Cerebralparese & Unterstützte Kommunikation
Wenn die Muskeln nicht so wollen, heißt das nicht, dass nichts zu sagen wäre.
Worum es geht
Cerebralparese ist der Sammelbegriff für eine Gruppe von Bewegungsstörungen, die auf eine einmalige Schädigung des sich entwickelnden Gehirns zurückgehen – vor, während oder kurz nach der Geburt. Die Schädigung selbst schreitet nicht fort. Ihre Auswirkungen verändern sich aber mit dem Wachstum: Tonus, Gelenke, Wirbelsäule und Ausdauer sind mit 20 andere als mit 5.
Betroffen ist die Steuerung von Bewegung – und damit auch die Bewegungen, die zum Sprechen nötig sind: Atmung, Stimme, Zunge, Lippen, Kiefer. Eine bevölkerungsbasierte schwedische Studie fand bei mehr als jedem zweiten Kind mit Cerebralparese Probleme mit dem Sprechen: 21 Prozent sprachen mit deutlichen Sprechstörungen, 32 Prozent gar nicht lautsprachlich (Nordberg u. a. 2013). Das heißt umgekehrt auch: knapp die Hälfte spricht ohne größere Probleme. Für die andere Hälfte ist Unterstützte Kommunikation (UK) kein Sonderfall, sondern der Regelfall – für die einen als Hauptweg, für die anderen als zweiter Weg für all das, was nicht ankommt.
Wenn die Sprechmuskeln nicht wie gewollt arbeiten, heißt das fachlich Dysarthrie; ist verständliches Sprechen gar nicht möglich, Anarthrie. Beides ist ein Sprech-, kein Sprachproblem: Die Sätze sind im Kopf, der Körper gibt sie nicht oder nur verwaschen heraus.
Der wichtigste Satz zuerst: Eine Bewegungsstörung ist keine Aussage über Denken, Verstehen oder Persönlichkeit. Dieselbe Störung trifft auch das Zeigen, Greifen und Nicken – also ausgerechnet die Kanäle, über die man Verstehen üblicherweise nachweist. Ein Kind, das nicht auf das richtige Bild zeigen kann, „versagt“ in der Aufgabe, obwohl es die Antwort weiß. Der Blick auf das Verstehen wird dadurch systematisch nach unten verstellt. Lese- und Schriftsprache sind möglich; niemand ist „zu schwer behindert“, um zu kommunizieren. Was im Einzelfall passt, ist sehr individuell – die folgenden Ideen sind Anregungen, kein Rezept.
Cerebralparese kommt vom Gehirn.
Etwas im Gehirn wurde verletzt.
Das war vor oder bei der Geburt.
Die Verletzung wird nicht schlimmer.
Aber der Körper verändert sich beim Wachsen.
Bewegungen sind schwer.
Sprechen ist auch eine Bewegung.
Darum ist Sprechen oft schwer.
Etwa die Hälfte der Kinder spricht gut.
Die andere Hälfte hat Probleme damit.
Manche sprechen undeutlich.
Manche sprechen gar nicht.
Beiden hilft Unterstützte Kommunikation.
Ganz wichtig:
Schwere Bewegungen sagen nichts über das Denken.
Zeigen ist auch eine Bewegung.
Darum wirken viele Menschen dumm.
Sie sind es aber nicht.
Sie verstehen mehr, als sie zeigen können.
Lesen und Schreiben sind möglich.
Niemand ist zu schwer behindert, um zu reden.
Kein Bild passt auf alle
„Cerebralparese“ sagt noch nicht, wie jemand am besten ein Feld auswählt. Dafür lohnt der Blick auf die Art der Bewegungsstörung – sie hat sehr konkrete Folgen für den Zugang:
- Spastisch (die häufigste Form): erhöhte Muskelspannung, Bewegungen laufen zäh und in festen Mustern ab. Eine Kopfdrehung kann den Tonus im Arm verändern – deshalb gehört der Bildschirm mittig vor den Körper und nicht seitlich.
