antrag und in der Teilhabeplanung — dort ist sie ohnehin die vorgesehene Sprache. Assistenzkräfte liefern das, woran alles hängt: die Beobachtung, unter welchen Bedingungen es geklappt hat und unter welchen nicht.

Die ICF ist eine gemeinsame Fach-Sprache.
Sie sagt: Behinderung ist kein Fehler im Menschen.
Behinderung entsteht zwischen Mensch und Umwelt.
Wir können die Umwelt ändern.
Zum Beispiel mit einem Gerät und mit geschulten Menschen.

Die Übung: Ein Satz, drei Teile

Die ICF wird meist als Formular gefürchtet. Sie ist aber vor allem eine Satzform — und die lernt man in zehn Minuten.

  1. Suchen Sie drei Sätze aus Ihren letzten Notizen oder Berichten heraus, die beschreiben, was ein Mensch nicht kann.
  2. Schreiben Sie jeden Satz so um, dass er drei Teile hat: was der Mensch tut — unter welcher Bedingung — wofür es gebraucht wird. Beispiel: „Sie erzählt im Morgenkreis vom Wochenende, wenn die Wochenendfotos im Gerät liegen und die Assistenz Zeit zum Warten hat.“
  3. Prüfen Sie den mittleren Teil: Steht dort etwas, das sich tatsächlich ändern lässt? Wenn nicht, haben Sie noch keinen Umweltfaktor gefunden, sondern eine Eigenschaft beschrieben.
  4. Nehmen Sie den besten der drei Sätze mit ins nächste Gespräch über Ziele — Förderplan, Hilfeplan oder Elterngespräch.

Schreiben Sie auf, was ein Mensch tun kann.
Schreiben Sie dazu: Was braucht er dafür?
Zum Beispiel: sein Gerät und Zeit zum Antworten.
Und wozu ist das gut? Zum Beispiel: mitreden im Morgenkreis.
Diese drei Teile zusammen sind ein ICF-Satz.

Zum Nachdenken: Wo liegt in der ICF der stärkste Hebel für die Unterstützte Kommunikation?

Von der Insel zum System

Fast jede erfahrene Fachkraft kennt die Geschichte: Ein Mensch bekommt ein Kommunikationssystem, eine engagierte Kollegin trägt es, es funktioniert — dann wechselt sie die Stelle, und drei Monate später liegt das System im Schrank. Die Geräte bleiben; die Kommunikation verschwindet. Der Fehler liegt nicht bei der engagierten Person, sondern in der Architektur: Wissen, das nur in einem Kopf liegt, ist in einer Organisation kein Wissen, sondern ein Risiko. Für Menschen, die auf Unterstützte Kommunikation angewiesen sind, ist dieses Risiko existenziell — sie verlieren mit einem Personalwechsel nicht eine Bezugsperson, sondern die Bedingung ihrer Verständigung.

Der Grund ist banal und wird trotzdem ständig übergangen: Kommunikation hat keine Therapiezeit. Sie findet beim Anziehen statt, beim Essen, im Streit um das Fenster, in der Pause, nachts. Wer nur in der einen Stunde und bei der einen eingeweihten Fachkraft kommunizieren kann, kommuniziert eine Stunde pro Woche — und schweigt die restlichen 167. Was in der Forschung erlernte Passivität heißt, wird hier organisatorisch hergestellt: Wo niemand das System bedienen, anbieten und erwarten kann, lernt der Mensch, dass sich Kommunizieren nicht lohnt. Deshalb ist die Frage „Wer ist bei uns für Unterstützte Kommunikation zuständig?“ falsch gestellt, wenn die Antwort ein Name ist. Die richtige Antwort lautet: alle, mit verteilten Rollen.

Sechs Bausteine haben sich dafür als tragfähig erwiesen. Erstens ein Konzept, das im Leitbild steht — ein, zwei Seiten genügen; entscheidend ist der Ort, denn was im Konzept steht, überlebt Personalwechsel. Zweitens eine beauftragte Rolle mit Stunden, plus Stellvertretung, plus kleiner Arbeitskreis — die Stellvertretung ist der Unterschied zwischen Struktur und Insel. Drittens ein Materialpool mit Standards: Wenn die Tafel im Speiseraum anders aussieht als die im Gruppenraum, lernt der Mensch zweimal. Viertens eine Fortbildungskaskade statt Einzelfortbildungen — Basiswissen für alle, auch für Küche, Fahrdienst und Verwaltung, die ja ebenfalls mit den Menschen reden. Fünftens eine verbindliche Einarbeitung — wer in der ersten Woche nicht lernt, wie die Menschen hier kommunizieren, lernt es meistens nie. Sechstens Rituale gegen die Vergesslichkeit des Alltags. Ob es diese sechs Dinge gibt, entscheidet die Leitung — mit Stunden, Budgets und der eigenen Sprache.