- Dyskinetisch (athetotisch, dyston): wechselnde Spannung, unwillkürliche Mitbewegungen. Sie nehmen bei Anstrengung, Aufregung und Aufforderung zu und lassen in Ruhe nach. Wer hier Druck macht, macht die Bewegung schwerer – nicht leichter.
- Ataktisch: unsichere Zielbewegungen, Zittern gerade kurz vor dem Ziel. Große Felder, eine abgestützte Hand und eine großzügige Wartezeit vor der Wiederholung helfen mehr als Training.
- Mischformen sind eher die Regel als die Ausnahme.
In Berichten stehen oft Kurzformen wie GMFCS (Grobmotorik) oder CFCS (Verständigung im Alltag), jeweils in fünf Stufen. Sie helfen Fachleuten, sich schnell zu verständigen. Über einen Menschen, seine Interessen und sein Verstehen sagen sie nichts – und sie sind kein Grund, ein Vokabular kleiner zu wählen.
Cerebralparese ist nicht bei allen gleich.
Steife Bewegungen:
Die Muskeln sind fest.
Der Bildschirm soll gerade vor dem Körper stehen.
Unruhige Bewegungen:
Der Körper bewegt sich von allein.
Bei Aufregung wird es mehr.
Machen Sie darum keinen Druck.
Wackelige Bewegungen:
Die Hand zittert kurz vor dem Ziel.
Große Felder helfen.
Und der Arm braucht eine Stütze.
In Berichten stehen manchmal Abkürzungen.
Zum Beispiel GMFCS oder CFCS.
Das sind nur Stufen für Fach-Leute.
Sie sagen nichts über einen Menschen.
Wenn Sprechen anstrengend wird
Viele Menschen mit Cerebralparese sprechen – nur eben undeutlich, leise oder in kurzen Stößen. Die Verständlichkeit ist dabei keine feste Größe: Sie schwankt mit Tagesform, Sitzhaltung, Müdigkeit, Aufregung und Geräuschpegel. Eltern und vertraute Personen verstehen fast alles. Entscheidend für Teilhabe ist aber, was Fremde verstehen – die Verkäuferin, der neue Mitschüler, die Vertretung im Dienst.
Deshalb ist Unterstützte Kommunikation hier fast nie ein Ersatz, sondern eine Ergänzung: Die eigene Stimme bleibt, wo sie ankommt. Das Gerät übernimmt, wo sie nicht ankommt – am Telefon, bei fremden Menschen, bei längeren Erzählungen, am Ende eines langen Tages. Diese Aufteilung ausdrücklich zu besprechen, nimmt viel Druck heraus. Sie ist kein Rückschritt und kein Eingeständnis.
Ein zweiter Punkt wird oft übersehen: Sprechen kostet bei Cerebralparese Kraft. Wer den ganzen Vormittag um Verständlichkeit gerungen hat, hat am Nachmittag nichts mehr übrig – nicht für Sprache und nicht für Bewegung. Ein zweiter Weg ist dann kein Luxus.
Viele sprechen undeutlich.
Mal besser, mal schlechter.
Das hängt vom Tag ab.
Und vom Sitzen. Und von der Müdigkeit.
Die Familie versteht meistens alles.
Fremde Menschen verstehen wenig.
Darum ist ein zweiter Weg gut.
Die eigene Stimme bleibt wichtig.
Das Gerät hilft nur dort,
wo die Stimme nicht ankommt.
Zum Beispiel bei fremden Menschen.
Oder am Abend, wenn man müde ist.
Sprechen kostet viel Kraft.
Am Abend ist die Kraft oft weg.
Sehen und Hören mitdenken
Cerebralparese kommt selten allein. Besonders häufig sind Veränderungen des Sehens – Schielen, eingeschränkte Augenbewegungen, Gesichtsfeldausfälle und die cerebrale Sehbeeinträchtigung (CVI), bei der die Augen in Ordnung sind und die Verarbeitung im Gehirn stockt. Das ist für ein Vokabular hoch relevant: Wie viele Felder passen auf eine Seite? Wie groß und wie kontrastreich müssen sie sein? Gibt es einen Bereich, in dem zuverlässig gesehen wird?
Genauso lohnt der Blick aufs Hören, auf Epilepsie und auf Medikamente, die müde machen. Wer eine schlechte Woche mit einem „geht nicht“ verwechselt, verwirft manchmal einen Weg, der eigentlich getragen hätte. Bevor ein Zugang als gescheitert gilt, gehören Sehen, Hören, Sitzposition und Tagesform geprüft.
Viele haben auch Probleme mit den Augen.
Zum Beispiel Schielen.
Oder das Gehirn kann Bilder schwer verstehen.
Das heißt CVI.
Darum ist wichtig:
Wie viele Felder passen auf eine Seite?
Wie groß müssen die Felder sein?
Prüfen Sie auch das Hören.
Und die Medikamente.
Manche Medikamente machen müde.
Ein schlechter Tag heißt nicht:
Es geht nicht.
Was dabei oft übersehen wird
Die Signale sind schwer zu lesen. Ein Lächeln kann durch die Muskelspannung wie eine Grimasse wirken, ein Blick zur Seite ein Reflex sein statt Abwendung. Wer die Person nicht kennt, deutet falsch – und hält echte Reaktionen für Zufall.
Wer nie Antwort bekommt, hört auf zu senden. Gehen Signale ins Leere, stellt ein Kind sie irgendwann ein. Es wirkt dann passiv – und ist es nicht. Diese erlernte Zurückhaltung ist eine Folge des Umfelds, nicht der Schädigung. Sie lässt sich auch wieder auflösen, aber das dauert länger, als sie entstanden ist.
Zuschauer im eigenen Gespräch. Man fragt die Begleitung statt die Person, spricht in der dritten Person über sie, vervollständigt ihre Sätze. Gut gemeint – und es nimmt ihr genau das Gespräch, um das es geht.
Nicht auf Reife warten. Es gibt keine Altersgrenze nach unten und keine Voraussetzung „muss erst lesen können“ oder „muss erst Ursache und Wirkung verstehen“. Je früher der Zugang da ist, desto besser – auch wenn am Anfang niemand weiß, wie weit der Weg führt.
Wenn Daten fehlen, soll die Annahme leiten, die im Irrtumsfall am wenigsten schadet. Wer sich beim Einschätzen irren muss, irre sich nach oben. Der Irrtum nach oben kostet eine Nachfrage. Der Irrtum nach unten kostet unter Umständen eine Bildungsbiografie.
Die Zeichen sind schwer zu verstehen.
Ein Lächeln sieht manchmal komisch aus.
Ein Blick zur Seite ist manchmal nur ein Reflex.
Fremde Menschen deuten das oft falsch.
Ohne Antwort hört man auf.
Ein Kind gibt viele Zeichen.
Wenn niemand antwortet, hört es damit auf.
Dann wirkt es ruhig und passiv.
Aber es ist nicht passiv.
Reden Sie mit der Person.
Nicht mit der Begleitung.
Und nicht über die Person.
Warten Sie nicht ab.
Man muss nicht erst lesen können.
Man ist nie zu jung dafür.
Früh anfangen ist besser.
Denken Sie im Zweifel gut über die Person.
Zu wenig zutrauen schadet sehr.
Zu viel zutrauen kostet nur eine Nachfrage.
Die erste Frage ist der Zugang
Bei den meisten Zielgruppen beginnt die Beratung beim Vokabular. Bei Cerebralparese beginnt sie eine Etage tiefer: Auf welchem Weg erreicht dieser Mensch überhaupt ein Ziel – zuverlässig, wiederholbar, ohne sich zu erschöpfen? Alles Weitere hängt an dieser Antwort. Nicht die Person muss zum Gerät passen, sondern der Zugang zur Person.