Diese Ebene lässt sich übersetzen, auch wenn keine Einrichtung im Spiel ist. Zu Hause ist die Organisation die Runde aus Großeltern, Babysitterin, Kurzzeitpflege und Ferienbetreuung: Auch dort braucht es einen Ort, an dem steht, wie dieser Mensch kommuniziert. In der Schule sind es das Klassenteam samt Fachlehrkräften und Schulbegleitung — und die Schulleitung, die über Stunden und Standards entscheidet. In der Assistenz ist es die Übergabe: Was in fünf Minuten nicht weitergegeben werden kann, existiert im nächsten Dienst nicht. Bei jedem Wechsel — Gruppe, Klasse, Wohnbereich, Einrichtung — wandert deshalb ein Übergabepaket mit: Kommunikationspass, dokumentierte Gebärden und Ja/Nein-Verabredungen, im besten Fall ein kurzes Video. Wie ein Team sein Gesprächsverhalten gemeinsam trainiert, zeigt die letzte Einheit des Kurses „Ein guter Gesprächspartner werden“.

Es reicht nicht, wenn eine Person alles weiß.
Diese Person geht irgendwann weg.
Dann ist das Wissen weg. Und die Sprache auch.
Darum muss es aufgeschrieben sein.
Und alle im Haus müssen es lernen.

Die Übung: Die Acht-Punkte-Probe

Acht beobachtbare Fragen an Ihr Haus, Ihre Klasse oder Ihre Wohnung — zu beantworten mit Ja oder Nein, ohne Zwischentöne.

  1. Beantworten Sie die ersten vier Fragen nur mit Ja oder Nein: Sind die Kommunikationssysteme im Raum sichtbar und erreichbar? Kann jede Person im Team das System jedes Menschen mindestens grundlegend bedienen und anbieten? Wird modelliert, benutzen also die Erwachsenen die Tafeln und Geräte selbst, wenn sie sprechen? Ist Wartezeit normal — folgt auf eine Frage Zeit für die Antwort statt der nächsten Frage?
  2. Und die vier weiteren: Gibt es echte Entscheidungen mit kommunikativem Weg — Essen, Kleidung, Aktivität, Beschwerde? Werden neue Mitarbeitende in die Kommunikationswege eingearbeitet, bevor sie allein im Dienst sind? Wandert bei Übergängen ein Übergabepaket mit? Und die härteste: Kommunizieren die Menschen auch untereinander, nicht nur mit dem Personal?
  3. Zählen Sie die Ja-Antworten. Wer acht von acht hat, hat keine engagierte Einzelperson, die alles trägt — er hat eine Organisation, die trägt.
  4. Suchen Sie das eine Nein heraus, das am leichtesten zu drehen wäre, und schreiben Sie eine Person und ein Datum dazu. Ein Punkt, nicht fünf.

Schauen Sie sich Ihre Gruppe oder Ihr Haus an.
Sind die Tafeln und Geräte immer in der Nähe?
Können alle Mitarbeiter damit umgehen?
Lernen neue Mitarbeiter das gleich am Anfang?
Suchen Sie eine Sache aus, die Sie ändern.

Zum Nachdenken: Warum verschwindet Unterstützte Kommunikation so oft, wenn eine engagierte Fachkraft die Stelle wechselt?

Ihre Rückmeldung

Dieser Kurs lebt von den Menschen, die ihn benutzen. Anregungen und Verbesserungswünsche sind immer willkommen – was war unklar, was hat gefehlt, was hat in Ihrem Alltag nicht funktioniert? Schreiben Sie an lars.tiedemann@assistuk.net.

Wie fanden Sie den Kurs?
Schreiben Sie uns gerne.
Was war gut? Was war schwer?
Was hat gefehlt?
Die E-Mail-Adresse ist:
lars.tiedemann@assistuk.net

Zum Schluss

Wenn alle 8 Einheiten erledigt sind, können Sie eine Teilnahmebestätigung ausdrucken. Der Name wird nur in das Papier gedruckt – er wird nirgends gespeichert und nicht übertragen.

Sind alle Einheiten fertig?
Dann können Sie ein Blatt Papier ausdrucken.
Ihr Name kommt nur auf das Papier.
Wir speichern den Namen nicht.

Die Bestätigung wird möglich, sobald alle Einheiten erledigt sind.

Teilnahmebestätigung

Die Teilnehmerin oder der Teilnehmer hat die folgenden Lerneinheiten bearbeitet:
Was Unterstützte Kommunikation ist
  1. Was Unterstützte Kommunikation ist — und was nicht
  2. Wer sie braucht — die Diagnose stellt nur die Fragen
  3. Multimodal: viele Wege, ein System
  4. Die sechs Mythen — und was die Forschung sagt
  5. Haltung: im Zweifel für die Person
  6. Kommunikation ist ein Recht
  7. Die ICF als gemeinsame Sprache
  8. Von der Insel zum System
Ausgedruckt am .
Diese Bestätigung hält fest, welche Lerneinheiten bearbeitet wurden.
ASSISTUK Lars Tiedemann · Lise-Meitner-Straße 14 · 79100 Freiburg · assistuk.net