- Die Hand zuerst. Sie ist auch bei deutlicher Spastik oder Athetose häufiger nutzbar, als der erste Eindruck sagt – mit größeren Feldern, einem Fingerführraster, stabiler Lagerung und dem Mut, auch „unsaubere“ Berührungen gelten zu lassen. Hilfreich sind Einstellungen, die zur Motorik passen: Auslösen erst beim Loslassen, Wartezeit gegen Doppeltreffer, große Zielflächen. Ausprobieren lässt sich das mit TouchTo – die App bringt große Ziele, wählbare Aktivierung (Tippen, langes Drücken, Halten) und eine Touch-Kalibrierung mit, die einen systematischen Treffer-Versatz ausgleicht.
- Dann der Blick. Bei schweren Verlaufsformen ist er oft der präziseste verbliebene Kanal. Vorsicht in zwei Richtungen: Die Augenmotorik kann mitbetroffen sein, und ein erheblicher Teil der Kinder mit schwerer Cerebralparese hat zusätzlich eine cerebrale Sehbeeinträchtigung. Zum Ausprobieren ohne Gerät: GazeTo.
- Der Taster geht fast immer. Er lässt sich an jede zuverlässige Bewegung anpassen – Kopf, Knie, Handrücken, Fuß. ScanTo arbeitet mit einer oder zwei Tasten.
- Kopf- und Körperbewegung sind ein weiterer Weg; MoveTo erkennt Bewegung über die Webcam, ohne Zusatzgerät.
- Körpereigene Signale bleiben immer dabei. Blick, Mimik, Körperspannung, Laute und Gebärden sind die Grundlage, nicht die Notlösung.
Beim Taster steckt der klassische Fehler im Detail: das automatische Scanning als Einstieg. Dabei wandert die Markierung im Gerätetakt, und die Person muss im richtigen Moment drücken – Timing-Präzision ist aber genau das, was eine zerebrale Bewegungsstörung am schwersten macht. Lernfreundlich ist das schrittweise Scanning: Die Person schaltet selbst weiter und bestätigt selbst; sie hat das Tempo, nicht die Uhr. Automatisches Scanning hat seinen Platz später, wenn das Timing gereift ist.
Und: Zugänge schließen sich nicht aus. Viele Menschen mit Cerebralparese fahren mehrgleisig – Blick am frischen Vormittag, Taster am müden Abend – und wechseln über die Jahre. Der Zugang wird nicht einmal entschieden, sondern begleitet. Einen Überblick aller Wege gibt die Seite Ansteuerungsmethoden, den Einstieg in die Technik Erste Schritte mit Augensteuerung. Wer das Thema in Ruhe durchgehen möchte: Der kostenlose geführte Kurs Technik und Zugang nimmt sich genau dafür Zeit.
Die wichtigste Frage ist:
Wie kann dieser Mensch etwas auswählen?
Und zwar jeden Tag.
Und ohne dass es zu anstrengend wird.
1. Mit der Hand.
Das geht öfter, als man denkt.
Die Felder müssen groß sein.
Zum Ausprobieren gibt es TouchTo.
Die App ist kostenlos.
2. Mit den Augen.
Eine Kamera schaut, wohin die Augen gucken.
Zum Ausprobieren gibt es GazeTo.
3. Mit einer Taste.
Das geht fast immer.
Die Taste kann am Kopf sein.
Oder am Knie. Oder an der Hand.
Zum Ausprobieren gibt es ScanTo.
Wichtig bei der Taste:
Der Mensch soll selbst weiter-schalten.
Das Gerät soll nicht von allein laufen.
Sonst muss man im richtigen Moment drücken.
Und das ist sehr schwer.
Man kann auch mehrere Wege nutzen.
Morgens die Augen.
Abends die Taste.
Die zweite Frage ist die Zeit
Lautsprache erreicht 120 bis 180 Wörter pro Minute. Unterstützte Kommunikation erreicht oft 2 bis 25. Geduldiges Warten ist deshalb keine Höflichkeit, sondern fachliche Voraussetzung (Beukelman & Light 2020). Drei Regeln folgen daraus – sie klingen banal und werden ständig verletzt:
Antwortzeit ist keine Bedenkzeit. Zwischen Frage und motorischer Antwort können bei Athetose zehn oder fünfzehn Sekunden liegen, in denen die Antwort längst feststeht. Wer nach drei Sekunden nachfragt, umformuliert oder weiterhilft, bricht die laufende Bewegungsplanung ab – und bekommt nie eine Antwort, weil er nie eine zulässt. Frage stellen, dann schweigen und freundlich schauen. Nicht raten, nicht vorsagen, nicht das Thema wechseln.
Ermüdung erzeugt falsche Ergebnisse. Dieselbe Person trifft morgens zuverlässig und nachmittags kaum noch. Wer das nicht mitschreibt, misst nicht die Fähigkeit, sondern die Uhrzeit. Also: Systeme so auslegen, dass sie auch am schlechten Ende des Tages bedienbar bleiben – und wichtige Entscheidungen nie am schlechten Ende treffen.
Feste Plätze sind hier doppelt wertvoll. Jede motorische Routine, die sich bilden darf, spart genau die Bewegungsplanung, die am teuersten ist. Ein Vokabular, das seine Wörter umzieht, verlangt jedes Mal die teuerste Währung, die dieser Mensch hat. Mehr dazu unter Vokabularorganisation.
Sprechen ist schnell.
Ein Gerät bedienen ist langsam.
Viel langsamer.
Warten Sie lange genug.
Eine Antwort dauert oft 10 Sekunden.
Manchmal auch 15 Sekunden.
Zählen Sie innerlich mit.
Sagen Sie nichts dazwischen.
Und raten Sie nicht.
Müdigkeit verändert alles.
Morgens klappt es oft gut.
Nachmittags klappt es schlecht.
Wichtige Sachen also nicht abends testen.
Die Wörter sollen immer am gleichen Platz sein.
Dann muss man nicht suchen.
Und die Hand lernt den Weg von allein.
Was im Alltag hilft
Position vor Technik. Sitzhaltung, Beckenstabilität, Fußabstützung, Kopfstütze und Gerätehalterung entscheiden oft mehr über Treffsicherheit als jede Software-Einstellung. Der beste Zugang nützt nichts, wenn der Körper keinen Halt hat.
Das Gerät ist da. Erreichbar, geladen, montiert – auch beim Essen, draußen, im Bett und im Urlaub. Ein Sprachcomputer im Schrank kann nicht sprechen.
Alle machen mit. Nicht nur eine Bezugsperson, sondern Familie, Kita, Schule, Assistenz und Therapie. Und alle benutzen das System selbst mit – ohne Testabsicht. Dieses Vormachen ist diagnoseübergreifend gut belegt und gehört zu den wenigen Dingen, die verlässlich wirken.
Übersetzen verboten. Viele Menschen mit Cerebralparese wachsen mit einem Umfeld auf, das sie perfekt versteht – Eltern, die jeden Laut und jede Kopfbewegung lesen. Das ist ein Schatz und eine Falle zugleich: Wer zu Hause verstanden wird, „braucht“ das Gerät dort nicht – und hat es dann in der Schule, in der Klinik und im späteren Leben nicht gelernt, wo niemand die Familiensprache der Bewegungen liest. Die Antwort ist nicht, das vertraute Verstehen abzuschaffen, sondern beides zu pflegen: die schnellen körpernahen Signale für die Vertrauten – und das System für die Welt.
Echte Anlässe schaffen. Wo es nichts zu entscheiden gibt, gibt es wenig zu sagen. Und das Vokabular darf nicht bei Essen, Trinken und Schmerz aufhören: Ablehnen, kommentieren, Witze machen, jemanden rufen, die Meinung sagen – Wörter wie nochmal, mehr, aufhören, doof, schau mal gehören von Anfang an dazu. Wie man dabei selbst zum guten Gegenüber wird, steht unter Guter Gesprächspartner; zum Üben gibt es die kostenlose App PartnerTo.
Gutes Sitzen ist wichtig.
Wichtiger als die Technik.
Der Körper braucht Halt.
Dann trifft die Hand besser.
Das Gerät muss immer dabei sein.
Auch beim Essen.
Auch draußen.
Auch im Bett.
Ein Gerät im Schrank hilft nicht.
Alle machen mit.
Die Familie. Die Schule. Die Assistenz.
Und alle zeigen selbst auf dem Gerät.
Einfach so. Nicht als Test.
Die Familie versteht oft alles.
Das ist schön.
Aber es ist auch ein Problem.
Denn zu Hause braucht man das Gerät dann nicht.
In der Schule aber schon.
Darum: beides üben.
Es muss etwas zu sagen geben.
Nicht nur Essen und Trinken.
Auch: mehr, nochmal, aufhören, doof, schön.
Zum Üben gibt es die App PartnerTo.
Schrift ist die spätere Autobahn
Ein Vokabular muss die Entwicklung tragen können, nicht nur den Ist-Stand bedienen. Für Kinder mit Cerebralparese heißt das vor allem: Das ABC wächst von Anfang an sichtbar mit. Wer einmal buchstabieren kann, ist von Symbolsammlungen unabhängig und kann alles sagen – auch das, was niemand vorher auf eine Seite gelegt hat. Der Weg dorthin ist lang und führt über Jahre der Symbolkommunikation. Aber er muss von Beginn an im System angelegt sein, sonst wird er nie betreten. Mehr dazu unter Lesen und Schreiben (Literacy).
Und weil die Motorik das Tempo begrenzt, zählt hier jede Effizienzhilfe doppelt: Wortvorhersage, Kernwörter auf festen Plätzen, kurze Wege zu häufigen Aussagen. Das Ziel ist nicht der schnelle Satz. Das Ziel ist, dass ein Satz die Person nicht mehr kostet, als er ihr wert ist.
Das ABC soll von Anfang an dabei sein.
Auch wenn das Kind noch nicht lesen kann.
Denn wer schreiben kann, kann alles sagen.
Auch Wörter, die nicht auf der Seite stehen.
Das dauert viele Jahre.
Aber der Weg muss von Anfang an da sein.
Hilfreich ist auch:
Das Gerät schlägt Wörter vor.
Dann muss man weniger tippen.
Erste Schritte, die sich lohnen
- Eine Woche lang Antworten zulassen. Nach jeder Frage innerlich bis zehn zählen, bevor irgendetwas nachkommt. Das kostet nichts und verändert oft mehr als jede Anschaffung.
- Notieren, was schon da ist. Welcher Blick, welcher Laut, welche Bewegung heißt regelmäßig etwas? Diese Liste ist der Anfang jedes Systems – und sie gehört an die Wand, damit alle dasselbe lesen.
- Ja und Nein verlässlich machen. Zwei feste Orte oder Signale, die sich nie ändern – und die konsequent gelten, auch wenn die Antwort unerwartet ausfällt. Ein „Nein“, das ignoriert wird, entwertet das ganze System.
- Zugangswege ausprobieren. Kostenlos und ohne Installation im Browser: TouchTo für die Hand, GazeTo für den Blick, ScanTo für den Taster. Erst Ursache und Wirkung, dann Auswahl.
- Sitz und Position prüfen lassen. Gemeinsam mit den Menschen, die ohnehin dabei sind – Physiotherapie, Ergotherapie, Sanitätshaus. Oft ist die Halterung das eigentliche Thema.
- Versorgung anstoßen. Ein eigenes Gerät ist eine Hilfsmittelversorgung. Wie der Weg dorthin aussieht, steht unter Hilfsmittel beantragen. Beratung, Erprobung, Lieferung und Schulung der Geräte laufen über REHAVISTA und deren Partnerfirmen – was dort in welchem Umfang möglich ist, entscheiden diese, nicht wir.
So können Sie anfangen:
1. Warten Sie nach jeder Frage.
Zählen Sie innerlich bis 10.
2. Schreiben Sie auf, was schon da ist.
Welcher Blick bedeutet etwas?
Welcher Laut bedeutet etwas?
Hängen Sie die Liste auf.
3. Machen Sie feste Plätze für Ja und Nein.
Die Plätze bleiben immer gleich.
Nehmen Sie ein Nein auch ernst.
4. Probieren Sie die Apps aus.
Sie sind kostenlos.
Mit der Hand: TouchTo.
Mit den Augen: GazeTo.
Mit einer Taste: ScanTo.
5. Prüfen Sie das Sitzen.
Fragen Sie die Therapeutin.
Oder das Sanitätshaus.
6. Ein eigenes Gerät muss beantragt werden.
Wir zeigen Ihnen, wie das geht.
Die Firma REHAVISTA liefert die Geräte.
In anderen Ländern gelten andere Regeln.
Die Geräte und Apps kann man überall benutzen.
Was oft passt
Vokabulare & Seitensets (Grid):
- Scripo Start – Einstieg mit großen Feldern, gut für Blick und Taster.
- Scripo Pro – umfassende Unterstützte Kommunikation mit Literacy, wächst mit.
- Clavis – Tastatur mit Wort- und Satzvorhersage, wenn geschrieben wird.
- EyeKeyBoard – Schreiben per Augensteuerung (Windows).
Kostenlose Apps zum Ausprobieren:
Zum Malen, Musikmachen und einfach Mitmachen gibt es außerdem DigitalPainters und DigitalMusic – beide lassen sich mit Blick, Taster oder Touch bedienen.
Das kann gut passen:
Zum Anfangen: Scripo Start.
Zum Mitwachsen: Scripo Pro.
Eine Tastatur: Clavis.
Schreiben mit den Augen: EyeKeyBoard.
Zum Ausprobieren gibt es kostenlose Apps.
Mit der Hand: TouchTo.
Mit den Augen: GazeTo.
Mit einer Taste: ScanTo.
Zum Malen gibt es DigitalPainters.
Zum Musik machen gibt es DigitalMusic.
Was gesichert ist – und was nicht
Zur Ehrlichkeit gehört der unbequeme Teil. Die Cochrane-Übersicht zur Sprach- und Kommunikationstherapie bei Kindern mit Cerebralparese (Pennington u. a. 2004) kommt zu einem nüchternen Schluss: positive Tendenzen, aber keine belastbare Wirksamkeitsevidenz im strengen Sinn – zu wenige kontrollierte Studien, zu kleine Stichproben, zu unterschiedliche Messgrößen. Wer Ihnen für ein bestimmtes Verfahren bei Cerebralparese „bewiesene Wirksamkeit“ verspricht, verspricht mehr, als die Literatur hergibt.
Daraus folgt nicht Nichtstun. Es folgt Vorsicht in der Sprache – wir schreiben „kann“, nicht „wird“. Es folgt der Blick auf das, was diagnoseübergreifend gut belegt ist: begleitendes Zeigen auf dem System, geschulte Gesprächspartner, früher Beginn. Und es folgt die dokumentierte Entwicklung der einen Person als Ersatz für die fehlende Gruppenevidenz: dieselben Aufgaben, über Monate festgehalten.
Es gibt wenig Forschung dazu.
Niemand kann sagen:
Das wirkt ganz sicher.
Aber ein paar Sachen helfen fast immer.
Zum Beispiel: selbst mit-zeigen.
Und: früh anfangen.
Am wichtigsten ist:
Schreiben Sie auf, was sich verändert.
Dann sehen Sie den Fortschritt.
Zum Weiterlesen
Aus erster Hand: Nele Diercks hat selbst eine zerebrale Bewegungsstörung – die Form heißt Athetose – und beschreibt auf ihrer Website in einfacher Sprache, was das im Alltag bedeutet: Meine Bewegungsstörung. Sie arbeitet bei kommunikation+ und berät dort gemeinsam mit Lars Tiedemann.
Weiter auf dieser Website: Ansteuerung im Überblick · Guter Gesprächspartner werden · Cerebrale Sehbeeinträchtigung (CVI) · Hilfsmittel beantragen · Glossar.
Anlaufstellen und Literatur:
- bvkm – Bundesverband für körper- und mehrfachbehinderte Menschen – kostenlose Rechtsratgeber zu Pflege, Teilhabe und Hilfsmitteln, verständlich geschrieben und regelmäßig aktualisiert.
- GesUK – Gesellschaft für Unterstützte Kommunikation – Fortbildungen und wohnortnahe Beratung; hier finden Sie Fachleute in Ihrer Nähe.
- Nordberg, A. u. a. (2013): Speech problems affect more than one in two children with cerebral palsy. Acta Paediatrica 102(2) – die bevölkerungsbasierte Zahl aus dem ersten Abschnitt.
- Clarke, M. / Price, K. (2012): Augmentative and alternative communication for children with cerebral palsy. Paediatrics and Child Health 22(9) – klinische Übersicht.
- Burkhart, L.: Stepping Stones to Switch Access – Praxismaterialien zum schrittweisen Scanning; Erfahrungswissen, keine Leitlinien-Evidenz.
- Boenisch, J. / Sachse, S.: Arbeiten zum Kernvokabular (Kölner Korpus) – Grundlage dafür, warum wenige häufige Wörter wichtiger sind als viele Hauptwörter.
Diese Seite ersetzt keine individuelle Beratung. Die medizinische Seite – Tonus, Lagerung, Epilepsie, Hüfte, Schmerz – gehört in ärztliche und therapeutische Hände; hier geht es nur um Kommunikation. Fragen zur Versorgung beantworten REHAVISTA oder deren Partnerfirmen, wohnortnahe UK-Beratung vermittelt die GesUK.
Nele Diercks hat auch eine Bewegungs-Störung.
Sie erzählt davon auf ihrer Website.
Die Seite heißt: Meine Bewegungs-Störung.
Nele arbeitet bei kommunikation+.
Der bvkm hat gute Rat-Geber.
Sie sind kostenlos.
Sie erklären Ihre Rechte.
Die GesUK kennt Fach-Leute.
Vielleicht auch in Ihrer Nähe.
Fragen zur Gesundheit gehören zum Arzt.
Hier geht es nur um das Reden.
Die ausführliche fachliche Grundlage – Zugangswege, Zeit, Kompetenzvermutung und die ehrlich gelesene Studienlage, mit geprüften Quellenangaben auf sieben Seiten – steht als Grundlagentext bereit: „Der Umweg ist der Weg“ (PDF). Alle Grundlagentexte, auch die englischen Fassungen, stehen unter Downloads.
Es gibt einen längeren Text zum Herunterladen.
Er erklärt alles genau.
Er hat 7 Seiten.
Was passt für uns?
Der Vokabular-Finder führt in drei Schritten zu einer Empfehlung – oder wir schauen gemeinsam in einer Beratung, was zu Ihnen oder Ihrem Kind passt.
Sie wissen nicht, was passt?
Probieren Sie den Vokabular-Finder.
Oder fragen Sie uns.
Wir helfen Ihnen gern.